Dienstag, 12. März 2013

63. Berlinale - Die Hauptpreise

Von den Berlinale-Korrespondenten Peer Kling & Elisabeth Niggemann

Die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären entscheidet nicht selten über die Zukunft eines Films, zumindest darüber, ob er nun auch in Deutschland im regulären Kinoprogramm zu sehen sein wird oder eben nicht. Dieses Jahr konkurrierten 19 Langfilme um den Goldenen Bären in der Wettbewerbsschiene, die um fünf weitere Filme außer Konkurrenz erweitert wurde. Erfahrungsgemäß schafft es rund die Hälfte all dieser Beiträge nach dem Festival auch irgendwann in deutsche Lichtspielhäuser. Der Bundesstart verzögert sich dabei nicht selten um fast ein ganzes Jahr. Die Verleiher suchen eine zeitliche Nische, in der sie sich die besten Einspielergebnisse versprechen.

Sehr gute Chancen auf ein Wiedersehen im deutschsprachigen Raum hat CHILD’S POSE von dem 37jährigen rumänischen Regisseur Calin Peter Netzer, der übrigens perfekt Deutsch spricht, da er seine Schulzeit in Deutschland verbrachte. Danach ging er nach Rumänien zurück und hat in Bukarest Filmregie studiert. Sein Film POZITIA COPILULUI, so der Originaltitel, bekam den Goldenen Bären als bester Film. Übersetzt würde er etwa lauten: DIE STELLUNG DES KINDES.

Der Film handelt von einer von Eigenliebe besessenen Mutter aus der rumänischen Oberschicht (dargestellt von Luminița Gheorghiu), die um ihren verlorenen Sohn Barbu (dargestellt von Bogdan Dumitrache) kämpft, der durch unverantwortliche Fahrweise einen kleinen Jungen aus dem Leben riss.
Das klingt zunächst nach Schuld und Sühne. Interessant, dass die zwei dokumentarisch arbeitenden Handkameras den Unfall selbst nie zeigen. Sie konzentrieren sich auf die Auswirkungen und auf die nachfolgenden Auseinandersetzungen, wie mit der Situation umzugehen sei. Der Zuschauer bekommt dann doch noch eine abstrakte Nachstellung mit Hilfe von Zigarettenschachteln. Ironie des Schicksals: Wenn der zu schnelle Unglücksfahrer noch schneller gewesen wäre, hätte der Junge überlebt. Der Film überträgt die von einer Zehntelsekunde abhängige Beklemmung, Bedrückung und Trauer, und kontrastiert sie mit der Ewigkeit des Blickes bei der Gegenüberstellung vom Vater des überfahrenen Jungen und dem Schuldigen. Dennoch liegt das Hauptthema des Films in der Beziehung des längst erwachsenen Sohnes (Fahrers) zu seiner Mutter, die ihn nicht loslassen kann. Sie versucht, ihn mit Geld von der Verantwortung frei zu kaufen.

Luminiţa Gheorghiu als krankhaft klammerde Mutter in CHILD'S POSE, dem Gewinner des Goldenen Bären 2013 (Regie: Călin Peter Netzer) © Cos Aelenei

Wie im Katalogtext versprochen, eröffnet der Film Einblicke in die moralische Verfassung der rumänischen Bourgeoisie und wirft Schlaglichter auf den Zustand gesellschaftlicher Institutionen wie Polizei und Justiz. Gleichzeitig ist dieses Lehrstück von großer Allgemeingültigkeit und könnte sich nahezu überall ereignet haben.



Goldener Bär für den besten Kurzfilm: "La Fugue"
Das waren goldene Zeiten des Kinos, als es noch einen Vorfilm gab. Für LA FUGUE zu Deutsch DIE AUSREISSERIN würde sich die Wiedereinführung lohnen. Regisseur Jean-Bernard Marlin thematisiert in seinem mit 22 Minuten gar nicht so kurzen Film das Spannungsfeld zwischen dem Betreuer Lakdar (Adel Bencherif) und der straffällig gewordenen Jugendlichen Sabrina (Médina Yalaoui) vor dem Hintergrund der Vorstädte von Marseille.

