Donnerstag, 4. April 2013

Neues aus der "BERLINALE-PALAST-Republik"

Von den Berlinale-Korrespondenten Peer Kling & Elisabeth Niggemann (DREAMTEAM)




Bunte Vielfalt auch im Wettbewerb der 63. Berlinale. Tanz Bärchen, tanz! (Foto: Peer Kling)

"Jeder Jeck ist anders", heißt es in unserer Wahlheimat. Während im Städtedreieck Aachen Köln Düsseldorf die Närrinnen an Weiberfastnacht die Rathäuser stürmen, eröffnet Berlin die 63ten Filmfestspiele mit ernstem Blick auf die Welt. Die Berlinale war immer politisch und es wäre seltsam, wenn es genau 80 Jahre nach der Machtergreifung anders wäre. Der kalte Krieg ist vorbei aber eine kalte Berlinale gibt es auch dieses Jahr, Eröffnung im Schnee. Die Ladies in Köln sind verkleidet, die in Berlin weitgehend entkleidet und marschieren frierend über den roten Teppich als sei es der Sandstrand von Cannes. Nicht nur jeder Jeck ist anders sondern auch die Methoden, sich einen "Karnevals"-Schnupfen einzufangen.



Während in Aachen im Februar der Elferrat das Sagen hat, können wir für Berlin getrost behaupten: Der Film regiert die Welt, wenigstens elf Tage lang. Stimmen zur Weltpolitik im Berlinale Palast. Dort herrscht Schicht-Betrieb. Vormittags verfolgen wir im größten Film-Saal Berlins in Ruhe die Pressevorführungen der Wettbewerbsbeiträge, gehen direkt im Anschluss artig in die zugehörigen Pressekonferenzen und fallen schon mal auf, dass wir verbotenerweise im Kino kauen, aber wann und wo sonst? Abends überlassen wir den Halb-Nackigen und den Herren in Schlips und Kragen das Terrain des Berlinale-Palastes. Sie fahren in den blank geputzten Limousinen erst durch den Schnee und dann "vor". Die Agierenden oder sind es die Reagierenden des Films steigen auf dem roten Teppich aus und stellen fest: Arsch kalt. Da hilft weder fuchtelndes Winken noch das Blitzlicht-Gewitter. Wir haben uns längst in die Retro verkrochen, schön warm, manchmal auch ums Herz.



Das Wettbewerbsprogramm ist naturgemäß recht heterogen, denn eine Bindung an ein Genre oder Thema gibt es nicht. Dennoch kann man dieses Jahr vielleicht einen gemeinsamen Nenner finden: Das Thema könnte lauten: Den Unterdrückten eine Stimme geben. Viele der Filmhelden, ob Frau oder Mann sind Einzelkämpfer für große Ziele. Sie arbeiten für den Erhalt der Menschenrechte, insbesondere für Freiheit und Gerechtigkeit. Oder sie suchen einfach ihr wirtschaftliches Auskommen in harten Zeiten. 
Wir sind zwar keine ausgesprochenen Karnevalsflüchtlinge, haben uns aber für die Berliner am Potsdamer "Plätzchen" entschieden, also notgedrungen gegen Bützchen.



Der Focus Nr. 7/2013 geht übrigens zum Berlinale-Start mit keinem Wort darauf ein. Das wird mit den Akkreditierungen für das nächste Jahr wohl schwierig werden, oder? Auf der Bestseller-Liste wird kurz Bilanz gezogen, was derzeit gut läuft im Kino. Django, Schlussmacher, Fünf Freunde 2, Flight, Hobbit 1 (da wurde schon gleich beim ersten Film an das Durchnummerieren gedacht), Lincoln und Ritter Rost. Kino ist ja nicht nur dazu da, die Welt zu verbessern, sondern ist immer auch Geschäft und das war 2012 in Deutschland noch nie so gut wie zuvor, was nicht bedeutet, dass es einen Besucher-Rekord gab. Den gab es 2009. Die Milliarden-Euro-Grenze konnte mit Eintrittspreis-Erhöhungen und 3D-Zuschlägen erreicht werden. Nur vier Kassenschlager haben knapp ein Viertel dieses Riesenkuchens erwirtschaftet. (Ziemlich beste Freunde, Skyfall, Ice Age 4 und Hobbit 1)
Das Polit-Magazin im Sog des Mainstreams, Danke, jetzt wissen wir Bescheid und wenden uns der Vielfalt zu.

