Samstag, 21. November 2015

Hit the Road Lübeck - 57. Nordische Filmtage Lübeck (Teil 2)

Filmland Dänemark

Norwegisch kommt dem Schwedischen nahe, der Verwandtschaftsgrad des Schwedischen mit dem Dänischen ist allerdings weitläufiger, sozusagen eine Halskrankheit weiter entfernt. Dänemark, auf der Landkarte nichts als der Bettvorleger des großen Löwen, hat sich einmal mehr als Filmland erster Güte erwiesen. Chapeau! Auch wenn wir natürlich nicht alles sehen konnten, so können wir doch folgende Filme als erstens gesichtet und zweitens als empfehlenswert melden, alle aus der Produktion von 2015:

Rosita
Zum Publikumsliebling wurde der dänische Film Rosita, der charmant von seiner temperamentvollen Regisseurin Frederikke Aspöck vorgestellt wurde. Rosita erzählt eine Familiengeschichte im norddänischen Hirtshals. Vater Ulrik (Jens Albinus) lebt nach dem Tod seiner Frau mit Sohn Johannes (stark: Mikkel Boe Folsgaard) zusammen in einem bescheidenen Einfamilienhaus, verdient sein Brot in gehobener Position in der Fischfabrik, der Sohn ist Fischer. Die Sonne scheint selten, wir sehen Straßen, Bushaltestellen ("Der fährt nur viermal am Tag."), die Dorfkneipe, den Hafen und Schiffe von innen und außen. Man meint, die salzige Meeresluft und den Fisch zu riechen. Fisch ist dann auch eines der ersten dänischen Wörter, die Rosita lernt. Die Philippinin ist gerade mit dem erklärten Reiseziel angekommen, die Frau von Ulrik zu werden. Es scheint zunächst eine Art Probezeit zu geben, in der man versucht, sich näherzukommen, was nicht einfach ist, da Ulrik, ob glaubhaft oder nicht, kein Englisch spricht. Dramaturgisch ist seine Sprach-Lücke jedenfalls besonders wertvoll, denn bald muss Sohn Johannes, erst widerwillig, dann gern und schließlich sogar manipulierend als Dolmetscher fungieren. Die holprige Annäherung zwischen dem Vater und der jungen Frau wird bald zum Nebenschauplatz. Es entwickelt sich eine mitreißende und doch hoffnungslose Liebesgeschichte zwischen Johannes und Rosita. Mercedes Cabral erfüllt als Darstellerin der jungen Philippinin Rosita zunächst wunderbar das Klischee der ruhigen, bescheidenen, hübschen, fleißigen Asiatin. Im Laufe des Geschehens bildet sie jedoch immer mehr Profil und Willensstärke aus. Sie muss eine schwere Entscheidung treffen und wählt gegen ihr Gefühl doch den älteren Mann, der ihr nicht die große Liebe aber Sicherheit und ein Zuhause auch für ihren Sohn bieten wird. Johannes ist durch die gefühlvolle Beziehung zu Rosita reifer und sensibler geworden. Es gelingt ihm, aus dem engen, unbefriedigenden Leben in Hirtshals auszubrechen.

Mercedes Cabral als Titelheldin Rosita mit Jens Albinus als Ulrik aus der Fischfabrik
Foto: Danish Filminstitute


Frederikke Aspöck, Regisseurin von Rosita.
Foto: Peer Kling




Die Zirkusdynastie (Cirkusdynastiet); Regie: Anders Riis-Hansen
Eigentlich lassen Zirkusleute keine Fremden an sich heran, aber dem Zirkusliebhaber Anders Riis-Hansen ist es gelungen, hinter die Kulissen zu schauen. Er durfte sogar die Tränen derer filmen, die von Berufs wegen immer nur lachen oder wenigstens freundlich lächeln müssen. Zwei Jahre lang hat er die Familien Berdino und Casselly in Dänemark begleitet und ist sogar mit nach Amerika geflogen. Die Aktivitäten des Filmemachers waren zunächst als mögliche Verkaufsförderung eher geduldet als ersehnt. Doch bald entwickelte sich eine gegenseitige Freundschaft. Was als generelles Zirkusporträt begann, endet als tragische Liebesgeschichte zwischen Merrylo Casselly und Patrick Berdino, denen als Artisten-Traumpaar die Welt offen gestanden hätte.

