Sonntag, 7. März 2010

IFFR - International Film Festival Rotterdam


IFFR - International Film Festival Rotterdam
27 January - 7 February 2010

einige Peermerkungen:
Rotterdam bietet alljährlich eine weltweit zusammengetragene Riesenauswahl an unabhängigem, innovativem und experimentellem Kino. Zusammen mit den Film bezogenen Visual-Arts-Ausstellungen und den Live-Performances kommt man auf über 1000 Veranstaltungen.

Was ist ein guter Film?
Im Rheinland hat längst die fünfte Jahreszeit begonnen und das Stichwort lautet: STIMMUNG. Anders in Rotterdam. Spätestens bei der Premiere und davon gibt es in Rotterdam jedes Jahr reichlich viele, beginnt zeitgleich zur Stimmung im Rheinland für die gezeigten Filme der Ernst des Lebens: Die ABSTIMMUNG entscheidet über ihr Schicksal.

Das funktioniert so: Neben den Tigern und sonstigen Preisen gibt es den
Publikumspreis. Jede Besucherin bekommt eine Stimmkarte. Was? Ja, ja, die Besucher auch, doch, doch.
Da kann frau durch einreißen an der betreffenden Stelle zwischen EIN (= sehr schlecht) und FÜNF Punkte (= sehr gut) vergeben. Daraus wird die Durchschnittsnote für das Ranking errechnet. Die Ranking-Liste: http://www.filmfestivalrotterdam.com/en/IFFR-2010/audienceaward/
umfasst 180 Filme. Zwischen Dokumentar- und Spielfilm wird nicht unterschieden. Kurzfilme nehmen nicht an diesem Ranking teil. Es wird auch die Zahl der eingegangenen Stimmen mit angegeben. Manche Filme haben nur 100 und andere 1300 Leute gesehen. Das ist eine saubere Statistik, bloß irren halt zuweilen die 100 000 Fliegen, mag die ein oder der andere bemerken.

"24 Bilder pro Sekunde" - Einstellung aus Ruhr von James Bennings  
Wie heißt es in der Feuerzangenbowle so schön? "Ich hab' Zeeeeeeeit"

Solch eine Umfrage ist zweifellos abhängig von der Zeit und für manche Filme ist die Zeit noch nicht reif genug. Zum Beispiel ist ein Verständnis für Filme in Echtzeit also die Filme ohne das Stilmittel der Zeitverkürzung kaum spürbar. Die Sehgewohnheiten im Rhythmus von Videoclips der Werbung im Zehntelsekunden-Takt hinterlassen ihre Geschmacks-Spuren. James Bennings "Ruhr" landet auf Platz 150. Immerhin haben 135 Personen eine Stimme abgegeben. Viele haben längst vorher mit den Füssen abgestimmt und haben den Kinosaal vorzeitig verlassen. Dabei konnte man durch den Blick des Amerikanischen Filmemachers der Kulturhauptstadt 2010 RUHR auf ganz besondere Weise nahe kommen. Im ersten Teil des Films werden mehrere markante Standorte, wenn man so will, mit der Betonkamera festgehalten. Die Zeit wirkt zuweilen wie eingefroren, aber nach einigen Minuten des Wartens fährt doch noch ein Auto durch die Unterführung. Pause. Nächstes Bild: Quadratzentimeterweise entfernen wir quasi selbst ein Graffiti. Wir sind geneigt "in the meantime" eine Lohnerhöhung einzufordern. Pause. Nun gilt es Minuuuuten lang mitzuerleben bis das nächste Flugzeug das Idyll des Waldes zerschneidet, in Bild und Ton. Der Film hat zwei Teile. Nee, nicht Bild und Ton. Der gesamte zweite Teil, wir rechnen in Stunden, widmet sich, ich sage mal "dem Atem" einer Kokerei. Einfach toll! Wirklich! Es hat die Kraft von Koyaanisqatsi. Na ja, Van Gogh ist ja auch bettelarm gestorben.