Die Festivals stellen ein klares Gegengewicht zum Konsumverhalten dar. Und die Vergabe der Goldenen und Silbernen Bären entscheidet nicht selten über die Zukunft eines Films, zumindest darüber, ob er nun auch in Deutschland im regulären Kinoprogramm zu sehen sein wird oder eben nicht. Dieses Jahr konkurrierten 19 Langfilme um den Goldenen Bären in der Wettbewerbsschiene, die um fünf weitere Filme außer Konkurrenz erweitert wurde. Erfahrungsgemäß schafft es rund die Hälfte all dieser Beiträge nach dem Festival auch irgendwann in deutsche Lichtspielhäuser. Der Bundesstart verzögert sich dabei nicht selten um fast ein ganzes Jahr. Die Verleiher suchen eine zeitliche Nische, in der sie sich die besten Einspielergebnisse versprechen. Schauen wir doch einmal ins Wettbewerbsprogramm:

THE GRANDMASTER

THE GRANDMASTER (out of competition) von Jury-Präsident Wong Kar Wai eröffnete das Festival, das aus der Kälte kam. Im Film regnete es unaufhörlich. Die Wassermassen wurden grandios in Szene gesetzt, in Zeitlupe und mit einer ganz eigenen Choreographie, passend zu den präzise durch die Luft wirbelnden Körper. Dazu genau zwei Stunden lang Säbelhiebe, ach nein, es sind ja nur die Hände. Ihr seht schon, wir saßen in diesem Film wie Veganer vor einem blutigen Steak erster Güte. Ein Kung-Fu Meister ist der geborene Einzelkämpfer für das Gute schlechthin und dahinter steht eine ganze Philosophie. Kung-Fu Meister werden, das schaffen nur Auserwählte. Den englischen Fachbegriff martial arts, übersetzt "Leo" mit Kampfkunst, Kampfsport oder mit Kampfsportarten. Das deutsche Wort martialisch führt etwas in die Irre, aber das Kriegerische lässt sich nicht wegdiskutieren. Es geht um leidenschaftliches Kämpfen. Uns kommt es vor, wie ein Tod bringender akrobatischer Tanz. Die Geräusche der Schläge und Klänge der doch auch Klingen sind wie eine Oper ohne Gesang in einem Rhythmus, bei dem jeder mit muss, wenn er oder sie überleben will. Ja auch sie, denn Ip Man (Tony Leung Chiu Wai) trifft auf FRAU Gong Er (Zhang Ziyi). "Zhang Zong" als Namenskombination hätte die Mission wortmalerisch doch wohl noch besser unterstützt. Ja, sorry, uns fehlt der nötige Ernst. Jedenfalls ist ihr Vater, der Master Gong Baosen (Wang Quingxiang) und sie schaut ihm heimlich zu und lernt die Technik. Zwei Stunden Wahnsinns-Akrobatik, aber auch Batik mit Blut. Das ist ein wahres MOTION-Picture, und doch auch untrennbar von emotion. Grandios und furios. Wer gegen wen? Ist doch egal! -> Trailer

Gerne als Kulisse für das eigene Portrait genutzt: Die Stars aus China im Regie..., ehm Repu..., ehm Berlinale Palast. Wong Kar Wai in der Mitte mit seinen Hauptdarstellern Tony Leung Chiu Wai (Rolle: Ip Man) und Zhang Ziyi (Rolle: Gong Er) (Foto: Peer Kling)


PARDÉ (Originaltitel) CLOSED CURTAIN (engl. Titel) von Jafar Panahi und Kamboziya Partovi sind der Wettbewerbsbeitrag aus dem Iran

Was ein geschlossener oder gar ein eiserner Vorhang ist, wissen die Berliner und alle anderen ja noch sehr genau. Als Zeichen der Isolation und Verbannung gilt der Begriff denn auch in dem iranischen Wettbewerbsbeitrag CLOSED CURTAIN (GESCHLOSSENER VORHANG).