Filmplakat von Dynastiet als DVD Cover. Die Zirkusgeschichte wurde auf zahlreichen Festivals ausgezeichnet.
Foto und Bezugsquelle: Hansen & Pedersen Knabrostræde 3, porten th. 1210 København +45 2744 2567


Schlüssel, Haus Spiegel (Nøgle, hus, spejl); Regie: Michael Noer
Das Thema Alter, Krankheit und Sterben war in Lübeck mit zwei eindrucksvollen dänischen Produktionen vertreten. In Schlüssel, Haus Spiegel - diese drei Worte sollte sich Lily (Ghita Norby) bei ihrem Demenz–Test merken - lebt ein älteres Ehepaar in einem Pflegeheim. Der ihr angetraute Max (Jens Brenaa) ist komplett pflegebedürftig und zur Kommunikation kaum mehr fähig. Lily ist noch gesund und aktiv, wohnt bei ihrem Mann und bemüht sich, seinen Alltag würdevoll und l(i)ebenswert zu gestalten. Ab und zu kommt die Familie zu Besuch. Der folgende Abschiedsschmerz und das Verlassenheitsgefühl ist bei Lily mindestens so groß wie die Freude über die gemeinsamen Stunden. Wir erleben, wie Lily versucht, dem Leben im Heim etwas abzugewinnen, wie sie um kleine Verbesserungen kämpft und dennoch freundlich bleibt, wenn das gestresste Personal sie vertröstet oder reglementiert. Als ihr verwehrt wird, den traditionellen Geburtstagskuchen für ihren Mann zu backen, kommt es zum nächtlichen Einbruch in die Heimküche und zum Ausbruch von Frühlingsgefühlen. Erik, im Heim bekannt als der Pilot (Sven Wollter) wird nicht nur ihr Komplize. Doch darf der Saft der Lebenskraft in alle Brünnlein fließen? Darf die verheiratete Großmutter Lily - nahezu vor den Augen ihres hinfälligen Mannes - dieses Glück genießen? Von ihrer Umgebung, der Familie und den Heimbewohnerinnen wird dies missbilligt. Die Stärke des Films liegt in der schauspielerischen Leistung innerhalb dieses Spannungsfeldes. Der Film, frei von moralischer Schwarzweiß-Malerei und nah dran an den empfindsamen Seelen seiner Geschichte, packt ein immer wichtiger werdendes gesellschaftliches Thema differenziert an. Dabei verifiziert Lily eindrucksvoll und unbeirrbar die Überschrift im one-woman-Einsatz. Sie erklärt der eintönigen Langeweile den Krieg, ist durchsetzungsfähig, um nicht zu sagen stur, sorgt für eine Roadmovie-Einlage, dass alle den Atem anhalten, ist verliebt und leider, doch auch dement. Aber sie ist und bleibt die heimliche Königin des Altersheims.

Ghita Norby als (un-)heimliche Königin des Altenheims in Schlüssel, Haus Spiegel
Foto: Verleih

