Montag, 14. Dezember 2009

"London River"

Der Silberne Bär für den besten Schauspieler ging an Sotigui Kouyaté als Ousmane in "London River" (Großbritannien).

Nicht immer lässt sich vom Filmtitel auf das Thema schließen, wie auch bei "London River" nicht. Mit dem Fluss hat es eigentlich nichts auf sich, es sei denn im übertragenen Sinn als Fluss der Zeit. Wie viel Themse-Wasser muss die Wunden lecken, um sie zu heilen? Von der Metropole London ist der Film allerdings sehr geprägt. Die Filmgeschichte spinnt sich rund um den wirklich passierten Bombenanschlag in der Londoner Untergrundbahn vom 7. Juli 2005.

Not verbindet. Und dieser Film ist ein gutes Beispiel für das Grundgesetz für soziale Netzwerke, besser bekannt als das "Jeder-kennt-jeden-Gesetz". Über 6,6 Ecken im Durchschnitt sagt die Wissenschaft, kennt jeder jeden. Hier im Film ist der Bezug etwas direkter. Ein junges Paar aus verschiedenen Kulturkreisen lebt zusammen in einer Wohnung. Jeweils ein Elternteil der beiden macht sich nun angesichts der Unsicherheit, die der Terror verbreitet, große Sorgen. Für beide Elternteile, sie kennen sich bislang nicht, ist das Paar telefonisch nicht erreichbar.

Der Akku im Nacken der Zuschauer wird von Anfang an aufgeladen mit der Angst um dieses Paar. Die sprichwörtliche Suspense-Bombe, hier unter die Existenz der beiden gelegt, ist sehr präsent und wörtlich zu nehmen.

Doch die eigentliche Geschichte in Rachid Boucharebs Drama ist der Film im Film.
Das spannende ist, wie sich die brüske Ablehnung seitens der Tochter-Mutter, Mrs. Sommers, wunderbar dargestellt von Brenda Blethyn, gegenüber Ousmane, dem Sohn-Vater schrittweise umpolt. Der äußere Druck führt zur Annäherung. Die Chemie der beiden stimmt zunächst überhaupt nicht, es fehlt einseitig Abgrund tief an Aktivierungsenergie. Natürlich prallen da Welten aufeinander. Die Mutter lebt im satten Grün auf der Insel Guernsey und hat noch nicht so viel Gelegenheit genossen, über den Teller-, eh Inselrand hinaus zu schauen. Und der aus Afrika stammende Vater ist für die Frau schon rein äußerlich jenseits ihres Erfahrungshorizontes.
Wir tauchen ein in eine Charakterstudie, schlagen uns herum mit Vorurteilen, mit der Ablehnung des Fremden, werden dann aber erlöst als Zeuge des Aufweichens starrer Ansichten und folgen den Einsichten, ohne je einen Fingerzeig zu verspüren.
Beide spannt die Unwissenheit um das Schicksal der Kinder auf die Folter, aber wir fühlen insbesondere mit Ousmane, der zusätzlich zum kaum auszuhaltenden Leid auch noch die Ablehnung seiner Leidensgenossin ertragen muss.
Wir fühlen die geistige Stärke von Ousmane, der körperlich ein Klappergestell, mit Beharrlichkeit und liebevollem Verständnis den körperlichen und auch finanziellen Limits zum Trotz sein Ziel verfolgt. Seine stoische Ruhe und Geduld, genährt von Lebensweisheit wird kontrastiert von der Borniertheit seiner, tja, hier würde man vielleicht gar sagen von seiner Schwiegermutter in spe. - "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Wer ist Sotigui Kouyaté?
Der in Rachid Boucharebs Drama "London River" für die Rolle des Ousmane mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Schauspieler Sotigui Kouyate war dem Berlinale Publikum bereits bekannt. Er spielte 2001 in "Little Senegal" die Hauptrolle. Der Film des gleichen Regisseurs hatte es in den Wettbewerb geschafft, ging bei der Preisvergabe aber leer aus.
Auch in "Little Senegal" begibt sich der Hauptdarsteller auf Reisen, um den Lebensgeschichten seiner Mitmenschen näher zu kommen. Zu Hause in Afrika waren die Sklaven-Schicksale für ihn als Museums-Mitarbeiter sein Film-Thema. Ein Double Feature als kleines Filmfest der Spurensuche böte sich an, denn in beiden Filmen führt Sotigui Kouyate mit seiner souveränen Schauspielkunst in ruhigen Schritten gekonnt durch gelebtes Leben ganz im Sinne eines melancholischen Blues.

Sotigui Kouyaté wurde 1936 in der Stadt Bamako, damals Französisch-Sudan, heute die Hauptstadt von Mali geboren, nicht zu verwechseln mit Bamoko, Kamerun. Vor seiner Karriere als Schauspieler war er Nationalspieler für die Nationalmannschaft Obervoltas, des heutigen Burkina Faso.
Ougadougou, die Hauptstadt von Burkina Faso, ist übrigens 2009 zum 40ten mal Schauplatz des wunderbaren afrikanischen Filmfestes FESPACO.
Seit Jahren arbeitet Sotigui Kouyaté nun schon als burkinischer Schauspieler. Seine Eltern stammten aus Gambia. Er ist Vater des Regisseurs Dani Kouyaté.
Peer Kling / Elisabeth Niggemann


Kontrastprogramm: Durch das Schicksal vereint und doch "sehr apart from another"
Sotigui Kouyaté als Ousmane und Brenda Blethyn als Mrs. Sommers in Rachid Boucharebs Drama "London River".

Foto: Verleih