Sonntag, 7. Dezember 2014

Nordische Filmtage Lübeck 2014

Bei den 56. Nordischen Filmtagen 2014 in Lübeck gelangten an fünf wunderbaren Spätherbst-Tagen rund 170 Filme aus Skandinavien, dem Baltikum und aus Norddeutschland zur Aufführung.

Das Baltikum

Das Baltikum wird durch die Filmtage zunehmend transparenter, das Schaufenster in diese Ländergruppe immer größer. Als die Nordischen Filmtage 1956 zum ersten Mal in der Hansestadt Lübeck veranstaltet wurden, galt der eiserne Vorhang als unüberwindlich und einher ging ein stetes Bangen um den Weltfrieden, das im Oktober 1962, also kurz vor den "verflixten" siebenten Filmtagen einen dramatischen Höhepunkt fand. Die Nordischen Filmtage beschränkten sich zwangsläufig auf Skandinavien. Filmvorstellungen aus dem Baltikum waren nicht denkbar und den baltischen Film gab es auch überhaupt nicht. Denn über Estland, Lettland und Litauen herrschte das Sowjetregime mit strenger Hand. Die jeweils eigene Sprache und eigene Kultur wurden strickt unterdrückt. Das Baltikum gehört zu den Regionen Europas, die in kurzem Abstand von diametralen Diktaturen überrollt wurden, wie beispielsweise das Okkupationsmuseum in Tallinn in seiner Ausstellung beklemmend veranschaulicht. Nazitum und Stalinismus haben in wenigen Jahrzehnten so viel Leid volle Geschichte über die drei Länder gebracht, dass zur Aufarbeitung noch zahllose Filmbeiträge notwendig sind. Einzel- und Kollektivschicksale haben das Recht nicht vergessen zu werden. Der Film ist das geeignete Medium diesem Recht Geltung zu verleihen. Die Suche nach der eigenen Identität, die Rückbesinnung, wie das alles überhaupt hat geschehen können, das Verlangen nach Gleichgewicht und Sicherheit sind willkommene Filmthemen.

Durch die Hanse ist Lübeck, der Standort der Nordischen Filmtage in seiner Geschichte stark verwoben mit Riga und Reval (heute Tallinn), die ebenfalls beide Hansestädte waren. Aber schon damals war die Länderzugehörigkeit wechselnd und das Gezerre zwischen dem Königreich Schweden oder dem von Dänemark, zwischen Ordensstaat oder Fürstentum Livland oder der Republik Polen-Litauen bietet nach wie vor reichlich Filmstoff. Die Grenzen waren Zeit abhängig fließend, die Begriffe unscharf. In der Zwischenkriegszeit, also zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg zählte gar Finnland zu den Baltischen Staaten, aber immerhin ist die finnische der estnischen Sprache sehr ähnlich.

Aus Estland und Lettland wurden dieses Jahr je sechs, aus Litauen drei Filme gezeigt. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass die Bevölkerung dieser Länder mit zusammen nur knapp über sechs Millionen Menschen in der Größenordnung von einem Drittel der Bevölkerung von NRW liegt. Von der Fläche her ist allein schon Litauen fast doppelt so groß wie Nordrheinwestfalen.

Der Weg zur baltischen Freiheit veranschaulichte als Abend füllender Dokumentationsfilm aus Lettland die Unabhängigkeitsbewegung in den baltischen Ländern Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre. Die Kombination aus Interviews von Augenzeugen mit Doku-Szenen aus seltenem Archivmaterial lässt ein so interessantes wie detailliertes Gesamtbild der Verhältnisse während der "Singenden Revolution" entstehen, in der Anstimmen der verbotenen baltischen Hymnen zu einem Akt des Widerstands gegen die Zentralregierung in Moskau wurde. Als in den 1980er Jahren unter Gorbatschows Politik der Perestroika in den baltischen Teilrepubliken der Sowjetunion der Nationalgedanke erwachte, wurde 1988 die lettische Volksfront mit dem Ziel der staatlichen Unabhängigkeit gegründet. Regisseur Askolds Saulitis lenkt den Blick auch auf weniger bekannte Aspekte, wie auf die Versuche der Geheimdienste und der Kommunistischen Partei, die Massenbewegung unter ihre Kontrolle zu bringen.