Ludmila Alyohina in der Titelrolle Mama von Nikolay und Ylena Renard
Leider konnte sie den fertigen Film selbst nie sehen. Sie ist vor Abschluss des Films gestorben.

Noch so ein Beispiel des langen Atems: Die bildhübsche Yelena Renard und Nikolay Renard, ihr Partner, im Leben wie als Filmemacher, wahrscheinlich ist beides sowieso eins, stehen etwas verloren und sichtlich nervös in einem der riesigen Pathé-Kino-Säle. Die beiden russischen Seelen sind so voller ansteckender Freude, dass "MAMA", ihr erster Spielfilm in den Tiger-Wettbewerb gelangt ist, dass ich am liebsten mitzittern oder besser gleich heulen möchte. Ich weiß bloß noch nicht worüber. "Bitte laufen sie nicht weg! Bitte halten Sie bis zum Ende durch!" fleht Yelena und wirbelt dabei einmal kurz ihre extrem langen schweren schwarzen Haare durch das Kino. Dann kommt's:
In Spielfilm Länge sitzen wir bei Mama mit in der Badewanne, am Tisch und übernachten auch dort. Es geht um eine zerstörerisch enge und sehr beklemmende Mutter-Sohn-Bindung. Sergey Nazarov wollte unbedingt den Sohn spielen. Das Filmpaar zögerte sichtlich, denn bei diesem Schauspieler ist die Beklemmung allzu wörtlich zu nehmen. Er ist von solcher Körperfülle, dass nicht klar war, ob er auch wieder aus der Badewanne heraus kommt. Auch ich hätte wohl nur mit Standby-Notarzt gearbeitet. Drehort war übrigens eine wirkliche Altbauwohnung mit real existierenden Nachbarn, die von dem ganzen nichts mitbekommen durften. Sinngemäß: "Das wäre schwer zu vermitteln gewesen." Aber der "Junge" ist gut, Respekt. Bloß möchte den Film niemand sehen, Publikums-Platz 153.

Die Publikums-Liste ist sehr übersichtlich gegliedert und zu jedem Film gibt es ein Foto, hinter dem als Link der Katalogeintrag gratis zugänglich ist. Gedruckt kostet der Katalog 20 Euro.
Ähnlich klingende Filmtitel können leicht zu Missverständnissen führen:

Fantastic Mr. Fox ist auf Platz 4; Foxes auf Platz 154
Tetro ist auf Platz 6; Toto auf Platz 171
Alamar ist auf Platz 10; Amer auf Platz 141

Die drei Gewinnerfilme der Tiger, gekürt von einer hochkarätig besetzten Jury landen, na?
auf Platz 10, immerhin, aber auch auf den Plätzen 130 und 131, "böp!"

Saßen in Rotterdam Kandidaten, die beim Prädikat "besonders wertvoll" die Reißleine ziehen?
Was ist gut und was wollen die Leute sehen? Jedenfalls geht in Rotterdam die Angst vor Videopiraterie gegen null, kein einziges Diapositiv der Warnung. Alle Helfer an den Kartenausgabe-Schaltern arbeiten ehrenamtlich. Dagegen sind die bezahlten Berlinale-Helfer die reinsten Raubtiere, scharf auf eventuelle Raubkopierer. In Rotterdam nehmen sie Dir den Stimmzettel ab, in Berlin das Handy mit Videofunktion. Endlich Schluss mit den störend hellen "Radarschirmen" des Nachbarn!



Cinema Reloaded
Was ist das denn jetzt schon wieder? Ein neues Genre? Kino ohne Ladehemmung? Oder überhaupt hemmungslos? Was heißt denn reloaded?


