Freitag, 27. November 2015

Hit the Road Lübeck - 57. Nordische Filmtage Lübeck (Teil 3)

A War (Krigen); Regie: Tobias Lindholm
Es gibt keinen sauberen Krieg, auch nicht für Blauhelme, könnte die Botschaft dieses Films in einem Satz lauten. Claus Pedersen, gespielt von Pilou Asbæk leitet als Offizier eine Einheit dänischer Soldaten in Afghanistan. In einen Hinterhalt geraten, trifft er eine Entscheidung, die mehrere Ziviltote zur Folge hat. Daheim in Dänemark wird der treue Familienvater als Kriegsverbrecher angeklagt. Durch eine Falschaussage kommt er frei. Dieser Anwärter-Film für den Auslands-Oscar provoziert eine nachfolgende Diskussion im Spannungsfeld zwischen Kriegsrecht, Verantwortung, dem Willen Leben zu schützen, Ethik und Moral, die ebenso spannend werden dürfte wie der Film selbst.

Bridgend ist ein deprimierender Film, der auf deprimierenden Tatsachen in der gleichnamigen Stadt in Wales beruht, die seit 2008 unter dem Synonym "Suicide-Town" bekannt ist. Wie schaffen es Probleme aus Wales zu den Nordischen Filmtagen? Grund ist die dänische Staatsangehörigkeit des Regisseurs Jeppe Rønde. Der an sich als Dokumentarfilmer bekannte 43jährige las zufällig im Flugzeug einen Artikel über die überproportional hohe Suizidrate des knapp 30 km westlich von Cardiff entfernten Ortes und bastelte seinen ersten Spielfilm daraus. Bis Februar 2012 haben sich innerhalb von fünf Jahren in dieser Gegend 79 meist junge Erwachsene erhängt. 2013 ist der amerikanische Regisseur John Michael Williams dem Phänomen in einer Dokumentation nachgegangen. Der mit englischen Darstellern wie Hannah Murray aus Bristol (als Sara) oder Steven Waddington aus Leeds (als ihr Vater Dave) gedrehte Spielfilm wirkt authentisch, kann der allgemeinen Ratlosigkeit und den Spekulationen wie etwa: >Mangel an Perspektiven in einer wirtschaftlich schwachen Gegend< oder: >Modeerscheinung< oder: >durch soziale Medien angeregter Kollektivsog< auch keine Erklärung entgegen setzen. Aber der an Originalschauplätzen gegen den Widerstand der Bevölkerung gedrehte Film könne eine offene Diskussion bewirken. Nur so sei der Serie ein Ende zu setzen, meinen die Filmemacher. Kinostart in D: 10.12.2015.

Der Dokumentarfilm Democrats begleitet das so mühsame wie zähflüssige Ringen um eine demokratische Verfassung für die gut 14 Millionen Einwohner von Simbabwe, dem ehemaligen Südrhodesien. Die Findungskommission erleidet fortwährend schwere Rückschläge. Fadenscheinige Inhaftierungen, die Einmischung des Diktators Mugabe und die Einschüchterung durch Parteisoldaten werfen die spannende Frage auf: Folgt dem Ringen das Gelingen? Die Spitzenbeauftragten Paul Mangwana, ein jovialer Exminister des seit 30 Jahren regierenden Mugabe Regimes und Douglas Mwonzora, ein bedächtiger Menschenrechtsanwalt von der Oppositionspartei MDC scheitern beinahe an der sogenannten Mugabe-Klausel. Der senile Diktator, der eine Stunde lang dieselbe Rede wiederholt hat, ohne es zu bemerken, erzwingt die Möglichkeit einer nochmaligen Wiederwahl. Der Verfassungsentwurf sieht höchstens zwei Amtszeiten vor. Die Festival-Eintrittskarte für den Film war wiederum der dänischen Herkunft der Regisseurin Camilla Nielsson zu verdanken. Außerdem fand sich dieses Lehrstück eingebettet in einen Dokumentarfilm-Workshop.

Es ist bewundernswert, wie es der Regisseurin gelungen ist, alle Formalitäten zu überwinden, um diesen aufschlussreichen Film zu drehen. In Simbabwe selbst konnte der Film nur zweimal vor einem ausgewählten Publikum von je 300 Zuschauern gezeigt werden. Die Verfassung ist verabschiedet, aber der Film, der die Entstehung dokumentiert, ist verboten, sogar der Besitz einer DVD-Kopie.

