Dienstag, 4. März 2014

Berlinale 2014 - War Clooney der Clou?


Oder entspringen die wahren "Monuments Men" Schlöndorffs Film "DIPLOMATIE"?

Von unseren Berlinale Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann



"Monuments Men - Ungewöhnliche Helden"
USA 2013; 124 Minuten

ab 12 Jahren

Regie: George Clooney

Drehbuch: George Clooney, Robert M. Edsel, Grant Heslov, Bret Witter

Produktion: George Clooney, Grant Heslov, Christoph Fisser, Barbara A. Hall, Henning Molfenter, Charlie Woebcken

Musik: Alexandre Desplat

Darsteller: Matt Damon, George Clooney, Cate Blanchett, Bill Murray, John Goodman, Hugh Bonneville, Jean Dujardin, Diarmaid Murtagh, Bob Balaban, Sam Hazeldine, Dimitri Leonidas, Xavier Laurent, Andrew Byron, Richard Crehan, Declan Mills, Justus von Dohnányi, Holger Handtke, Michael Hofland, Zahary Baharov, Michael Brandner



"MONUMENTS MEN – UNGEWÖHNLICHE HELDEN" lief im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz. Der Zweite Weltkrieg geht dem Ende zu, Deutschland ist längst schon völlig am Ende. Die Monuments Men sind als Kunstschutzoffiziere in Europa unterwegs. Diese Soldaten zur Rettung von Kulturgütern hat es wirklich gegeben. Harry Ettlinger ist der letzte überlebende Zeitzeuge von den zwischen 1943 und 1946 aktiven Monuments Men. Er war jetzt in Berlin auf dem roten Premieren-Teppich mit dabei.

Sowohl NS-Raubkunst als auch Kulturgüter aus den Museen wurden von den Deutschen zum Schutz vor dem Bombenhagel in Salzstöcke eingelagert. Die Monuments Men wollten die Kunst nicht nur retten, sondern auch wieder den rechtmäßigen Besitzern zuführen. Die Aufgabe wurde zunehmend schwieriger, weil zum einen die Russen immer näher kamen und zum anderen nach Hitlers Nero-Befehl die eigenen Kulturgüter sämtlich in die Luft gesprengt werden sollten, nachdem alles andere verloren war.
Das passt thematisch übrigens auch genau zum neuen Schlöndorff-Film "Diplomatie", der Verfilmung des Theaterstücks von Cyril Gély. "Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen" - so lautete der Hitler-Befehl. Das Bühnen-Drama über die Rettung der Identität von Paris und natürlich ebenso von unzähligen Menschenleben feierte in Frankreich große Erfolge.




Volker Schlöndorff (rechts) und der Theater-Autor Cyril Gély gaben bei der Berlinale persönlich die Einführung zu ihrer Gemeinschaftsproduktion "Diplomatie". 
(Foto: Peer Kling)

Auf die beiden im Zentrum des Schlöndorff-Films stehenden Männer gibt es keinen treffenderen Begriff als den der "Monuments Men". Die Sprengladungen waren schon an die Seele von Paris geheftet. Notre Dame, der Louvre, der Eiffelturm und die Seine-Brücken hingen am seidenen Schicksals-Faden. Real ist bis heute nicht geklärt, ob die Befehlsverweigerung aus innerer Überzeugung oder doch eher aus äußerem Druck geschah. Im Film gestaltet sich das Ringen um die Entscheidung als furioses psychologisches Drama. Der schwedische Diplomat Raoul Nordling (André Dussolier), der fast sein ganzes Leben in Frankreich verbracht hat und sich als Bürger von Paris versteht, überzeugt den Pariser Stadtkommandanten, General Dietrich von Choltitz (Niels Arestrup) den Spreng-Befehl auszusetzen. Real hat es diese Unterredung dieser beiden "Monuments Men" nie gegeben, aber sie ist grandios.

André Dussolier war gleich in zwei Berlinale-Neuvorstellungen zu sehen, zum einen als der schwedische Diplomat Raoul Nordling in "Diplomatie" und in der Rolle des Händlers in "La Belle et la Bête" ("Die Schöne und das Biest") zu dessen Pressekonferenz er sich hier ein Lächeln abgewinnt. 
(Foto: Peer Kling)

Auch bei Clooney's "Monuments Men" geht es um die Existenz dessen, was neben den Menschen eine Nation ausmacht. Der Blickwinkel ist aber sehr amerikanisch und wird vor allem von einer Person festgelegt. Clooney nimmt sich der Sache an. Clooney auf allen Kanälen. Clooney-Regie, Clooney-Drehbuch, Clooney-Produktion, Clooney-Hauptdarsteller, Clooney im Blitzlichtgewitter auf der Berlinale, Clooney, der Menschenmagnet, besonders für weibliche "sExemplare". War der Film also der Clou, die Glanznummer der Berlinale? Clooney – "Le Clou"? Oder landete er gar "Den großen Coup"? Na, ja, die Ganovenkomödie "Le Clou" war der an der Kasse erfolgreichste Film des Jahres 1974. Und "Der Coup" ein Jahr zuvor bekam renommierte Preise. Offensichtlich beansprucht Clooney weder das eine, noch das andere. Sein Film lief zwar in der prominentesten Sparte der Berlinale, im Wettbewerb, aber außer Konkurrenz, sozusagen unter dem Aspekt: Dabei sein ist alles, aber das dann mit viel Glamour voll in Szene gesetzt.