Hierzu vielleicht ein 3 Jahre alter Dialog zwischen Werner und Y: "Das ist die Vergangenheit von "to reload", welches Du im LEO (Online-)Wörterbuch findest. Da Du keinen Kontext beigefügt hast, ist das Vergnügen, den korrekten Begriff zu wählen, ganz auf Deiner Seite."
"Das Programm heißt nun mal >>Nero 7 Premium Reloaded<<, da kann er ja schlecht irgend etwas drum herum erfinden, nur um Kontext zu schaffen. Eine Übersetzung mit "Neuauflage" könnte vielleicht der Sache gerecht werden …"

OK, was da wieder aufgela"g"en wird, ist sozusagen eine Geldkarte, um Filme zu finanzieren, sprich zu produzieren. Ab fünf Euro Mindesteinsatz kann jeder Produzent werden. Drei Projekte stehen am Start, 30 000 Euro werden jeweils gesucht. Beim Mindesteinsatz verharrend, würden also 1500 Produzenten miteinander reden. Ich bin gespannt und fahre nächstes Jahr wieder hin.
Der Festival-Direktor stellt gerne die Projekte persönlich vor und erklärt wie es geht: Erst:
http://www.cinemareloaded.com/en/ und dann auf das Fragezeichen klicken. So können wir also die Qualität beeinflussen und mitbestimmen, was wir sehen wollen. Feel free!

Ach ja, was wären die IFFR ohne das Internet? Halt nicht so net(t). Karten bestellen, sich über die Filme informieren. Wer, wo, was, wann, wie viel? Alles läuft über WWW. Kaum eine Filmvorstellung mehr, bei der nicht der Hintermann, die Vorderfrau die Parallel-"Leinwand" ihres Smartphone hell aufleuchten lässt. Das schafft mehr Stimmung als man im Rheinland je für Rotterdam zu hoffen gewagt hat. 



Autokino
Das Rotterdamer Filmfest, das sich traditionell mehr als aufgeschlossen gegenüber neuen Technologien zeigt, hat auch Sinn für Nostalgie. So wurde dieses Jahr für eine einzige Vorstellung ein Autokino improvisiert. Für 9 Euro erwarb man die Lizenz, sein rollendes Sofa nach den Anweisungen der "Verkeersbegeleiders" zu platzieren. Den guten Ton gab es drahtlos über UKW im Bordradio.

Gezeigt wurde The Raven (Der Rabe – Duell der Zauberer) aus dem Jahre 1963 mit Vincent Price, Peter Lorre und Boris Karloff als rivalisierende Hexenmeister. Regie führte Roger Corman frei nach dem Gedicht von Edgar Allan Poe. Ein Zauberer wird in einen Raben verwandelt und bittet einen Hexenmeister um Hilfe… (Trailer unter: http://www.wildscreen.tv/videos/3864859/)

Vor sieben Jahren wurde das Autokino 70. Es entstand – wo sonst? – in den USA. In Deutschland gibt es noch - oder besser wieder - 20 Autokinos, drei davon sind mobil und temporär wie das in Hückelhoven bei Aachen, das 2009, im zweiten Jahr seiner Existenz mit 250 Stellplätzen in zwei Vorstellungen über 1000 Fans glücklich machte.

Das größte Autokino der Welt befand sich in Newington, Connecticut. Im Jahr seiner Schließung, 1997 bot es für etwa 4000 Autos Platz, Autos, nicht Personen. Da war wohl mehr als ein "Verkeersbegeleider" notwendig.

 
Das Autokino Gravenbruch (Foto: Veranstalter) nahe Frankfurt am Main öffnete 1960 als erstes Autokino in Europa seine Pforten. Der Film mit der höchsten Einspielquote heißt allerdings wohl auch dort:
"Wie verkaufe ich mein Auto?"


Einzelne Film-Eindrücke:

Experiment I

Titel auf schwedisch:
Apan; englisch: The Ape; deutsch: Der Affe
Schweden 2009; Buch und Regie: Jasper Ganslandt
Hauptdarsteller:Olle Sarri als Krister