Der dänischen Regisseurin Camilla Nielsson gelang das Film-Dokument Democrats
Foto: Peer Kling

Weitere Informationen über Simbabwe: https://de.wikipedia.org/wiki/Simbabwe



Der Idealist – Geheimakte Grönland (Idealisten) unter der Regie von Christina Rosendahl ist ein dänischer Thriller nach wahren Begebenheiten. Ausgangspunkt ist der Absturz einer amerikanischen B-52 mit Wasserstoffbomben an Bord nahe der Thule Air Base auf Grönland am 21. Januar 1968. Sowohl die Stationierung der Bomben an sich als auch das ganze Geschehen rund um den Absturz, bei dem Wasserstoffbomben verloren gingen und das mit Plutonium kontaminierte Gletschereis zu massiven Erkrankungen führten, wurden weitgehend vertuscht und unterlagen der Geheimhaltung. Offiziell war Dänemark und damit auch das dänische Hoheitsgebiet Grönland während des kalten Krieges eine atomwaffenfreie Zone. Der Film zeichnet einen Geniestreich im investigativen Journalismus nach. Als Vorlage dienten die in einem Buch zusammengefassten Recherche-Ergebnisse des Radio-Reporters Poul Brink (Poul Brink, Thulesagen, løgnens univers, ISBN 87-11-15045-9), der im Film überzeugend von Peter Plaugborg vertreten wird. Der Film kommt hierzulande zwar nicht in die Kinos, aber der DVD-Verkauf startete am 20. Nov 2015.

Weitergehende Informationen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Absturz_einer_B-52_nahe_der_Thule_Air_Base_1968
https://da.wikipedia.org/wiki/Poul_Brink_%28journalist%29

Die Redaktion – Vertraulich (Ekstra Bladet – uden for citat)
Der Dokumentarfilm der dänischen Filmemacherin Mikala Krogh porträtiert die Nöte der ältesten Boulevardzeitung Dänemarks, die ihre schwindende Auflagenhöhe unter Aufgabe des guten Geschmacks und jenseits der Journalisten-Ethik zu retten versucht. Mit zahlenden Abonenten einer Online-Variante hält sie sich knapp über Wasser. Sozusagen das Gegenbeispiel zu Poul Brink.

Sogar das Fassbinder-Porträt Fassbinder – lieben ohne zu fordern ("Fassbinder – at elske uden at kraeve") kommt aus Dänischer Feder, ehm Linse. Es lief bereits im Februar auf der Berlinale. Das war auch der Ort, wo sich Fassbinder und der 1940 geborene Regisseur Christian Braad Thomsen 1969 zum ersten Mal begegneten. Fassbinder wurde gerade für Liebe ist kälter als der Tod niedergebuht. Die beiden trafen sich wieder und wieder. Die intimen Interviews und Erinnerungen wurden erst jetzt öffentlich gemacht. Für Fans ein Muss.

Die Autonomie Grönlands im Hinterkopf behaltend, sei uns verziehen, dass wir im Dänemark-Fenster als letztes noch kurz filmisch musikalisches aus dem Land mit der geringsten Bevölkerungsdichte der Welt berichten. Die Dokumentation Sumé – The Sound of a Revolution ist ein Dokumentarfilm von historischem Wert, der unspektakulär als Verfilmung einer Bandgeschichte daherkommt. Es ist aber nicht irgendeine Band sondern Sumé, die in den 70er Jahren als erste Musikgruppe Rockmusik auf grönländisch sang. Ein Musikfilm mit tollem Sound aber vor allem ein erhellender Film über das damals wie heute spannungsreiche Verhältnis zwischen Grönland und Dänemark. Die Platten von Sumé wurden in ihrem Heimatland Grönland überall und von allen gehört. Die Songs drückten in ihrer Sprache aus, was die Menschen in Grönland empfanden, sie wurden zum Soundtrack des vor 40 Jahren stärker werdenden Selbstbewusstseins der lange fremdbestimmten grönländischen Bevölkerung. Entstanden sind die Aufnahmen in Dänemark während der Studien bzw. Ausbildungsjahre der Bandmitglieder. Getragen wurde das Projekt von den beiden Gründern der Band, die trotz ihrer sehr unterschiedlichen Charaktere eine tiefe, respektvolle und kreative Freundschaft verband. Das Charisma des Sängers und Texters Malik Hoegh ist auch in aktuellen Interview-Aufnahmen spürbar. Neben Zeitzeugenberichten und Konzertmitschnitten ergreifen vor allem die Texte der Songs auch jetzt noch. Dazu ist der Sound so eingängig, dass man nach Verlassen des Kinosaals gleich in den nächsten Plattenladen läuft, um das Album "Sumut" der Band Sumé zu erstehen.

