Mittwoch, 23. Dezember 2009

Belgisch Niederländisch Deutsche Filmtage Hückelhoven 2009



In der Aula des Gymnasiums Hückelhoven im Kreis Heinsberg fanden vom 20. bis 22. November 2009 die 38sten Belgisch Niederländisch Deutschen Filmtage statt.

"Aha, also zum 38sten Mal und wieso habe ich noch nie etwas davon gehört?" So mag es einigen Film interessierten Zeitgenossen der Region ergehen. Ja, ja die Zeitungsgrenzen.
Also eine Zeitungsgrenze ist, wenn … in Hückelhoven die bekannten Filmtage stattfinden und in Aachen nichts davon in der Zeitung steht. Aber es gibt ja noch die Filmwelt.

Zu den Belgisch Niederländisch Deutschen Filmtagen werden jeweils Schüler aus den drei Ländern eingeladen, die dann mit Bussen nach Hückelhoven kommen. Sie genießen ein verlängertes Wochenende lang bei Vollpension neueste oder auch retrospektiv altbewährte Filmproduktionen dieser Länder. Die Schülerinnen und Schüler, meist so zwischen 16 und 18 Jahre alt, reisen mit Heia-Kissen und Schmusetieren an, aber manchmal muss auch der Nachbar oder die Nachbarin herhalten.


Es werden saure Fritten oder Chips gereicht, gekaut und geraschelt, aber wenn es heiß her geht, ist es mucks-mäuschen still im Kino-Saal. Und während der Vorstellung vergessen die Zuschauer den Sichtbeton und das Orange der 70er Jahre der viele hundert Zuschauer fassenden Aula des Gymnasiums der früheren Bergbaustadt.


Der Eingang zur Aula des Gymnasiums in Hückelhoven – für ein Wochenende Filmpalast

Für die Leitung und Organisation ist seit Jahrzehnten die gute Seele Gisela Münzenberg-Wiers aus Aachen zuständig. Ihr stehen drei Länder spezifische Filmkenner zur Seite. Der Medienpädagoge und Filmkritiker Rolf-Rüdiger Hamacher ist den Aachenern als langjähriger Filmspezialist der "Aachener Nachrichten" oder auch des "filmdienst" im Gedächtnis. Hay Joosten vom Huis voor der Kunsten in Limburg und Arlet Billiau von Jekino in Brüssel komplettieren das Euregio-Kleeblatt. vierblättrig, ein Glücksfall eben.

Das Programm soll mit Spiel- und Kurzfilmen einerseits einen aktuellen Überblick über das Filmschaffen der drei Länder geben, ist aber andererseits gezielt auf Jugendliche zugeschnitten und bislang wurden auch immer die jüngsten mit einem Kinderfilm bedacht.

Die Vorstadtkrokodile in ihrem Hauptquartier (Foto: Verleih)

Dieses Jahr begann das Festival mit der Vorführung der populären Verfilmung der "Vorstadtkrokodile" von Regisseur Christian Ditter. Das ist für Hückelhoven ein ganz besonderer Film, denn das Kohlenpott-Original wurde zum Teil in Hückelhoven gedreht, denn da findet man noch Bergbauatmosphäre, auch wenn keine Kohlenproduktion mehr dahinter steht.

Und die lokalen Anwohner sind auch alle Jahre wieder herzlich eingeladen zuzuschauen, aber das Angebot wird nur vereinzelt angenommen, obwohl für die Kinofilme traditionell, toi, toi, toi kein Eintritt verlangt wird.

Projiziert wird zu etwa einem Drittel in 35 mm Kinoformat mit Überblend-Technik. Die Aula verfügt über zwei fest installierte Projektoren. Vorführer Chris Benesch, schon viele Jahre dabei, ist auch dieses Jahr wieder von fern angereist und fühlte sich gleich wieder zu Hause in "seiner" Vorführkabine.
Die meisten Filme liegen mittlerweile als DVD vor. Ralph Olbrich, die Aachener kennen ihn als DEN Open Air Techniker, hat sich noch schnell ein neues Beamer-Modell gekauft, das in Hückelhoven Premiere feierte. Für ein spezielles Format, das nur bei Filmprofis Verwendung findet, wurde eigens ein Abspielgerät "eingeflogen".

Neben Langfilmen gibt es auch immer eine Reihe von Kurzfilmen. Dieses Jahr musste das bereits angekündigte Programm jedoch stark abgeändert werden. Die ausgesuchten Streifen haben die Chance bekommen zur Berlinale gezeigt zu werden, und die Statuten verlangen, dass sie vorher nicht auf anderen Festivals gezeigt werden dürfen.
Selbst gedrehte Filme sind die beste Methode für Schüler, sich dem Medium zu nähern. Eine Deutschlehrerin an dieser Schule erzählte mir nicht ohne Stolz von vergangenen Projekten.