Olle Sari ist in Schweden ein aus dem Fernsehen bekannter Schauspieler. Regisseur Jasper Ganslandt hat in seinem zweiten Spielfilm eine besondere Improvisationstechnik angewendet. Olle spielt mit Krister eine Rolle, die er gar nicht kennt. Er hat niemals ein Skript gelesen und bekommt immer erst kurz vor dem "Klappe 3, die erste" gesagt, was er tun oder lassen soll, hm. Um es vorwegzunehmen. Meiner Meinung nach, wäre die Darstellung des Krister auch nicht viel anders ausgefallen, wenn Olle die Rolle von vornherein komplett hätte einsehen dürfen. Das erstaunliche ist eher, dass die praktizierte Variante auch funktioniert. - Worum geht es denn? Krister (Olle Sarri) wacht blutverschmiert auf. Die Zuschauerangst um ihn weicht schnell der Einsicht, dass offensichtlich
er der Mörder der Leiche ist, die er bald darauf wegschafft. Vielleicht habe ich schon zu viel verraten. Die Spannung des Films beruht wohl darauf, mit der eigenen Orientierung klar zu kommen. Im Hinterkopf läuft ein Bewertungssystem ab, das erst nach und nach neue Informationshäppchen bekommt, die einem Spektrum zwischen Horror und Alltag entnommen werden. Die Art der Information wird aber schnell schockierend bis abstoßend und die Spannung reduziert sich auf das: Kriegen sie ihn oder nicht? Der Film lief in der Sparte Bright Future. Also von den dargestellten Personen hat niemand so etwas wie Zukunft. Aber das ist ja auch der fromme Wunsch für des Filmemachers weitere Karriere. Ich starre verloren und ratlos nach vorne als mich nach dem Film ein Herr im Rentenalter anspricht. Er hat sich einen Stapel Kinokarten besorgt, nach einem willkürlichen Zufallsprinzip, wie er betont. Er macht Programm in Limburg und ist völlig weggerissen von diesem tollen Film. Ich bin irritiert, beginne an mir zu zweifeln und wiederhole in Gedanken: "It caught me on the edge of my seat". Na ja, eines der Motive zu diesen Filmfesten zu fahren, ist für mich die intensive sprachliche Nachhilfe. Was sagt denn eigentlich unsere Hitliste? Platz 135.


Experiment II 

Griechischer Titel: Mesa sto dasos; englisch: In the WoodsBuch und "Kamera": Angelos Frantzis; Darsteller: Katia Goulioni, Iakovos Kamchis, Nathan Pissoort

Braucht es, um einen Spielfilm zu drehen eine Kamera? Also diese Frage beantwortet das Festival in der Sektion Spectrum. Kleine Bemerkung vorneweg: Bei meiner Filmauswahl wende ich zuweilen einen kleinen Trick an, insbesondere in der stillen Hoffnung einen Film zu ergattern, den ich auch ein zweites und drittes Mal anzuschauen bereit wäre. Ich wähle einfach einen Film aus, der in einem großen Kino läuft. Je größer das Kino, desto… Und so lernte ich auch diese Lektion: Nein, einer richtigen Kamera bedarf es eigentlich nicht, was natürlich auch wiederum ein faszinierender Gedanke ist. Angelos Frantzis hat einen 97minütigen Spielfilm mit einer digitalen Fotokamera mit Videofunktion geschaffen! Und zwar mit einer Casio, die gar nicht mehr auf dem Markt ist. Ihm waren die manuellen Einstellungen wichtig. Zum Beispiel sollte der Auto-Focus abstellbar sein. Und? Wie war denn das Bild. Also die technische Bildqualität war erstaunlich gut. Ob man mit einer Kamera nun zappelt oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Und welche Geschichte man damit filmt, auch. Den Ton hat das Team mit einem Computer aufgenommen. Schauspieler und Aufnahmeteam, eine Handvoll Leute haben ganz Griechenland nach den schönsten Landschaften durchkämmt und dort eine Geschichte einer Backpackgruppe, bestehend aus einer Frau und zwei Jungs improvisiert. Ich hatte den Eindruck reales Leben und Geschichte, waren nicht immer so ganz getrennt. Jedenfalls haben sich die Fünf auf beschwerlichem Wege Wochen lang durch die Landschaft gespielt und gefilmt. Weite Strecken ist dem Wer-mit-wem-Spiel gewidmet. Zum Schluss ist sowieso alles eins. Was im Film so spielerisch und willkürlich aussieht, war aber zum Teil doch mit harter Arbeit verbunden. So wurde in the middle of nowhere ein Haus als Filmkulisse errichtet. Die Einzelteile mussten weite Strecken getragen werden mangels Infrastruktur. Ob ich den Film noch einmal ansehen würde? Na ja. Platz 174, der siebte von hinten.