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Pauline Garcia in "Glorìa"

Pauline Garcia, hier bei der Pressekonferenz, bekam für ihre Rolle der Gloria im gleichnamigen chilenisch-spanischen Film den Silbernen Bären als beste Darstellerin. (Foto: Peer Kling)

GLORIA (Pauline Garcia) ist 58 Jahre alt, geschieden und einsam. Die Kinder sind aus dem Haus. Um Abwechslung in ihr Leben zu bringen, verbringt sie ihre Nächte auf Single-Partys. Dem schnellen Glück folgen Enttäuschung und Leere. Das ändert sich mit dem 65-jährigen ehemaligen Marineoffizier Rodolfo (Sergio Hernández). Mit ihm kann sie sich eine romantische Liebesbeziehung und dauerhafte Partnerschaft vorstellen. Und ihr Traummann ist verrückt nach ihr, aber leider...

Diese Tragikomödie der fragilen Hoffnungen und schmerzlichen Gewissheiten ist der dritte Spielfilm des 1974 in Chile geborenen Regisseurs Sebastián Lelio. Es ist das Porträt einer starken Frau, die in der Lage ist ein halb leeres Glas als halb voll zu erkennen und aus der gegebenen Situation, das Bestmögliche zu machen. Das persönliche Schicksal dieser sympathischen Gloria entfaltet sich vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen in Chile und spart auch die düsteren Kapitel in der Geschichte des Landes während der letzten 40 Jahre nicht aus.

Silberner Bär für den besten Darsteller: Nazif Mujic in: EINE EPISODE IM LEBEN EINES SCHROTTSAMMLERS

EINE EPISODE IM LEBEN EINES SCHROTTSAMMLERS ist ein sehr nahe gehender Film, den das Leben schrieb. Es geht um das Überleben einer Roma-Familie in Bosnien-Herzegowina. Hier auf der Berlinale-Pressekonferenz freuen sich der Regisseur Danis Tanović und sein Hauptdarsteller Nazif Mujić über den entgegen gebrachten Respekt. (Foto: Peer Kling)

Das war schon ein Überraschungserfolg. Der Silberne Bär für den besten Darsteller ging an einen Mann, der niemals zuvor vor der Kamera stand. Nazif Mujić spielt sich selbst in einer wahren Geschichte, die seiner Frau fast den Tod gebracht hat. Es ist kaum zu glauben, dass solche Missstände in Europa heute noch möglich sind. Die Berlinale bietet Öffentlichkeit und damit Hilfe.

Die Ehefrau Sandra Mujić (hier im Bild) spielte ihr eigenes Schicksal nach. Auf der Pressekonferenz kämpfte sie sichtlich mit den Tränen. (Foto: Peer Kling)

Sandra Mujić blieb von den Krankenhäusern die Rettung in der Not versagt. Ihr Kind im Mutterleib war tot. Sie klagte über Schmerzen und schwebte erkennbar in Lebensgefahr. Der Vater brachte sie unter erschwerten Bedingungen ins Krankenhaus. Die Ärzte waren entgegen ihrem Eid nicht bereit, der Roma-Frau lebensrettend zu operieren. Sie sei nicht krankenversichert und erst müsse das Geld auf den Tisch.
Der bosnische Filmregisseur und Politiker Danis Tanović erfuhr von dem Fall in der Zeitung und suchte die Familie auf, um zu helfen. Daraus entwickelte sich die Idee, die Leidensgeschichte mit der Rettung in letzter Not nachzuspielen.
Danis Tanović gehört gemeinsam mit Emir Kusturica zu den bekanntesten zeitgenössischen Regisseuren des ehemaligen Jugoslawien. Sein Kriegsdrama NO MAN'S LAND wurde 2002 mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.