Sonntag, 13. Dezember 2009

Bären starke Filme in „Bärlin“ auserkoren

Erstmals Gold für Peru

Die Peruanerin Claudia Llosa, Regisseurin von "La Teta Asustada" (The Milk of Sorrow / Die Milch des Leids) ist die strahlende Gewinnerin des Goldenen Berliner Bären für den besten Film 2009. Der Andenstaat hatte zum ersten Mal überhaupt mit einem Film am Wettbewerb teilgenommen und trägt nun gleich beim ersten Anlauf Gold mit nach Hause.
Allerdings ging auch schon im vergangenen Jahr der Goldene Bär für den brasilianischen Streifen "Tropa De Elite" (Eliteeinheit) nach Lateinamerika.

Die Goldenen Bären belohnen dankenswerter Weise sehr oft politisch humane Anliegen, nicht immer sind dies dann auch Beispiele für die Ausnutzung aller Register, die das Medium Film bietet. In diesem Fall aber schon. Die Geschichte packt, die Hauptperson Magaly Solier als Fausta fesselt und die Bilder sind stimmig.

Worum geht es? Die "Milch des Leids" sei eine Krankheit, die unabhängig von bakterieller Ansteckung durch die Muttermilch übertragen wird. Es geht um das Leid der in Peru während der Terror-Jahre misshandelten oder vergewaltigten Frauen. Die besondere Leistung des Films ist, dass er das abschreckend schreckliche Thema so anmutig behandelt wie ein Meer von Lotusblüten und dennoch genau den Nerv trifft.

Den Fluch der vererbten Angst in sich tragend arbeitet die bildhübsche Fausta aus Lima stellvertretend für 70 000 Menschen ihre Vergangenheit auf. Die Leidenden wurden in den Jahren 1980 bis 2000 Opfer von Mord, Vergewaltigung, Entführungen oder anderen Menschenrechts-Verletzungen.

Im Film sieht man nicht die mühevolle Arbeit der 2001 eingesetzten peruanischen "Wahrheitskommission" (Comisión de la Verdad y Reconciliación, CVR), die die Aufgabe hatte die Verbrechen im Krieg zwischen den Guerilla-/Terrororganisationen auf der einen Seite und den Staatsorganen von Peru auf der anderen Seite aufzuklären.
Der Film fokussiert sich gänzlich auf seine mit großer Zurückhaltung gespielte aber sehr ausdrucksstarke Hauptperson, die Ihre aus den Anden zu ihr in die Stadt gezogene Mutter nun bestatten muss. Der Mutter ist das Leid widerfahren, die Tochter hat es abbekommen, bevor sie es überhaupt mit der Muttermilch in sich aufnehmen konnte. Nach dem Tod der Mutter bleibt Fausta allein zurück mit all den bösen Geschichten, die ihr die Mutter erzählt hatte. Sie hat Angst, sich allein in der Stadt zu bewegen, weil sie aus den Erzählungen der Mutter die Bedrohungen kennt. Weil sie Geld braucht, um die Verstorbene zum Begräbnis ins Dorf zurückzuführen, arbeitet sie bei einer reichen Musikerin in der Stadt. Fausta agiert im Schnittmuster der Schere von Arm und Reich, von Gut und Böse, vor allem im letzteren. Sie tastet sich langsam vorwärts. Aus der Aura der Angst heraus führt die Reise zu sich selbst.
Die peruanische Regisseurin Claudia Llosa beschreibt in ihrem behutsamen Erzählkino mit verblüffender Leichtigkeit die Rückgewinnung der Seele, Schritt für Schritt und mit einem subtilen Sinn für Humor. Dieser "Angst-essen-Seele-auf-Film" aus Peru findet wunderbare Bilder gegen die Sprachlosigkeit einer verlorenen Generation.
Peer Kling / Elisabeth Niggemann


Faustas (dargestellt von Magaly Solier) traurig abwartende Mandel-Augen voll verborgenem Schmerz sind Sinnbild und Sensor für Einblicke, Einsichten und Aussichten innerhalb des kleinen Spielraumes, den die gnadenlos auf Vorteilsausnutzung bedachten Mächtigen und Vermögenden offen lassen.

Foto: Verleih