Israel I

The time that remains
"Schalom Aleikum" - Dieser jüdisch-moslemische Grußformel-Misch-Masch könnte wohl bereits eine Pulvermischung provozieren und einen Schuss oder gar eine Bombe auslösen. Aber "Schalom Aleikum" ist der einzig logische Gruß im Film: The time that remains. Nach der Premiere im Wettbewerbsprogramm von Cannes war er nun in Rotterdam zu sehen. Den Kinostart für Deutschland erwarten wir im Laufe von 2010.
Der israelische Palästinenser Elia Suleiman ist Regisseur und Schauspieler der bitteren Groteske um die vielen Widersprüche zweier Ethnien mit der identischen Koordinate Nazareth. Der Film zeigt, wie das Verhältnis zwischen Juden und Moslems aufgeladen wird.

Der in weiten Strecken biographische Film erzählt vier historische Episoden einer Familie in der Zeitspanne von 1948 bis heute. Tagebucheinträge seines Vaters, der zum Widerstand gehörend tatsächlich 1948 Israel verlassen musste und Briefe seiner Mutter an Familienmitglieder, die ebenfalls das Land verlassen mussten und eigene Erinnerungen haben Elia Suleiman inspiriert. Mit "Göttliche Intervention" hatte Suleiman bereits 2002 in Cannes für Aufregung gesorgt.

Elia Suleiman in seinem halb biographischen Film "The time that remains"


Israel II

Eyes Wide Open

ist das Spielfilm-Debut des israelischen Regisseurs Chaim Tabakman (geb. 1974). Wie Suleiman wurde auch dem Absolventen der Universität Tel Aviv Gelegenheit gegeben, seinen Film in Cannes vorzustellen. Das mag an der Besonderheit des Themas liegen. Mit dem Coming Out des verheirateten und mit einer Kinderschar gesegneten orthodoxen Juden Aaron (Zohar Strauss) berührt Eyes Wide Open in betörend schönen Bildern ein Tabuthema. Den Blicken der Nachbarn hinter den romantisch verwinkelten Gemäuern Jerusalems bleibt nichts verborgen. Sie haben ihre "Augen weit offen". Die Beziehung des Metzgers zu seinem Gehilfen, beide sind Fachmänner für koscheres Fleisch, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Fast wären auch die Dreharbeiten gescheitert. Nur mit Hilfe von Vorwänden kam es zu den stimmungsvollen Bildern der Glaubensrituale in der Synagoge. Die Drehbuchautorin Merav Doster hatte schon vor sieben Jahren ihr erstes Skript fertig. Die Drehvorbereitungen liefen schon auf Hochtouren als Tabakman hinzugerufen wurde. Er fiel sozusagen ins gemachte Bett. Der Film wirkt sehr authentisch. Recherchen des Teams in Jerusalem bestätigen den Realitätsbezug. Tabakman in einem Interview: "Mein bescheidenes Ziel ist, mit diesem Film Aufmerksamkeit zu wecken und zu zeigen, dass man nicht die Tradition vergewaltigen muss, um gläubig zu bleiben, sondern sich für die Welt öffnen muss."

 
Begehrende Blicke in "Eyes Wide Open"
Zohar Strauss als der jüdische orthoxoxe Familienvater Aaron
 

AFRIKA

Ein Schwerpunkt des Festivals 2010 widmet sich dem unerschöpflichen Thema AFRIKA. Allein dieser Programm-Teil umfasst 60 Katalogseiten. Stellvertretend ein einziger kleiner Eindruck:

Der nette ehrenamtliche Helfer an der Kartenausgabe gibt mir den Tipp: "Ob ich denn Afrikanische Musik mögen würde?" "Ja, warum nicht."
So befinde ich mich nachts um zehn im großen Saal der Rotterdamer Schouwburg zum Programm-Beginn von "Where is Africa: Concert 4 - How It Is in the West" und harre der Dinge, die da kommen sollen. Mustapha Alassane führt durch das Programm.