Dass selbst ein Spielfilm verhältnismäßig einfach sein kann in der Herstellung und gar nicht so viele Personen für eine herzerfrischende Geschichte von Nöten sind, zeigt das Regiedebüt von Christophe van Rompaey: "Aanrijding in Moscou", Belgien 2008.

Schlüsselszene aus „Aanrijding in Moscou“
Links: Matty, rechts Johnny, in Gelb: Die zweite Haut von Johnny
(Foto: Verleih)

Moscou bezeichnet ein Arbeiterviertel von Gent. Der deutsche Verleihtitel "Neulich in Belgien" verharmlost den Zusammenstoß, sprich "Aarijding" der im Film 43jährigen Matty und dem 14 Jahre jüngeren Johnny, der halt um sich herum meistens einen Sattelschlepper hat. Mit beteiligt am liebenswerten Chaos sind Töchter im vor- und nachpubertären Alter und ein beleidigter Ehemann, der den Sprung zum Ex nicht schafft. Von der Kritik wurde diese in belgischen Kinos sehr erfolgreiche Komödie für seine Warmherzigkeit und Realitätsnähe ausgezeichet.


Bei der morgendlichen Diskussion haben sich die Teilnehmer auf drei Klassenräume aufgeteilt. Hagen Keller, Regisseur von "Meer is´nicht", Froukje Tan als Regisseurin von "Links" und Filmfest-Mitarbeiter Pau Ickx traten nach dem Rotationsprinzip vor das interessierte Publikum.

Stufe eins: Den gemeinsamen Sprachnenner finden, bei Hagen Keller ist es Englisch. Why: "Meer is´ nicht"? wird gefragt. Hinter diesem Filmtitel verbirgt sich die Geschichte einer Schülerin, die um ihre berufliche Zukunft ringt, vor allem mit dem Vater. Berufsziel Schlagzeugerin. Elinor Lüdde lebt in der Rolle Lena vor der Kamera fast 1:1 ihre eigene Geschichte nach. Ein Double hinter dem Schlagzeug ist in der Tat nicht nötig. Regisseur Hagen Keller, der die echte Lena also Elinor seit Jahren gut kennt, wollte nur sie in dieser Rolle. Ein Problem war die Jahre lange Vorlaufzeit bis all die formalen Dinge vor allem auch die Finanzierung geklärt waren. Hagen fürchtete, Elinor könnte über die Jahre zu erwachsen werden. Ja, und wieso dieser Titel? Beim Dreh gab es immer Einschränkungen zu bewältigen, so dass die Redewendung "Mehr gibt´s nicht" sich als Arbeitstitel heraus kristallisierte. Die Produzenten lehnten erst entschieden ab, ließen sich dann aber schließlich von diesem "MEER-deutigen" Titel überzeugen.


Elinor Lüdde als Lena in "Meer is´nicht" (Foto: Verleih)

Froukje Tan aus den Niederlanden ist Drehbuchautorin und Regisseurin von "Links". Dexter – auf lateinisch der Ausdruck für rechts - wird dargestellt von Jeroen van Koningsbrugge. Er spielt einen jungen Mann, dem die Wahrnehmung für links fehlt, dessen Hirn alles, was sich links befindet ausblendet. Außerdem besteht für ihn die Welt aus vier bis fünf beständig um ihn herum auftauchenden Basisgesichtern. Ein selbsterklärender Filmtitel diesmal und doch taucht aus dem Publikum die Frage auf, könnte "Links" nicht auch Verbindung bedeuten, souzusagen zum Anklicken für den in einem festen Bezugsrahmen Gefangenen? Die Diskussion findet nun ausschließlich auf niederländisch statt, eine echte Herausforderung.
In der dritten Runde fragt Pau Icks nach dem "merkwaardigste" Film, er meint "bemerkenswert"; "merkwürdig" im Sinne von etwas seltsam könnte für den Film, der nun fast unisono genannt wird aber auch zutreffen: "Unspoken" oder auch "Non-dit" im Sinne von "unausgesprochen" ist der zweite Abend füllende Spielfilm von Regisseurin Fien Troch. Die jungen Menschen zeigen eine Mischung aus Verständnis, Mitleid und Ehrfurcht für diese Geschichte des unerklärlichen Verschwindens der 14-jährigen Lisa und dem damit verbundenen Abgrund in dem sich die Eltern nun befinden, ein Film, der viele Fragen aufreißt und dann auch offen läßt.

Auch im nächsten Jahr halten die Veranstalter an der Tradition fest. Die Belgisch Niederländisch Deutschen Filmtage werden stattfinden – wie immer – am dritten Wochenende im November – tot zins!

Peer Kling

Website des Festivals: www.filmtage-hueckelhoven.de

Alle Fotos ohne besondere Angaben sind dem Veranstaltungsprogramm entnommen.