Aus dem Film: Der Weg zur baltischen Freiheit




Die Streunerin
Litauen 2013
Regie: Audrius Juzenas
Darsteller/innen: Anastasija als 10-jährige Maria, Raisa Ryazanova als Großmutter, Igor Svochkin als Vasya, Sergey Garmash als NKVD Offizier Dimitriy, Gotsdiner als Sowjetischer Soldat.
Auch der Regisseur übernahm als ihr erster Retter eine Rolle.
lit., russ. OF mit engl. UT
Farbe, 109 Min

Die Streunerin greift ein hochinteressantes, berührendes historisches Thema auf, nämlich die Vertreibung und Zwangsumsiedlung von Millionen Menschen in der Sowjetunion. Die Massendeportationen von Einwohnern der baltischen Staaten nach dem zweiten Weltkrieg in entlegene Gebiete der Sowjetunion hatten zum Ziel, die stalinistische Herrschaft zu festigen und eine langfristige Durchmischung der Bevölkerung zu erreichen.

Der Spielfilm erzählt die unglaubliche aber wahre Geschichte eines 10-jährigen litauischen Mädchens, das in den 50ern vor dem Gulag aus sibirischer Gefangenschaft flieht und sich allein auf den Heimweg macht. Sie hat Vater und Mutter verloren, müsste eigentlich hochgradig traumatisiert sein, bewahrt sich aber ihre stark gefestigte Seele, wodurch ihr nach vielen gefährlichen und zermürbenden Erlebnissen, aber auch nach der Erfahrung von Menschlichkeit und selbstloser Hilfsbereitschaft die Rückkehr in die Heimat gelingt. Leider wird ihr hilfloses Vertrauen immer wieder missbraucht und Denunziation und Verrat sind ein Unterthema des Films.

Die Streunerin fordert den Vergleich zu dem Film Lauf Junge lauf heraus. Diese deutsch-polnisch-französische Koproduktion des Regisseurs und Produzenten Pepe Danquart, die dieses Jahr auf der Berlinale und dann hierzulande in den Kinos vorgeführt wurde, zeigt einen 9-jährigen Jungen auf der Flucht aus dem Warschauer Ghetto. In beiden Filmen liegt die Bedrohung in anderen Menschen, im Vexierspiel, kann ich vertrauen oder nicht, aber auch in der unerbittlichen Kälte und im Hunger. Die Notwendigkeit eines Verstecks ist beiden Filmen gemeinsam. Der Irrweg des Jungen führt ihn durch ganz Polen und dauert drei Jahre.

Das wichtigste an diesen Filmen sind die Darsteller der fliehenden Kinder. Im Fall des Jungen gab es den unheimlichen Glücksfall, dass er durch das Zwillingspaar Andrzej und Kamil Tkacz dargestellt werden konnte. Beide sind tolle Darsteller, sehen genauso aus, aber der eine konnte besser heulen, der andere traute sich bei den Stunts mehr zu. Die Geldausgaben konnten im Rahmen gehalten werden, weil die vom Jugendschutz geforderten Pausen eingehalten werden konnten. Während der eine vor der Kamera stand, hat sich der andere ausgeruht. Bei der Darstellung des Mädchens hätte vielleicht mehr Geld bei der Maske geholfen. Sie wirkt zuweilen unglaubhaft sauber und wenig mitgenommen. Das sind die Momente, in denen wir nach Hollywood schielen, auch wenn wir uns bei diesem Gedanken leicht schämen. Bei der Streunerin sind die politischen Verhältnisse für hiesige Verhältnisse relativ undurchsichtig. Dem Zuschauer geht es wie dem Mädchen: "Auf welcher Seite ist der denn jetzt bloß?" Der Film aus Litauen besticht vor allem auch durch seine Landschaftsaufnahmen. Einen Preis hat er nicht bekommen und das kann heißen, dass er wohl in deutschen Kinos nicht zu sehen sein wird? Aber es gibt ja noch das Fernsehen.

Schweden – Norwegen

Schweden – Norwegen, macht das denn überhaupt einen Unterschied? Die Grenze zieht sich doch durch den gesamten "Löwen", die Bergrücken der Fjellen als natürliche Grenze? Nun ja, so ganz abwegig ist es nicht, von der geografischen Gemeinsamkeit auch auf eine Staatengemeinschaft zu schließen, immerhin sind sich von allen skandinavischen Sprachen diese beiden am ähnlichsten und tatsächlich gab es die Union von Norwegen mit Schweden. Sie hielt von 1814 bis 1905. Aber die Realität heute ist anders. Auch wenn sich Norwegen da und dort als Kontinuum zeigt, das Dauerserienmotiv mit dem Posthorn, zum ersten Mal 1872 in Umlauf gebracht, hat die längste Laufzeit der Welt. Und dennoch ist die Veränderung in den letzten Jahren so stark wie nie zuvor. Das Öl hat aus einem der ärmsten Länder Europas eines der reichsten gemacht und alles auf den Kopf gestellt, auch das Verhältnis zu Schweden.
Kaum ein Norweger verrichtet noch "niedere" Arbeiten. Aus der ganzen Welt kommen Putzkolonnen, Fahrer und auch Hausmädchen, so auch aus Schweden. Da wären wir mitten im Thema der Filme Schwedenbastard und Brief an den König.