In dieser Reihe werden Filme mit Konzerten kombiniert bzw. untermalt. "Zwijgende films", sorry, mir gefällt das niederländische Wort für Stummfilm so gut, werden zum Klingen gebracht. Im Bild die Kora, dazu nun der live Eindruck dieses speziellen Musik-Instrumentes. Den Berlinale-Fans ihr Metropolis mit Orchester und der Rotterdamer Festival-Gemeinde ihr Afrika mit der Kora!
Musikalisch wird der Abend von Jalli Lamin Kuyateh und dem Jalliya Ensemble gestaltet. Charakteristisch für diese Musik aus Westafrika ist die Kora, eine riesige, dickbauchige Harfe mit 21 bis 25 Saiten, die helle "perlende" Töne von sich gibt.

Hier ein Ausschnitt aus einem Konzert der Gruppe in Amsterdam:
http://www.youtube.com/user/laminkuyateh

Ausführliche Betrachtungen über den Klang der Kora, der die Gedanken weit weg in die Ferne trägt, wie man in Mali sagt, finden sich unter:
http://www.bibiafrica.de/e/ballake_d.html

Der Untertitel: "Wie es ist im Westen" greift doppelt: Zum einen geht es um den Westen Afrikas, zum anderen werden wir Zeuge eines frühen auf Afrika gerichteten Blickes der weißen westlichen Welt. So kam der 65minütige Film
Samba, der Held des Urwalds von Pola Bauer-Adamara und August Bruckner aus (Deutschland, 1928) zur Vorführung. Es sollte ein lebensechtes Porträt Afrikanischer Stämme geschaffen werden. Der Begriff der politischen Korrektheit war den Europäern damals wohl ebenso fremd wie der Kontinent.

Zwei afrikanische Produktionen,
Sindiely, (13 min, Senegal 1965) und La Bague du roi Koda (24 min, Nigeria 1964) runden das Programm ab.


TIGER, TIGER, TIGER

Eine Vorauswahl hat 15 Filme in den "Tiger-Käfig" hinein gelassen. Die Autoren hoffen auf den Tiger-Kuss. Er küsst genau dreimal pro Jahr. Wer wurde denn diesmal geküsst?

Tiger-Kuss 2010 heißt: Jeweils eine Urkunde plus "Bakterien-Übertragung" im Werte von 15 000 Euro, keine Staffelung 1., 2., 3.
Sieger!

Die drei Gewinner-Filme eines Tigers sind:

Alamar engl.: To the Sea  
Mexiko 2009
Regie: Pedro Gonzáles-Rubio
Mit Natan Machado Palombini als der Junge, Jorge Machado als der Vater, Roberta Palombini als die Mutter in Rom, Nestor Marín "Matraca" als Großvater und Fischer

Auch in der Publikumsgunst rangiert der Film weit oben auf Platz 10, mich hat er berührt und die Berlinale-Reihe "Generation Kplus" wurde dieses Jahr mit diesem Film eröffnet.