Der Film verweilt die gesamten 106 Minuten in einem verbarrikadierten Haus mit abgehängten Fenstern. Das ist sicherlich kein Augenschmaus und schafft eine Atmosphäre der Beklommenheit. Die wenigen teilhabenden Personen sind ohne klare Bezüge, Aufgaben oder Identitäten. Wer vor wem flieht und wer sich vor wem warum versteckt hält, bleibt nebulös. Der verunsichernde Film soll das Leiden unter dem Berufsverbot veranschaulichen. Die Verdammnis zum Nichtstun ist schrecklich zermürbend und macht depressiv. Das verlangt nach Solidarität mit den Filmemachern, die im Zenit ihrer Schaffenskraft stehen. Das ist Berlinale. Deshalb sind wir hier.



Der Regisseur dieses iranischen Wettbewerbsbeitrages Jafar Panahi unterliegt dem Berufsverbot als Filmemacher. Dass er es dennoch mit Helfern geschafft hat, hinter verschlossenen Räumen einen Film zu drehen, lässt sich gerade noch nachvollziehen. Aber wie wird die iranische Regierung auf die Berlinale-Präsenz reagieren, eine auf der Pressekonferenz in Variation oft gestellte Frage. Der anwesende Co-Regisseur Partovi (siehe Foto) beantwortet sie sinngemäß mit: "Inschallah". Panahi ist außerdem zu mehrjähriger Haft verurteilt, die er allerdings bislang nicht antreten musste. Er steht unter Hausarrest. An eine Ausreise ist nicht zu denken. Der Festivalchef Dieter Kosslik hat versucht, Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen. Die iranische Regierung blieb hart. Die Vorführung des Films und die Pressekonferenz fanden also ohne Jafar Panahi, aber mit dem Co-Regisseur Partovi statt. Es haben ohnehin alle alles gemacht, gefilmt und gespielt. Mit auf dem Podium saß auch die Darstellerin Maryam Moghadam.



Panahis Staatsvergehen firmiert unter dem Label "Propaganda gegen die nationale Sicherheit". Jafar Panahi hatte im Frühjahr 2009 gemeinsam mit Mohammad Rasoulof an einer Dokumentation zu Protesten gegen die Wiederwahl Ahmadinedschads gearbeitet, was ja in einer Demokratie kein Problem wäre. Von der Untersuchungshaft unbeirrt lief in Cannes 2011 das Videotagebuch "Dies ist kein Film" zur Problematik der Zensur und des Nichtfilmendürfens im Iran. Co-Regisseur von Panahi war in diesem Fall Mojtaba Mirtahmasb. In der selbstreflexiven Arbeit macht Panahi seine prekäre Lage vom Wohnzimmersofa aus anschaulich.



In Pardé werden wir außerdem mit schrecklichen Einblendungen unvorstellbarer Quälereien von verendenden Hunden konfrontiert. Sie sind leider dokumentarisch echt. Hunde gelten im Iran als unrein und die grausame Art ihrer Beseitigung findet keine wirksame Gegenwehr. Als Gegenpol gehört jedoch ein Hund zur "Besatzung" des einsamen Hauses am Strand. Vom Meer bekommen die Zuschauer kaum etwas zu sehen. Die kaltgestellten Filmemacher verpassen das Leben, die Zuschauer die Filme, die hätten entstehen können. Im wirklichen Leben gehört der glückselige Hund dem Co-Regisseur Partovi.

Jafar Panahi bekam 2006 für OFFSIDE den Silbernen Bären der Berlinale. CLOSED CURTAIN wurde nun mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch gewürdigt.


Da hilft nur noch beten? "Wir wollten uns vor allem beschäftigen. Wir wollten arbeiten, der Apathie entkommen," erklärt der geduldige Co-Regisseur Kamboziya Partovi. Er ist 1955 am Kaspischen Meer im Iran geboren, studierte Theaterwissenschaften und schrieb Drehbücher für iranische Fernsehserien. 1986 gab er mit GOLNAR sein Debut als Spielfilm-Regisseur. Für Jafar Panahi schrieb er das Drehbuch zu DAYEREH, der 2000 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Partovis Film CAFÉ TRANSIT war 2007 für den Oscar nominiert. (Foto: Peer Kling)




Unter http://www.filmfestivals.com/?q=node/140022 interviewt Sharon Abella in ihrem Blog von September 2011 Sean Stone, den Sohn von Oliver Stone. Der damals 26jährige Sean hat in Filmangelegenheiten den Iran bereist.