Clooney, der Clown?

Irgendwie schon, jedenfalls sind alle in Berlin anwesenden Darsteller passend zur Karnevalszeit in der Formation der Polonaise zum Presseshooting vor der anschließenden Konferenz angerückt und haben ordentlich rumgekaspert. Zugegen waren: Matt Damon, George Clooney, Bill Murray, John Goodman, Jean Dujardin, Bob Balaban und Dimitri Leonidas.

Cate Blanchett musste leider plötzlich absagen. Sie war bei der Beerdigung von Philip Seymour Hoffman (gestorben mit 46), mit dem sie eng befreundet war. Cate Blanchetts Rolle zunächst als widerstandsbewegte Dutt-Frau, dann als Verführerin mit offenem Haar setzt der Männerwelt voller Gewalt einen Charakter entgegen, den es anzuschauen richtig Freude bereitet. Im Film heißt sie Claire Simone, ist aber eigentlich Rose Valland, die seinerzeit tatsächlich diese wertvollen Listen der Kunstwerke heimlich angefertigt und den Monuments Men ausgehändigt hat. Während der Berlinale war Cate Blanchett auch noch in der Leinwandadaption von Tim Wintons populären Kurzgeschichten "The Turing" zu sehen.



Die eigentliche "Flamme", wandelbare Heldin und "Monuments Frau" des Films: Cate Blanchett in der Rolle der Claire Simone (eigentlich Rose Valland)

Foto: Berlinale




Bei Kinoliebhabern gibt es zwei ewige Diskussionen. Die bekannteste wird wohl durch den Satz eingeleitet: "Das Buch war aber besser." Die hier angesagte Diskussion wäre die Abwägung zwischen dem angemessenen Ernst des Themas, dem eine trockene Dokumentation mit staubigen Fakten wohl am ehesten gerecht würde und einem Spielfilm, der das Thema spannend, kurzweilig und gerne auch unterhaltend dramaturgisch in Szene setzt, gerne mit guten Dialogen, fesselnder Musik und bewegenden Bildern. Also der Film ist zum Glück nicht so klamaukig wie der Trailer mit dem Dialog, den Matt Damon auf einer Tretmiene stehend spricht, Glauben macht. Die Besetzung spielt natürlich im wahrsten Sinne des Wortes eine große Rolle. Bill Murray steht nun mal für einen ganz bestimmten Typ und nicht gerade für den Prototypen eines Monument Man. Aber vielleicht ist diese Besetzung entgegen dem Archivstaub gerade gut. Bei John Goodman müssen wir einfach immer an Fred Feuerstein denken, da kann er spielen was er will. Aber vielleicht ist es ja eine gute Vorstellung, wenn Fred Feuerstein bei der Rettung von Monet bis Michelangelo an vorderster Front mitmischt.



Wir erinnern uns gerne an das Berlinale-Jahr 2007. Da lag Clooney als "The Good German" schon einmal in den Ruinen von Deutschland, genauer Berlin, schon damals also. Die Tagline des Films lautete im Original: "If war is hell, then what comes after?" (zu dt.: "Wenn Krieg die Hölle ist, was kommt danach?") Diesen Satz können wir jedenfalls 1:1 übernehmen.



Auch wenn die Kritik den Film "Monuments Men" vielfach im Regal der Unterhaltungsecke abgelegt hat und das dann auch noch eher unten, so ist es dem Spielfilm dennoch gelungen das Tagesgespräch für eine Weile auf die Provenienzforschung also auf die Herkunftsgeschichte von Kunstwerken und Kulturgütern zu lenken. In dieser Teildisziplin der Geschichte beziehungsweise Kunstgeschichte wartet noch reichlich unerledigte Detektivarbeit auf seine Verrichtung. Gelegenheit zu umfangreichen Hausaufgaben bieten beispielsweise der Münchner Fund von über 1000 Kunstwerken aus der Sammlung des verstorbenen Händlers Hildebrandt Gurlitt, wovon 600 unter Raubkunstverdacht stehen oder ganz aktuell die Nachforschungen beim Berliner Berggruen Museum.

Den Film auf der Berlinale zu zeigen war richtig. Das Publikum der Berlinale möchte nicht nur deprimierende Diskussionen aller Brennpunkte mit Weltuntergangsstimmung, sondern auch Glanz und Stars. Nicht nur, aber auch. Da kommt das Clooney-Lächeln gerade recht. Außerdem würde ihm der Satz: "Ich bin ein Berliner." auch ganz gut stehen, schließlich war er Wahl-Berliner, während der Monate langen Dreharbeiten in Babelsberg und anderen Orten der Gegend. Clooney wurde ein Stück Berlin.



Tipp:
 "Monuments Men" läuft bereits in den Kinos. 
Der Bundestart für "Diplomatie" ist auf den 28.08.2014 festgelegt.