Der Film beginnt in der lärmenden Großstadt-Hektik Roms. Ein Ehepaar mit einem kleinen Sohn zeigt überdeutlich, dass die Zeit der Schmetterlinge im Bauch vorbei ist. Trennung, basta. Unklar, ob für eine Weile, für länger oder für immer. Der Vater fährt mit dem, ich schätze Achtjährigen auf eine Fischerinsel. Sie leben auf engem Raum in einem Stelzenhaus bei einem so alten wie lebensklugen Fischer, dem Opa des Kindes ein elementares Leben, hautnah an der Natur und nur wenige Zentimeter über dem Wasserspiegel. Nach der Vorstellung, spüre ich, wie die Magie des Films auf das Publikum übergesprungen ist. In der anschließenden Diskussion möchte eine Frau wissen, wo denn dieses wunderbare Naturreservat sei. Und eine andere Stimme fragt sogleich besorgt hinterher, ob denn dieser Film nicht künftig eine Welle der Zerstörung durch Touristen riskiere. Regisseur Pedro antwortet ganz entspannt, das scheint überhaupt seine Art: "Das Chinchorro Korallenriff im Südosten Mexikos 30 Kilometer vor Majahual ist nur sehr schwer zugänglich und außerdem staatlich geschützt." Es ist das zweitgrößte der Welt und hat noch ein intaktes Ökosystem. Vor der wunderbaren Meereslandschaft entwickelt sich das eigentliche Thema des Films. Es geht um Respekt, Verantwortung und Liebe gegenüber dem Gegenüber, egal ob Natur, Kreatur oder Mensch. Reduziert auf einfachste Lebensbedingungen bleibt Raum für das Wesentliche. So stelle ich mir das Paradies vor. Auch in diesem Film vermischen sich Realität und Fiktion zu einem gewissen Grad. Der Regisseur hat keine Kinder, aber das gespielte Vater-Mutter-Kind Trio gibt es auch im wirklichen Leben. Jorge Machado in der Rolle des Vaters ist wohl auch im Alltag ein Mensch mit schamanischer Ausstrahlung. Eigentlich ist er Vogelschützer und nicht Schauspieler. Der ihm anvertraute zahme Silberreiher (englisch: White Egret) spielt seine Rolle jedenfalls tierisch gut.


Agua fria de Mar
der Regisseurin Paz Fábrega aus Costa Rica

Gleich noch einmal eine Szenerie mit paradiesischem Meer, aber diesmal trügt der Schein. Die kalte Meeresströmung, so der Filmtitel, bewirkt, dass sich viele giftige Seeschlangen an den Strand begeben, eine Bedrohung für die ausgebüchste siebenjährige Karina …
Der Film gipfelt in der Begegnung zweier Frauen verschiedenen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft. Die Bedrohung führt die beiden Frauen mit ganz verschiedenen Wünschen und Ängsten zusammen. (Ich selbst konnte den Film nicht sehen und das Publikum meint Platz 131.)


Mundane History
Thailand 2009
Regisseurin: Anocha Suwichakornpong

Die Regisseurin versteht ihren Film als Metapher für die politische Instabilität Thailands. In dem Streifen, der knapp der thailändischen Zensur entronnen ist, steht ein querschnittsgelähmter Junge im Konflikt zu seinem Vater. Die Lähmung steht für den Militär-Putsch vor vier Jahren, der das Volk verletzt und gelähmt hat. Der demokratisch gewählte Thaksin wurde des Landes verwiesen und durch ein Militäroberhaupt ersetzt. Der Sohn steht für die Bürger, der Vater verkörpert die Machthaber.

Obwohl der Gedanke: "Wir sind das Volk" ja auch hierzulande eine sehr elementare Bedeutung hat, rechne ich nicht damit, dass Mundane History bald in hiesige Kinos kommen wird. Ihn erwartet vielmehr ein Schicksal, wie es so vielen Festival-Filmen widerfährt. Er wird seinem Titel Ehre machen, kaum erschienen und schon "History". Das hat etwas Tragisches, aber das Rotterdamer Publikum rettet ihn auch nicht, Platz 131. Bei des Deutschen durchschnittlichen 1,5 Kinobesuchen pro Jahr ist die Warteschleife für diesen Film nahezu endlos.



Publikums Liebling
In buchstäblich letzter Minute, in der aus dem "Audience Award 2010 interim score" der Endstand wurde, ist
die Frau mit den 5 Elefanten von Yo, tambien überholt worden.
Wir sprechen also von dem Platz, den vor zwei Jahren
Das Leben der anderen inne hatte.