Wir möchten einen Film, der im Forum lief, aber eigentlich in den Wettbewerb gehört hätte, nicht unerwähnt lassen, werden es aber an dieser Stelle bei einer kurzen Inhaltsangabe aus dem Katalog und einer dringenden Empfehlung belassen. Der Film wird zumindest in absehbarer Zeit zum Beispiel bei ARTE zu sehen sein, falls er den Weg in deutsche Kinos nicht schaffen sollte.


KRUGOVI (serbokroatischer Titel) CIRCLES (engl. Titel)

Der muslimische Kiosk-Besitzer Haris (Leon Lučev) wird von serbischen Soldaten misshandelt. Unter den serbischen Soldaten befindet sich der Offizier Todor (Boris Isaković). (Foto: Berlinale)

Eine Szene aus dem Krieg: Da seine Zigarettenmarke ausverkauft ist, schikaniert der serbische Offizier Todor den muslimischen Kiosk-Besitzer Haris. Es kommt zur Eskalation, als der Soldat Marko einschreitet und Haris rettet, dann aber von seinen Soldatenkumpels zu Tode malträtiert wird. Zwölf Jahre später – der Krieg ist vorbei – wirft der Vorfall lange Schatten auf alle Beteiligten. Wir treffen sie wieder in Belgrad, wo Todor Markos Freund, dem Arzt Nebojša, als schwerverletztes Unfallopfer auf dem OP-Tisch wiederbegegnet, in Halle, wo Haris mittlerweile lebt und arbeitet, und in Trebinje, wo Markos Vater eine Kirche wiederaufbaut. Ob der Tod seines Sohnes umsonst gewesen sei, fragt sich Markos Vater, oder ob er Kreise ziehen kann, wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Am Ende wird die dicht gewebte Erzählung, die auf tatsächlichen Geschehnissen beruht, selbst zum Kreis, der sich schließt. Sie kehrt an den Anfang zurück. Die Kamera nimmt eine andere Perspektive ein und verschafft uns so Klarheit. Ungleich schwieriger ist es, die Fragen nach Schuld und Vergebung, nach Verantwortung, Heldentum und Gerechtigkeit zu beantworten, die der Film damit aufwirft.
Anna Hoffman im Forum-Katalog

Koproduktion aus Serbien, Deutschland, Frankreich, Slowenien, Kroatien, 2013, 112 Min
Regie: Srdan Golubović, geb. 1972 in Belgrad (sein dritter abendfüllender Film. War bereits 2007 mit KLOPKA Gast im Forum.)
Buch: Srdjan Koljević, Melina Pota Koljević
Die Rollen und ihre Darsteller: (Es ist ratsam, sich vor dem Film mit den Personen in verschiedenen Zeitebenen und an verschiedenen Orten vertraut zu machen)

muslimischer Kiosk-Besitzer Haris: Leon Lučev
Arzt Nebojša = Freund von Marko: Nebojša Glogovac
Bogdan, Sohn ? des Kiosk-Besitzers Haris: Nikola Rakočević
Ranko = Kirchenbauer u Vater von Haris: Aleksandar Berček
Nada: Hristina Popovi
Serbischer Offizier Todor: Boris Isaković
Soldat Marko = Freund von dem Arzt Nebo: Vuk Kostić


BEFORE MIDNIGHT - Treffen mit "vertrauten Freunden"

