Mittwoch, 6. März 2013

"BERLINALE" in ganz Europa

"NACHTZUG NACH LISSABON" - Das ist großes Kino!
Peer Kling und Elisabeth Niggemann berichten für die Filmlandschaft von der Berlinale

Filmlandschaft: Ihr habt die Internationalen Filmfestspiele in Berlin besucht. Was könnt Ihr einem durchschnittlichen Kinogänger weiterreichen und empfehlen?

Peer & Elisabeth: Zu Beginn am besten ein so spannender wie geistreicher und auch stimmungsvoller Film, der bereits kommenden Donnerstag (7.3.13) hier in die Kinos kommt: NACHTZUG NACH LISSSABON. Er hatte seine Weltpremiere im Berlinale Wettbewerb, lief dort aber außer Konkurrenz. Das Erfolgsrezept des dänischen Filmregisseurs Bille August sind aufwendige Verfilmungen von Literatur-Bestsellern mit internationalen Stars. Das hat bei GEISTERHAUS und FRÄULEIN SMILLAS GESPÜR FÜR SCHNEE geklappt. Bei NACHTZUG NACH LISSSABON ist der Erfolg vorprogrammiert.

Filmlandschaft: Schon der Roman war ein Bestseller?

Peer & Elisabeth: Ja, NACHTZUG NACH LISSABON war schon als Roman ein Welterfolg. Das Buch des in Bern in der Schweiz geborenen Pascal Mercier ist 2004 erschienen und wurde in 15 Sprachen übersetzt. Bille August ist es mit seinem Team und seinen brillanten Darstellern gelungen, der Stimmung des Buches zu folgen und dem Sog der Gefühle nachzuspüren.

Filmlandschaft: Und worum geht es eigentlich?

Peer & Elisabeth: Es geht darum, wie ein Mensch ganz plötzlich sein gewohntes Leben aufgibt und sich auf die Suche nach dem bisher ungelebten Leben begibt. Autor und Romanfigur lassen Parallelen erahnen, denn Pascal Mercier ist eigentlich der Universitätsgelehrte Peter Bieri, der nach einer Reise nach Venedig beschloss, Romane zu schreiben, um "der Schwerkraft der Gefühle" zu folgen. Vielleicht wirkt deshalb alles so authentisch. Er bringt dabei auch sehr viel von seinem philosophischen Gedankengut mit ein. Aber es wirkt nie theoretisch oder kopflastig.



Filmlandschaft: Wie erklärt sich dieser Titel?

Peer & Elisabeth: Dem Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) fällt zufällig ein Buch des (fiktiven) portugiesischen Dichters und Arztes Amadeu de Prado (Jack Huston) in die Hände. Er ist wie vom Blitz getroffen, lässt alles stehen und besteigt fasziniert den Nachtzug nach Lissabon. Er muss sofort mehr erfahren über diesen Autor, den die gleichen Fragen umtreiben wie ihn selbst - Fragen nach der Bestimmung menschlichen Handelns und dem ungelebten Potenzial jeden Lebens.

Filmlandschaft: Was können wir von den Bildern erwarten?

Peer & Elisabeth: Der größte Teil des Films spielt in Lissabon und Umgebung. Dabei geraten wir in die Zeitschiene der Salazar Diktatur mit all seinen Schrecken. Im Kontrast dazu steht die Schönheit Lissabons als eine der beliebtesten Städte Europas. Die Figuren beider Zeitebenen agieren vor beeindruckenden Interieurs als bildgewaltige Kulissen. Opulente Bilder und großes Ausstattungskino also.

Filmlandschaft: Sollten wir künftige Zuschauer noch mit einigen Namen vertraut machen?

Peer & Elisabeth: Ja, es ist bestimmt hilfreich, einige Namen der Freunde und Verfolger des Arztes und Buchautors Amadeus zu kennen, deren Puzzle der einfach in den Zug gestiegene Lehrer auf der Reise zu sich selbst zu entwirren versucht: Da wäre vor allem Jorges O'Kelly, Freund von Amadeu. In jungen Jahren wird er von August Diehl gespielt, im älteren Part "grantelt" überzeugend Bruno Ganz. Die so schöne wie kluge gemeinsame Freundin Estefania wird dargestellt von der Französin Mélanie Laurent (jung) und von der Schwedin Lena Olin (in reiferen Jahren).

Martina Gedeck macht als Mariana dem suchenden Lehrer schöne Augen, repariert seine Brille und sorgt auch sonst für Durchblick. (Sie ist im Film sehr viel präsenter als im Buch). Ansonsten sehen wir Christopher Lee als Padre Bartolomeu, die stets unnahbare Charlotte Rampling als Adriana de Prado und Tom Courtenay als Joao Eca.

Regisseur Bille August bei der Berlinale Pressekonferenz zu seinem Film NACHTZUG NACH LISSABON.
Er war zuletzt 2007 Gast im Wettbewerb der Berlinale. In GOODBYE BAFANA (2007) ging es um das Leben des weißen Gefängniswärters James Gregory (Joseph Fiennes), das sich grundlegend änderte, als er dem Gefangenen Nelson Mandela begegnete, den er über zwanzig Jahre bewachen sollte.
Sein erster großer Welterfolg war PELLE DER EROBERER (1987) mit Max von Sydow. Der Film gewann die Goldene Palme, den Auslands-Oscar und den golden Globe. 1992 konnte Bille August mit BESTE ABSICHTEN ein zweites Mal die Goldene Palme in Cannes für sich beanspruchen. Mit MARIE KRøYER lenkte er bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck die Aufmerksamkeit auf sein Werk. (Foto: Peer Kling)


Der plötzlich nach Lissabon gereiste Berner Lateinlehrer Raimund Gregorius (Jeremy Irons) erfährt von Padre Bartolomeu (Christopher Lee) dass der von ihm gesuchte Autor Amadeu nicht mehr lebt. (Foto: Filmverleih)


Die schöne Mélanie Laurent saß auch mit auf dem Podium der Pressekonferenz in Berlin. Im Film verkörpert sie (allerdings mit schwarzen Haaren) die junge Estefania. (Foto: Peer Kling)


Martina Gedeck war gleich in zwei Wettbewerbsfilmen zu sehen. Neben ihrer Rolle als Mariana in NACHTZUG NACH LISSABON war die internationale Schauspielerin ebenfalls im französischen Beitrag DIE NONNE zu sehen. In dem Film mit Isabelle Huppert gibt Martina Gedeck unter der Regie von Guillaume Nicloux die Mutter einer jungen Frau, die gegen ihr erzwungenes Nonnen-Dasein rebelliert. Vergangenes Jahr machte Martina Gedeck mit DIE WAND Furore. (Foto: Peer Kling)


Jack Huston beantwortete auf dem Berlinale Podium geduldig Fragen nach seiner Hauptrolle als Lissabonner Arzt, Widerstandskämpfer und Romanautor Amadeu de Almeida Prado. (Foto: Peer Kling)