Das spannende ist, dass um ein Haar fast ein Dokumentarfilm gewonnen hätte, nämlich:


Die Frau mit den 5 Elefanten
>>Aha, Dokumentarfilm, die Frau gibt es also wirklich. Aber welches Geheimnis birgt dieser "Geheimtipp"?<<

>>Sie wird bald 87, lebt in Freiburg, heißt Swetlana Geier und ist Übersetzerin.<<

>>Aha, das klingt nüchtern bis Staub trocken und das wollen also alle sehen? Und 233 Zuschauer vergeben im Durchschnitt von fünf möglichen 4,7 Punkte?<<

>>Genau! Und den Schweizer Filmpreis 2010 für den besten Dokumentarfilm hat er auch gewonnen. Gedreht hat ihn der 1965 in Bremen geborene Vadim Jendreyko, der nun als Filmemacher in der Schweiz lebt. Eine Weile hat er übrigens an der Kunstakademie Düsseldorf studiert. Die in Kiew geborene Swetlana Geier hat ein außergewöhnliches Schicksal zwischen den Mühlsteinen der Diktaturen von Stalin bis Hitler durchlitten. Bereits die der Wikipedia-Eintrag unter ihrem Namen ist atemberaubend. Und ein Film hat natürlich noch ganz andere stilistische Mittel. So ist der Regisseur mit ihr in ihre alte Heimat in die Ukraine gereist. Ihr Leben wurde für eine Weile zu seinem Leben. Das hat ihn verändert, wie er im Gespräch nach dem Film spüren ließ. Dostojewski ist Ihr Leben. Ihr Lebenswerk besteht darin, die Hauptwerke seines Lebenswerkes übersetzt zu haben.
Dank ihres sprachlichen Einfühlungsvermögens wurde aus "Verbrechen und Strafe" "Schuld und Sühne". Sie legt die schweren Bücher aufeinander. "Der Spieler", "Der Idiot", "Die Dämonen", "Die Brüder Karamasow" und spricht: "Das sind meine Elefanten."

Mehr unter:
http://www.artfilm.ch/fraumitden5elefanten.php

  
Die Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier als die Frau mit den 5 Elefanten


Yo, tambien, englisch: Me Too
Spanien 2009
Buch und Regie: Álvaro Pastor und Antonio Naharro (beide beides)
Darsteller/innen: Lola Dueñas als Laura; Pablo Pineda als Daniel;
Antonio Naharro als Santi; Isabel García Lorca als Ms Ángeles; Pedro Álvarez Ossorio als Barnabé,

Da ich den Film nicht sehen konnte, gestatte ich mir, den Katalogeintrag frei zu übersetzen:

In diesem überraschenden Sozial-Drama erreicht Daniel aus Sevilla als der erste Europäer mit Down´s Syndrom einen Universitäts-Abschluss. Er bekommt einen Job und trifft Laura als aufgeschlossene Kollegin. Ihre Freundschaft zieht die Aufmerksamkeit von Freunden und Verwandten auf sich, die in der sich anbahnenden Liebesbeziehung ein Problem sehen.
Der Film lief übrigens vorher auf dem Sundance Festival und hat bereits einen Eintrag in der International Movie Database. Dort gibt es Werbung in der Landessprache des Aufrufs. Zitat:
"Partnersuche mit Niveau: Anspruchsvolle Kreise finden hier stilvolle Singles aus ihrer Region."

Lola Dueñas als Laura mit Pablo Pineda als Daniel in Yo, tambien

Me Too ist das Debut des Drehbuch- und Regie-Duos Álvaro Pastor und Antonio Naharro. Der Film ist beißend und humorvoll zugleich, berührend, aber nicht triefend. Me Too bringt die Dinge schnell auf den Punkt: Wer ist eigentlich vollständig normal? Warum sehen wir Menschen mit Down's immer wieder als Kinder und wie traurig kann es werden, wenn Du einfach nur völlig normal bist?

Lola Dueñas (bekannt aus
Mar adentro) und Pablo Pineda ertrinken in ihrem Heimatland schon fast in Lob und Preisen für ihre eindrucksvollen Schauspiel-Leistrungen.

PEER KLING