Als wären wir alle eine Familie, so treffen wir Julie Delpy als Celine und Ethan Hawke als Jesse auf der Berlinale, im Film und auf der Pressekonferenz. Es ist wie ein Wiedersehen mit Vertrauten. Man könnte fast vergessen, dass das Paar nicht wirklich zusammen ist. Die launischen Wortwechsel auf dem Konferenz-Podium ähneln denen im Film. Neun Monate trägt eine Mutter ihr Kind aus und im Rhythmus von gut neun Jahren geben Regisseur Richard Linklater und sein Team dem Zufall eine Chance, rufen zu philosophischen Tiefschürfungen auf und erwärmen unsere Herzen. Es ist fast wie bei der Langzeitstudie von Barbara und Winfried Junge. Sie dokumentierten die "Lebensläufe" der "Kinder" von Gölzow fast 50 Jahre lang. Bei Linklater dagegen ist alles nur gespielt, aber das vergisst man leicht. 1994 mit BEFORE SUNRISE ging es los. Die beiden trafen sich zufällig in einem Zug nach Wien und verbrachten den Tag und vor allem die Nacht zusammen. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. 2004 in BEFORE SUNSET treffen sie sich in einer Pariser Buchhandlung nach fast zehn Jahren wieder. Jesse ist inzwischen Schriftsteller geworden und hat ihr erstes Treffen als Buchstabensuppe verdaut. Das ist erotisch. Nun im Wettbewerbsfilm BEFORE MIDNIGHT sind sie ein „recyceltes“ Routine-Ehepaar und machen mit sonnigen Traumbildern, die uns über den langen Winter helfen, Urlaub in Griechenland. Fehlt eigentlich nur noch so eine Art HIGH NOON. "Wer weiß, vielleicht in neun Jahren wieder auf der Berlinale", lassen die drei die Frage nach mehr offen.

Jetzt im dritten Film besprechen sie jedenfalls schon mal ihr zukünftiges Leben mit all den Wünschen, Problemen und Defiziten. Wegen seines Sohnes aus erster Ehe möchte Jesse seinen Standort in den USA nicht aufgeben. Celine hängt an Paris. Was als romantische Liebesbeziehung in einer lauen Sommernacht der Schwerelosigkeit in Wien begann, hat nun deutlich Tendenzen zu "Szenen einer Ehe", aber weniger nervig und mit mehr Hoffnung und auch Humor als im Original von Bergmann.
Regisseur Linklater und die beiden Hauptdarsteller haben schon im ersten Film ZUSAMMEN am Drehbuch gearbeitet, wie sie jetzt erst einräumten. Auch im dritten Film kommen die Dialoge wieder genauso leichtfüßig daher. Dahinter steckt aber eine immense Arbeit. Das Team hat aus vielen Varianten eine einzige herauskristallisiert und im Entstehungsprozess auch zuweilen die Rollen getauscht. Er schrieb mal ihre, sie seine Texte und Linklater dachte für alle beide, klar. Alles ist festgelegt. Nichts ist improvisiert. "Es galt die rechte Balance zu finden, um es nicht zu süßlich werden zu lassen und schon gar nicht kitschig," sind sie sich einig auf der Pressekonferenz. Eine Begegnung, auf die man sich freuen kann. KINOSTART von BEFORE MIDNIGHT ist am Do, dem 6.Juni 2013

Richard Linklater kann die Berlinale schon fast als zweiten Wohnsitz angeben. Der in Houston, Texas geborene Drehbuchautor und Filmregisseur kam als Autodidakt zum Erfolg. Nach zahlreichen Gelegenheitsjobs zum Beispiel auf einer Ölplattform im Golf von Mexiko gründete er eine kleine Filmproduktionsfirma, um seinen ersten Kurzfilm WOODSHOCK zu drehen. Schon mit der Teenie-Komödie CONFUSION wurde er als Regie-Wunderkind in den USA gefeiert. Bereits sein nächster Film BEFORE SUNRISE brachte ihm 1995 in Berlin den Silbernen Bären für die beste Regie. Dieser Film spielte wie viele seiner Filme an einem einzigen Tag. Die frische Was-kostet-die-Welt-Stimmung im Universum der Interrail-Tourer, gepaart mit dem Moment des Zufalls bildeten vor der Kulisse des abendlichen Wiens den Anfang der Verfolgung der Lebenswege der fiktiven Figuren Celine und Jesse. (Foto: Peer Kling)


Julie Delpy, hier auf dem Podium in Berlin, ist und bleibt auch jetzt wieder Celine. Die mit ihren damals 26 Jahren international schon sehr erfahrene Filmschauspielerin hatte schon bei HITLERJUNGE SALOMON, HOMOFABER, bei DREI FARBEN – WEISS und auch bei -ROT mitgewirkt, bevor sie Ethan Hawke kennenlernte. (Foto: Peer Kling)


Ethan Hawke, Darsteller des Jesse ist ein paar Monate jünger als Julie, beim ersten Film noch nicht so weltgewandt wie seine Partnerin. Aber auch er hatte schon bei einem guten Duzend Filme mitgewirkt darunter im CLUB DER TOTEN DICHTER. (Foto: Peer Kling)




Die Filmplakate der Trilogie, ob wohl noch ein viertes hinzukommen wird?