Schwedenbastard / Svenskjaevel / Underdog
Schweden 2014
97 Min Farbe
schwed., norweg. OF, engl UT
B u. R: Ronnie Sandahl
D: Bianca Kronlöf als das 23-jährige "Kindermädchen" Dino
     Henrik Rafaelsen als Ex-Tennisprofi Steffen
     Mona Kristiansen als essgestörte Tochter Ida
     Naomi Emelie Christensen Beck als everybody's-darling-Tochter Siri

Die 23-jährige Dino aus Schweden schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und das klappt in Norwegen besser als in ihrem eigenen Land. Der Zufall lenkt sie in die Hände des Ex-Tennisprofis Steffen, der sich mit einem Restaurant über Wasser hält, seitdem sich niemand mehr für seine Karriere als Sportler interessiert, auch nicht als Biografie. Eigentlich ist er verheiratet, aber seine Frau ist "out of Africa". Eigentlich soll Dino im Restaurant helfen. Das macht aber mit ihrem Gipsarm wenig Sinn. Steffen hat zwei Töchter. Siri ist everybody's Darling, Ida ist essgestört. Eigentlich soll Dino die Töchter betreuen. Sie betreut aber zunehmend den Papa der Töchter. Eigentlich geht in all den angerissenen Lebensentwürfen so gar nichts nach Plan, erst recht nicht, als Steffens Ehefrau plötzlich auftaucht.
Der baltische Preis ging an diesen ersten Langfilm des 1984 in Falköping, Schweden geborenen Ronnie Sandahl und er zählt auch zu unseren Favoriten. Warum? Weil die Entwicklung der Menschen und ihre Beziehungen zueinander in diesem Film so grandios über Bilder erzählt wird, die im Zusammenhang gesehen, eine starke emotionale Kraft entfalten.
Und weil die Rolle der Dino still begeistert. Die in Wirklichkeit 29-jährige Darstellerin Bianca Kronlöf fasziniert nicht nur in ihrer Rolle, sondern auch im wirklichen Leben als wohlwollendes Enfant terrible, das sich als Feministin gegen Sexismus, Rassismus und überhaupt gegen alles Unrecht dieser Welt in Wort, in Form von Zeichnungen und Videos einsetzt. In ihrem Übereifer tat sie kund, alle schwedischen Regisseure seien Idioten. Produktion und Regie wollten sie sehen und empfand sinngemäß: Wenn sie halb so gut agiert wie agitiert ist sie umwerfend. Sie bekam die Rolle und damit war "such a suicide as a career" abgewendet. Es gibt tatsächlich eine kanadische Punk-Band mit dem Namen Career Suicide. Hätte doch gepasst, wenn sie einige Stücke beigetragen hätte. Bianca Kronlöf hat also Persönlichkeit und erinnert in ihrer "Dino-Rolle" an die von Sandrine Bonnaire gespielte tragische Hauptfigur in dem Film Sans toit ni loi, den Agès Varda 1985 sozusagen als "Anklage" realisierte. Das schönste an Svenskjaevel, so der Originaltitel, ist seine Menschlichkeit.

Um Menschlichkeit oder das nicht Vorhandensein von Menschlichkeit, sprich Unmenschlichkeit geht es auch in dem Film:

Alibag Salimi als Mirza in dem norwegischen Film von Hisham Zaman "Brief an den König".


Brief an den König
Norwegen 2014
75 Min., norweg., kurd., pers., engl. OF, engl. UT
B u. R: Hisham Zaman, (B zus. mit Mehmet Aktas)
D: Alibag Salimi (Mirza), Ivan Anderson (Beritan), Nazmi Kirik (Miro), Hassan Demirci (Champion), Zheer Ahmed Qader (Zirek), Amin Senatorzade (Akbar), Raouf Saraj (Rebin), Derin Kader (Lorin)

Das faszinierende aber auch bedrückende dieses Films ist seine Authentizität. Regisseur Hisham Zaman ist im Irakischen Teil von Kurdistan geboren und kam als 10-jähriger nach Norwegen. Stichworte zu diesem Film sind: Überleben, Verrat, Mord aus Rache, der lange Weg von der Unmenschlichkeit zur Menschlichkeit, Flucht, Asyl, Integration. Sinngemäß erklärt der Absolvent der norwegischen Filmschule von Lillehammer bei der Vorführung in Lübeck: "Vieles beruht auf den wirklichen Erlebnissen der Darsteller. Sie sind meistens Laien. If they believe in the character and in me, dann geht alles gut. Die Figur des Champion beispielsweise ist fast 1:1 umgesetzt." Und was man zu sehen bekommt, ist in der Tat eine Art persischer Lino Ventura in Echtzeit mit einer ausgeprägten Tendenz zu Charles Bronson.