Dänemarks angesagte reife Darstellerin Ghita Norby ist auch in Silent Heart unter der Regie von Bille August zu sehen. In diesem kammerspielartigen Film mimt sie eine unheilbar kranke Frau, die ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende setzen möchte. Sie wird darin unterstützt von ihrem Mann, einem Arzt, und ihrer besten Freundin. Außerdem hat sie sich die Zustimmung ihrer beiden Töchter gewünscht und bekommen. Nun versammelt sich die ganze Familie für ein Wochenende in dem Landhaus von Esther und Poul (Morten Grunwald), um ein letztes Mal zusammen Zeit zu verbringen, Weihnachten (vor zu) feiern und Abschied zu nehmen. Eine seltsame Ausgangslage, die vor allem von den beiden erwachsenen Töchtern Heidi (Paprika Steen) und Sanne (Danica Curcic) schwer zu bewältigen ist. Deren konträr angelegte Charaktere bieten dem Film viele Handlungsspielräume, ergänzt durch Sannes erfrischend freakigen Freund Dennis. Das Einverständnis zu Esthers Suizid gerät bei Heidi und Sanne aus unterschiedlichen Gründen immer wieder ins Wanken. Sanne ist labil und leidet an Medikamentenabhängigkeit und Depressionen. Sie agiert ausschließlich emotional und klammert sich an ihre Mutter, bettelt um mehr gemeinsame Zeit und wird doch am Schluss zur Heldin, als sie ihr den geplanten Weggang ermöglicht. Ihre ältere Schwester Heidi bewahrt zunächst Haltung, versucht vernünftig zu denken und für alle die Form zu wahren. Mehr und mehr gelangen auch ihre Gefühle an die Oberfläche und als sie eine Art Familiengeheimnis entdeckt, gibt sie ihre Politik des "Sich Zusammenreissens" gänzlich auf. Esther wird von all diesen Emotionen sehr berührt und hat natürlich auch mit den eigenen Ängsten und Beschwerlichkeiten zu kämpfen, aber sie steuert ihr Ziel unbeirrt an.


Unter dem Sand (Under Sandet, Land of Mine); Regie: Martin Pieter Zandvliet

Original-Filmplakat zu Unter dem Sand

Bei diesem Film geht es um blutjunge deutsche Volkssturm-Soldaten, die 1945 nach Kriegsende in dänischer Gefangenschaft an der Westküste Dänemarks gefährliche Hinterlassenschaften ihrer Landsleute räumen müssen, mit der Hand, ohne Metalldetektoren, unter Einsatz ihres Lebens. Was das deutsche Kommando nicht geschafft hat, vollendet jetzt das dänische, sie zu verheizen. 2,2 Millionen Landminen hatten die Deutschen unter dem Sand vergraben, um eine Invasion der Alliierten an dieser Küste zu erschweren. In der Normandie kann man nicht Urlaub machen, ohne an den D-Day zu denken. Mit diesem Film schwindet auch die Unbeschwertheit während der Ferien auf der Halbinsel Jütland. Im Film überleben vier von 14. Historisch wurden von 2000 Minensuchern 1000 zerfetzt oder verletzt, schwer. Louis Hofmann war beim Dreh 17 Jahre alt und spielte einen der minderjährigen Soldaten. In Lübeck kündigte der vor vier Jahren als Tom Sawyer-Darsteller bekannt gewordene Mime "seinen" Minenfilm mit den Worten an: "Vor dem Dreh habe ich mit Tränen in den Augen das Buch gelesen und mich Stunden lang nicht bewegt." Die Lehnen der Kinosessel werden bei diesem Film stark beansprucht. Fortwährend graben sich Fingernägel in das Polster, um die Anspannung auszuhalten. Worin liegt der "Lohn der Angst", sich diesen Film anzuschauen? Neben der Schließung einer Lücke im geschichtlichen Wissen, ist es die Dichte des Films, die schauspielerische Leistung und vor allem die Darstellung einer inneren Wandlung, die eine Abkehr von abgrundtiefem Hass und Menschenverachtung hin zur Fürsorge und Nächstenliebe ermöglicht. Das lässt hoffen. Brilliant Roland Møller als dänischer Offizier Carl Leopold Rasmussen.

Der englische Titel Land of Mine ist optimal, weil er einerseits sofort klar macht, worum es geht, "Land der Minen". Mine heißt aber auch Bergwerk. Es sind so viele Minen, dass die Assoziation eines bergmännischen Abbaus von treffender Ironie ist. Zudem bedeutet der Titel auch: "Mein Land". Für die Dänen ist es die mehr als geschundene und beschmutzte Heimat, für die Minenräumer verkörpern die Worte das (Über-)Lebensziel: Zurück zur Familie nach Deutschland.

"Unter dem Sand" ist einerseits gut gewählt andererseits irreführend, weil schon vergeben. Er steht für ein feinfühliges Drama über eine hochintelligente Frau, gespielt von Charlotte Rampling, die den Verlust des geliebten Ehemannes nicht verkraftet. Regie führte im Jahre 2000 François Ozon. Originaltitel: Sous le sable.