Catherine Deneuve bei der BERLINALE - Der Grande Dame des französischen Films wurde Ihre Rolle in ON MY WAY auf den Leib geschrieben.

"J'en ai ralebole" ist ein so sehr schöner französischer Ausdruck für "Mir reicht's bis oben hin!" Die Restaurantbesitzerin aus der Bretagne Bettie (Catherine Deneuve) steigt ein und fährt einfach los, "Zigaretten holen". (Foto: ©Fidélité)

Catherine Deneuve geht in ON MY WAY als Bettie mal eben Zigaretten holen. Daraus wird ein Roadmovie. Der französische Originaltitel heißt denn auch: ELLE S´EN VA, sie geht weg. Sie hat allen Grund dazu, denn ihr Partner hat sich eine Jüngere genommen, die Tiraden mit der Mutter ist sie leid und die Hetze in Sorge um die Gäste und um schwarze Zahlen ihres Restaurants in der Bretagne auch. Doch there is no smoke, alle Geschäfte sind geschlossen. Die rheumatisch ungelenken Finger eines Rentners bringen zunächst Erlösung. Mit viel Geduld und (seiner) Spucke gelangt sie an einen Glimmstängel, "customized". Die Nikotinsucht sei nicht gespielt, räumt Catherine auf der Pressekonferenz ein. Warum sie denn jetzt so gar nicht rauche? "Damit nicht wieder als einzige Bilder welche mit Zigarette zu sehen sind." Von dieser kleinen Schwäche abgesehen, verkörpert Catherine auch im Film eine starke Frau. Die Reife und Stärke liegt wohl insbesondere darin, eine gewisse Tristesse, die das Leben so mit sich gebracht hat, zu überwinden. Das schale Gefühl beim Erwachen von Bettie im Bett eines Fremden mit dickem Kopf und ohne allzu viel Erinnerung war wohl nicht der Königsweg. Aber dann kommt ihr eigensinniger Enkel Charly (Nemo Schiffmann) mit ins Spiel. Er will zwar dauernd türmen (so wie sie), aber irgendwie stimmt die Chemie der beiden. Bei seiner Tanzeinlage hat er die Lacher und das Staunen auf seiner Seite. Zum Treffen mit den französischen Schönheitsköniginnen aus dem Jahre 1969 muss er mit. Seine Oma war schließlich "reine de beauté bretonne".
Der Film zeigt die Landschaft in seiner Einfachheit und Natürlichkeit. In keinem Roadmovie darf eine Tankstellen-Szene fehlen. Auch die können wir abhaken. Am Ende treffen sich alle an einer großen Tafel zum ausgedehnten Essen in reizvoller Umgebung an der frischen Luft, eine gute Gelegenheit, die Familienbeziehungen ein klein wenig erweiternd umzugestalten. Die Drehorte der im Juni 2012 entstandenen Aufnahmen sind: Bretagne: 1. Le Trévoux (Finistère); 2. Quistinic (Morbihan); Izieu (département de l'Ain); Menthon-Saint-Bernard (Haute-Savoie).

Das ist warmherziges "Der-Weg-ist-das-Ziel-Kino", das der Kaltschnäuzigkeit des Lebens und auch dem Älterwerden Paroli bietet.