"Willkommen in Oslo!" Flüchtlinge, die ansonsten in einer Unterkunft im verschneiten Niemandsland ausharren bei einer Bustour in die Landeshauptstadt. Sie sollen den Alltag in Wartestellung für eine kurze Zeit vergessen und neuen Mut für den Neuanfang schöpfen. Doch zwischen Vergangenheit und Zukunft muss sich jeder der Reiseteilnehmer auf ganz eigene Weise zurechtfinden: Beritan hat acht Stunden, um den Tod ihres Mannes zu rächen. Akhbar muss dringend das Geld für seinen neuen Pass auftreiben. Zirek möchte endlich ein Mädchen kennen lernen und ein normaler Teenager sein. Und der 82-jährige Mirza ergreift eine letzte Chance, damit seine Kinder endlich ihre letzte Ruhe finden: Er schreibt einen Brief an den König von Norwegen.

Als Demonstration von Volksnähe gibt es tatsächlich einige Minuten andauernde Audienzen beim König, der auch als einziger Norweger Amnestien aussprechen kann. Wunsch und Wirklichkeit gehen aber nicht einher. Den von Alibag Salimi gespielten Mirza gab es wirklich und auch den Brief an den König, aber der echte Mirza ist am 17.05.2013 gestorben ohne je eine Antwort erhalten zu haben.

Wie soll ein ganzes Land, eine Demokratie mit all den zu überwindenden Schwierigkeiten funktionieren, wenn schon die Kernfamilie aus Vater, Mutter, Kind völlig versagt? Dies ist als abschreckendes Beispiel zu studieren in dem einzigen Langfilm des Festivals, der von den Färöer-Inseln stammt und damit zunächst unser Interesse weckte:

Ludo
Färöer, DK 2014
70 Min., färöische OF, engl. UT
B u.R: Katrin Ottarsdóttir
Lea Blaaberg (Tochter), Hildigunn Eydfinsdóttir (Mutter), Hjálmar Dam (Vater), Bárdun Persson (Arzt), Gunnvá Zachariasen (Frau des Arztes)

Ludo ist keine nette Unterhaltung sondern harter Psycho, den wir uns als letzten Film vor unserer Heimreise besser hätten sparen sollen. Diese Abrechnungen gequälter Geister haben zwar unser Mitgefühl, aber wir verweisen lieber an die geschlossene Abteilung.

Dieses Psychogramm einer Familie beruht auf einem Gedicht der Regisseurin aus ihrer preisgekrönten Sammlung "Eru koparrør i himmiríki" (2012) und ist von eigenen Erfahrungen inspiriert, schätzungsweise als Opfer und nicht als ausführendes Organ. Eine zunächst unerwartete Finanzspritze ließ den ursprünglich als Kurzfilm geplanten Stoff zum ersten färöischen Spielfilm seit 15 Jahren gedeihen.
Eine von Depression und Angstpsychosen zerfressene Mutter lässt Mann und Tochter ebenso leiden. Die Opfer stützen sich gegenseitig und kapseln sich ab, was die Mutter noch mehr in die einsame Position des Wahnsinns treibt. Das wunderschöne Einfamilienhaus in bester Lage am Meer in dem Dorf Sandur auf den Färöern wird kontrastiert von schwarzen Vögeln, düsteren Naturaufnahmen und bedrohlicher Musik, die zusammen unschwer ein blutiges Ende erahnen lassen.

Ludo ist eigentlich der 1896 in England unter der Patentnummer 14636 patentierte Vorläufer des "Mensch ärgere Dich nicht" und bestreitet weite Teile der Filmhandlung. "Ludo" heißt übersetzt "ich spiele" und wir möchten gerne ergänzen: "verrückt" und das bis der Arzt kommt, dargestellt von Bárdun Persson. Er heilt aber nicht und kann von Glück sagen, dass die Verrückte den Wahlspruch der Packungsbeilage nicht ausführt: "Fressen Sie ihren Arzt oder Apotheker". …

Nochmal davon gekommen: Unsere Korrespondenten Peer Kling & Silke Möller-Wenghoffer