Hiermit seien unsere Betrachtungen über das Filmland Dänemark für's erste abgeschlossen. Erwähnen möchten wir noch einen neuen Film, der es auf Grund seines passenden Themas in die Retrospektive mit dem Thema Nordlandreisen geschafft hat und in Lübeck uraufgeführt wurde. Ungewöhnlich und in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist der deutsche Debütfilm Hit the Road Gunnar. Der Film ist ein Roadmovie, das während eines Roadmovies entstand. Die Idee des jungen Regisseurs Nicolas Ehret, der sich wie sein gesamtes Team noch in der Ausbildung an der Filmhochschule befindet, war es, eine Reise und das Drehen eines Films zu kombinieren. Auf diese Reise schickt er Gunnar, einen in sich gekehrten, etwas weltfremden und unbeholfenen jungen Mann, dem die toughe Tramperin Zoe begegnet, die ihn erst nervt und irritiert, dann aber immer mehr mitreißt und zu einer abenteuerlichen Reise nach Schweden bewegt. Für beide wird es vor allem eine Reise zu sich selbst im schönsten Sinn des Wortes. Mit einfachsten Mitteln, wenig Equipment und nur der Rahmenidee als Vorgabe zaubert Ehret eine wunderbare, überzeugende kleine Geschichte auf die Leinwand.

Mit dem NDR-Förderpreis bedacht wurde die norwegische Produktion Die Rückkehr, das Spielfilmdebüt des erst 26 jährigen Regisseurs Henrik Dahlsbakken. Dieser Film bringt Afghanistans Kriegshandlungen nach Norwegen. Oscar und Fredrik erwarten ihren Vater zurück, der lange Zeit als Offizier der norwegischen Armee in Afghanistan stationiert war. Fredrik, der Jüngere, begrüßt seinen Vater mit unbefangener kindlicher Freude, er genießt das erste gemeinsame Abendessen und nimmt voll Stolz den Orden als Geschenk an, den sein Vater ihm verdächtig unfeierlich überlässt. Der ältere Bruder Oscar dagegen begegnet dem Vater reserviert, beobachtend, abwartend. Er hat dessen Rolle übernommen, kümmert sich um den Bruder und die kraftlose Mutter, die daran zerbricht, dass der eigentlich ferne Krieg in Gestalt ihres seelisch zerstörten Mannes schon lange in ihr friedliches Leben in Norwegen eingedrungen ist. Die Beziehung zwischen dem ruppigen aber innerlich verwundeten Mann und seinem durch die Situation zuhause erwachsen gewordenen Ältesten ist überaus beeindruckend inszeniert. Der Regisseur lässt seine Figuren zurückhaltend agieren, in Blicken, kleinen Gesten und scheinbar alltäglichen Handlungen ist das Seelenleben seiner Protagonisten mit zu erleben. Nicht neu in einem skandinavischen Film ist die Rolle, die die großartige Natur Norwegens bei der Suche der Brüder nach ihrem verschwundenen Vater spielt, jedoch wirkt dies nie symbolhaft überladen. Die Freude darüber, den Vater gefunden zu haben, die gemeinsame Zeit in einer Jagdhütte und schließlich der furchtbare Verlust wird von den Söhnen unterschiedlich erlebt und wird sie und damit die Familie verändern.

Zum Schluss noch einige Bemerkungen über den Eröffnungsfilm. Bereits 2013 eröffnete ein isländischer Film (Von Menschen und Pferden) die Filmtage. Diesmal gaben Sture Böcke aus dem Land der "Hackebeil-Filme" den Startschuss. Lange haben wir Island mit diesem Prädikat abgestempelt, weil die Filmfiguren meistens mit Äxten aufeinander losgingen, oft in der Nacherzählung von Sagen oder als Folge von zu viel Alkohol. Erst floss Schnaps, dann Blut. Inzwischen hat sich eine Wende hin zum Skurrilen, dem Schrulligen, zuweilen Ironischen, bald lakonischen hin zum Aberwitz vollzogen, der sich offensichtlich gut zur Eröffnung von Filmtagen eignet wie die beiden Beispiele bewiesen haben. In der schrägen Tragikkomödie spielen zwei verfeindete Brüder Gummi (Sigurdur Sigurjónsson) und Kiddi (Theódór, genannt "Teddy" Júliusson) sowie eine Vielzahl von Schafen die Hauptrollen. Diese beiden Hauptdarsteller und der Produzent Grímar Jonsson gaben in Lübeck eine kurze Einweisung in die Verhältnisse: In der Realität stellen die 800 000 Schafe auf Island tatsächlich eine große Gefahr für die 320 000 Bewohner dar, aber nicht wegen etwaiger Krankheiten, wie im Film gezeigt, sondern weil sie überall frei herumlaufen und es häufig zu Autounfällen kommt. Die trocken schwarzhumorige Annäherung der beiden ungleichen Charaktere beginnt aus der Not geboren vielversprechend und endet doch tragisch.
Sture Böcke kommt am 17. Dezember 2015 in die deutschen Kinos.

Erst die gemeinsame Sorge um ihre Schafe beendet den Bruderzwist zwischen
Gummi (Sigurdur Sigurjónsson) und Kiddi (Theódór, genannt "Teddy" Júliusson)
Foto: Verleih