Dienstag, 7. Februar 2017

BERLINALE 2017

399 Filme – da kann man schon mal den Überblick verlieren

Einen Vorgeschmack geben: Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Am Donnerstag, den 9. Februar beginnt das "Zehntagerennen" um die silbernen und goldenen Bären. Am Abend geht erstmalig der vom Blitzlichtgewitter aufgeheizte rote Teppich wieder in Betrieb, wenn die Honoratioren und Stars zur Eröffnungsgala schreiten.

Doch das Festival-Fieber hat längst begonnen. Der Vorverkauf ist angelaufen. Die Preise für die Karten liegen zwischen vier Euro für das Kinderprogramm und 14 Euro für die Filme im Wettbewerb um die Bären-Trophäen. Die Eintrittskarten sind also erschwinglich, aber zu ergattern, was man gerne sehen möchte, erfordert spezielle Strategien. Frühaufsteher sind klar im Vorteil. Die beliebten Tickets für den Wettbewerb sind im Nu vergriffen. Um einem Schwarzmarkt vorzubeugen und um der Gerechtigkeit Willen haben die Berlinale-Organisatoren Spielregeln entwickelt. Karten für den Wettbewerb gibt es nur drei Tage im Voraus und in "haushaltsüblichen Mengen".

Als Eröffnungsfilm wurde "Django" ausgewählt. Es ist das Regiedebüt von Etienne Comar, das auch am internationalen Wettbewerb teilnehmen wird. Der Film erzählt die Lebensgeschichte des berühmten Gitarristen und Komponisten Jean "Django" Reinhardt, der als einer der Mitbegründer des europäischen Jazz gilt.

Reinhardt wurde 1910 in Belgien geboren, lebte aber die meiste Zeit in Frankreich. Als Sinti wurden er und seine Familie von den Nazis verfolgt und schikaniert.

"Django Reinhardt war einer der schillerndsten Vorreiter des europäischen Jazz und Begründer des Gypsy-Swing. Der Film 'Django' zeigt auf packende Weise ein Kapitel seines bewegten Lebens und ist eine ergreifende Überlebensgeschichte", sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

Regisseur Etienne Comar hat zuvor vor allem als Drehbuchautor und Produzent gearbeitet. Für "Django" verfasste er zusammen mit Alexis Salatko auch das Drehbuch. Die Titelrolle konnte er mit Reda Kateb besetzen, einem der derzeit interessantesten französischen Schauspieler. Nach kleineren Auftritten unter anderem in "Zero Dark Thirty" und "Den Menschen so fern" wird Kateb demnächst in "Die schönen Tage von Aranjuez" von Wim Wenders (Start: 26. Januar) erstmalig in einer Hauptrolle in den deutschen Kinos zu sehen sein.

Der französische Schauspieler Reda Kateb in der Titelrolle "Django"
Copyright: Berlinale / Roger Arpajou




Richard Gere wird als Hauptdarsteller des Wettbewerbsfilms "The Dinner" in Berlin erwartet. Paul (Steeve Cogan) hat keine Lust auf das Dinner mit seinem Bruder Stan (Richard Geere), einem bekannten Politiker, und seiner Schwägerin Barbara (Chloë Sevigny). Doch seine Frau Claire (Laura Linney) besteht darauf, dass er sie begleitet. In dem angesagten Restaurant kommen zwischen den exquisiten Speisen dunkle Familiengeheimnisse auf den Tisch. Die Söhne der beiden Paare sind, bislang unentdeckt, für ein schreckliches Verbrechen verantwortlich. Ihre Eltern müssen nun entscheiden, wie sie mit der Situation umgehen. Es kommt zum Streit, denn eine öffentliche Enthüllung würde das Leben für jeden Einzelnen von ihnen für immer verändern.
Der israelische Drehbuchautor und Filmregisseur Oren Moverman, der 2010 für seinen Film "The Messenger – Die letzte Nachricht" für einen Oscar nominiert wurde, stellt moralische Konflikte in den Mittelpunkt seines zum Teil wie ein Kammerspiel anmutenden Thrillers, verrät der Katalog der Berlinale. Die Auseinandersetzung der Erwachsenen, die damit umgehen müssen, dass ihre Kinder etwas Monströses getan haben, ist von Rückblenden auf das Verbrechen, aber auch auf die Kindheit der Brüder Paul und Stan durchbrochen. Der Film zeigt ein Kräftemessen zweier Paare, die wechselnde Allianzen bilden. Sollen sie sich der Verantwortung stellen oder sie verleugnen? Wie trifft man die richtige Entscheidung, und welchen Preis hat die nächste Generation dafür zu zahlen?

Wir sind gespannt und werden berichten, sobald wir den Film gesehen haben.

Insgesamt kommen dieses Jahr 399 verschiedene Filme zur Aufführung. Die kann ein einzelner Mensch natürlich unmöglich alle ansehen, selbst wenn er die zehn Tage rund um die Uhr aktiv wäre. Bemerkenswert ist, dass es sich dieses Jahr dabei bei knapp einem Viertel um Dokumentarfilme handelt.

Einen besonderen möchten wir hervorheben. Er läuft auch im Wettbewerbsprogramm. Es handelt sich um den Film Beuys von Andres Veiel. Wir werden den Film natürlich erst etwa in einer Woche sehen können, aber der Katalog verrät: Joseph Beuys, der Mann mit dem Hut, dem Filz und der Fettecke. 30 Jahre nach seinem Tod erscheint er uns als Visionär, der seiner Zeit voraus war und immer noch ist. Als erster deutscher Künstler erhält er eine Einzelausstellung im Guggenheim Museum in New York, während zu Hause sein Werk mehrheitlich noch als "teuerster Sperrmüll aller Zeiten" gilt. Gefragt, ob ihm solche Urteile gleichgültig seien, sagt er: "Ja. Ich will das Bewusstsein der Menschen erweitern."

Regisseur Andres Veiel erteilt dem Künstler selbst das Wort. Aus zahlreichen bisher unerschlossenen Bild- und Tondokumenten montiert er ein assoziatives, durchlässiges Porträt, das, wie der Künstler selbst, eher Ideenräume öffnet als Statements verkündet. Beuys boxt, parliert, doziert, erklärt dem toten Hasen die Kunst und fragt: „Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen machen?“ Doch man erlebt auch den Menschen, den Lehrer und Grünen-Kandidaten. Einmal, kurz vor seinem Tod, lässt er sich auch ohne Hut fotografieren. Die Widersprüche und Spannungsfelder, in denen Beuys’ Gesamtkunstwerk entstanden ist, werden sichtbar. Sein erweiterter Kunstbegriff führte ihn mitten in bis heute relevante gesellschaftliche, politische und moralische Debatten.

Joseph Beuys nach der Räumung der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, 1972
ErichPuls/KlausLamberty © zeroonefilm/ StiftungMuseumSchloss Moyland


Der Regisseur des Beuys-Dokumentarfilms, Andres Veiel
© Berlinale / Arno Declair


Auf dem roten Teppich werden dieses Jahr unter anderen erwartet: Ewan McGregor ("T2 Trainspotting"), Hugh Jackman ("Logan"), Geoffrey Rush ("Final Portrait") und Catherine Deneuve ("Sage femme").