Wird im Oktober 70, La Reine de Beauté Catherine Deneuve auf der Pressekonferenz in Berlin und das diesmal ohne Sonnenbrille, Merci Catherine! (Foto: Peer Kling)


Die Regisseurin Emmanuelle Bercot hat ON MY WAY eigens für Catherine Deneuve geschrieben. Die ausgebildete Tänzerin ist 1967 in Paris geboren. Sie nahm Schauspielkurse und arbeitete schließlich als Schauspielerin am Theater und ab 1987 auch als Filmschauspielerin. 1994 begann sie ihr Regiestudium an der Pariser Filmhochschule FEMIS, das sie 1998 mit Diplom abschloss. Für ihre Filme schreibt sie oft auch ihre Drehbücher selbst. Im Jahr 2001 stellte Bercot ihren ersten Spielfilm CLÉMENT fertig. Dieser Film, der bei ARTE unter dem Titel VIEL ZU JUNG lief, erhielt bei den Filmfestspielen in Cannes 2001 den Nachwuchspreis. Bercot ist in diesem Film gleichzeitig Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin. (Foto: Peer Kling)


Nemo Schiffmann, Sohn des Kameramannes hatte als Darsteller des ausgesprochen eigensinnigen Enkels Charly bei der Tanzeinlage des Films die Lacher und das Staunen auf seiner Seite; hier neben der Drehbuchautorin und Regisseurin Emmanuelle Bercot (Foto: Peer Kling)


Guillaume Schiffmann, Kameramann und Vater von Nemo (Foto: Peer Kling)


LA RELIGIEUSE (franz. Titel) DIE NONNE

La religieuse, deutsch: Die Nonne ist eine Romanverfilmung, die auf Denis Diderot (1713 – 1784) zurückgeht. Interessanterweise wurde der französische Roman zuerst acht Jahre nach dem Tod des Autors in Deutschland veröffentlicht und erst danach in Frankreich.

Handlung
Die Nonne Suzanne Simonin erzählt in Briefen ihre Lebensgeschichte. Von den Eltern wird sie gegen ihren Willen zu einem Dasein als Ordensschwester gezwungen, da für eine standesgemäße Heirat die nötigen finanziellen Mittel fehlen. Zwar gerät sie zunächst an eine verständnisvolle ältere Oberin, kann ihren Freiheitsdrang aber nie ganz ablegen. So wird sie unter einer neuen, fanatischen und grausamen Äbtissin zum Ziel von Repressalien und Schikanen durch diese und Mitschwestern. In drei Klöstern wird sie insgesamt mit der Macht von Konventionen und Geld sowie Scheinheiligkeit und religiösem Fanatismus konfrontiert.

Adaptionen
Der Roman wurde schon mehrmals verfilmt. Als wichtig gilt die 1966 mit der Goldenen Palme in Cannes belohnte Adaption unter der Regie von Jacques Rivette mit Anna Karina als Suzanne und Liselotte Pulver als ihre letzte Oberin.

Der neue Film
In dem nun neuen Film unter der Regie von Guillaume Nicloux spielt die junge Pauline Etienne überzeugend die Suzanne. Die fragile Weiblichkeit von Isabelle Huppert passt gut zur Rolle der lesbischen Mutter Oberin.
Wir empfanden den Film in sich sehr geschlossen und rund. Zusätzlich zum Kontrast aus den wunderbar in Szene gesetzten Klöstern als Orte der Kontemplation und der Vielfalt menschlicher Entgleisungen, angefangen bei der Mutter bis hin zur letzten Oberin vor der Befreiung, bietet der Film einen von der Zeitachse vorgegebenen Spannungsbogen mit guten Darstellerinnen. Ob dies denn noch zeitgemäß sei, wollten mehrere Teilnehmer bei der Pressekonferenz wissen. Unserer Meinung nach lassen sich auch heutzutage viele Beispiele finden, bei denen junge Menschen von Schutzbefohlenen in seelische Schieflage gebracht werden, noch dazu gerne unter dem Fähnchen der Rettung. Außerdem gibt es das historische Interesse am Thema.


Isabelle Huppert auf der Pressekonferenz zu DIE NONNE. Im Film spielt sie die lesbische Mutter Oberin, der Suzanne nur schwer entkommen kann. (Foto: Peer Kling)


Regisseur Guillaume Nicloux (Foto: Peer Kling)


Pauline Etienne (Hauptrolle der Nonne Suzanne Simonine) (Foto: Peer Kling)


Martina Gedeck (Rolle: Suzannes Mutter) (Foto: Peer Kling)


Françoise Lebrun (Rolle: Madame de Moni) (Foto: Peer Kling)


CAMILLE CLAUDEL 1915 in der Regie von Bruno Dumont mit Juliette Binoche in der Hauptrolle

Camille Claudel hat ja schon fast einen festen Wohnsitz im Berlinale Wettbewerb, aber anders als die 1989 in Berlin uraufgeführte Version mit Isabelle Adjani in der Hauptrolle befasst sich der neue Film ausschließlich mit der Leidenszeit in der Anstalt. Kein Rodin, kein einziges Kunstwerk. Die Konzentration auf das Grauen der Verzweiflung ist schon auch mutig. Ihre Leidensgenossen sind teilweise lallende und auch entstellte Menschen, die sichtlich ein ganz anderes Leidensspektrum haben und somit die Isolation und Einsamkeit der Hochbegabten Künstlerin unterstreichen. Man kann diskutieren, ob es, wie geschehen, gut ist, wirkliche Patienten spielen oder sich selbst darstellen zu lassen. Jedenfalls wurde niemandem seine Würde genommen, im Gegenteil. Das Ergebnis ist ein absolut authentisch wirkender Film. Als Zuschauer leidet man mit und möchte gerne das Ganze mal in die Hände moderner Psychiatrie übergeben. Zu den Landschaften der Seelennöte passen die ausgesucht kargen Gegenden Frankreichs mit ihrem wildromantisch schroffen Habitus wie die Faust aufs Auge. Toll.

"Front-Frau" Camille: Anstieg auf steinigem Weg. Die Landschaft Frankreichs und die der Seele treffen aufeinander.
Juliette Binoche als Camille in CAMILLE CLAUDEL 1915, Frankreich 2013 (Foto: Berlinale)

Link zum Online Katalog der Berlinale: "Camille Claudel 1915"
Trailer: http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=5DJQmCK6AJw#


Berlin Potsdamer Platz. Hier dreht sich jedes Jahr das Film-Karussell der Berliner Filmfestspiele. (Foto: Peer Kling)


Hommage und Goldener Ehrenbär für Claude Lanzmann
Die 63. Internationalen Filmfestspiele Berlin widmeten dem französischen Dokumentarfilm-Regisseur und Produzenten Claude Lanzmann eine Hommage und verliehen ihm den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk. "Claude Lanzmann ist einer der großen Dokumentaristen. In seiner Darstellung von Unmenschlichkeit und Gewalt, von Antisemitismus und seinen Folgen hat er eine neue filmische wie ethische Auseinandersetzung geschaffen. Wir fühlen uns geehrt, ihn ehren zu dürfen", sagte Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

Das fast lebensgroße Portrait von CLAUDE LANZMANN, aufgenommen von dem Fotografen GERHARD KASSNER. Seine Starportraits gehören seit 2003 zur täglich um einige Bilder ergänzten Ausgestaltung des Berlinale Palastes. Wenn kein neues Foto mehr reinpasst, ist die Berlinale vorbei. Vor den Gala-Premieren signieren die jeweiligen Stars ihr Ebenbild.
(Foto vom Foto: Peer Kling)

Ojé, es ist schon fast drei Jahrzehnte her, dass wir wie gebannt die Dokumentation SHOAH (1985) verfolgten, neuneinhalb Stunden lang. Der Dokumentarfilm über den Völkermord an den europäischen Juden ist als epochales Meisterwerk der Erinnerungskultur in die Filmgeschichte eingegangen. Bestimmte Bilder, Ausdrücke und Sätze werden uns ein Leben lang begleiten.
Die Vorbereitungen und Filmarbeiten zu Shoah dauerten nahezu zwölf Jahre. Lanzmann zeigt in diesem Werk ausschließlich Interviews mit Überlebenden und Zeitzeugen der Shoah, darunter auch Täter, sucht die Orte der Vernichtung auf und vergegenwärtigt den unermesslichen Schrecken des Völkermords im Nationalsozialismus.
Claude Lanzmann, 1925 als Sohn jüdischer Eltern in Paris geboren, kämpfte in der Résistance, studierte in Frankreich und Deutschland Philosophie und hatte 1948/49 eine Dozentur an der neugegründeten Freien Universität Berlin inne. Seine Auseinandersetzung mit der Shoah, dem Antisemitismus und den politischen Freiheitskämpfen durchziehen sein filmisches wie journalistisches Schaffen.