Montag, 18. Juli 2016

Baguette, Jeanette, cigarette und vor allem du rouge auf der Berlinale – O-la-la!

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling & Elisabeth Niggemann


SAINT AMOUR Filmplakat
Foto: Verleih


Gérard Depardieu war gar in zwei Berlinale-Filmen vertreten. Im Forum lief THE END von Guillaume Nicloux. Darin verkörpert die massige Physis des beliebten französischen Schauspielers in grünem Jäger-Outfit und in Begleitung eines Jagdhundes den Mittelpunkt einer seltsamen Erzählung zwischen Mysterium und Märchen, die ihre Rätsel im französischen Wald aufgibt, worin sich die Hauptfigur verläuft. Als Zuschauer bedarf es der Phantaise, um nicht ebenfalls die Orientierung zu verlieren. Mit dem Schwinden der Insignien der Zivilisation, sprich Jagdgewehr und Handy kommt immer mehr sein kreatürliches Antlitz zum Vorschein. Mehr wird nicht verraten.

In SAINT AMOUR, der außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde, spielt Depardieu den Vater Jean, der zusammen mit seinem Sohn Bruno (Benoît Poelvoorde) als Höhepunkt des Jahres die Landwirtschaftsausstellung in Paris besucht. Der Film nutzt diesen ländlichen Hintergrund, um einer Vater-Sohn-Beziehung näher auf den Grund zu gehen. Im Film spricht der Vater immer wieder auf den Anrufbeantworter seiner Frau. Es dauert eine Weile, bis wir als Zuschauer merken, dass dies der Trauerbewältigung geschuldet ist. Sie ist gar nicht mehr am Leben. Der Film untersucht die Träume und Hoffnungen der beiden ungleichen Männner. Konfliktpotential gäbe es genug. Die Ziele sind eher diametral. Der Vater hat nur eines im Sinn. Er setzt alles daran, dass sein Zuchtbulle mit dem seltsamen Namen Nabuchodonosor den ersten Preis gewinnt. Hoch sind auch die Erwartungen an seinen Sohn, der sich allerdings viel lieber darauf konzentriert, keinen einzigen Stand auszulassen bei den Weinproben seiner imaginären Frankreichtour auf der Messe. Für seinen Zustand, "complètement bourré" (total blau), hätten ihn andere Väter enterbt, doch der massige Jean hat auch ein großes Herz und so wendet sich der Film zum Roadmovie. Aus der imaginären Tour wird eine echte. Vater und Sohn lassen sich im Taxi durch Frankreich kutschieren. Dabei kommt es zu vielen netten Begegnungen mit ebenso schrulligen Personen.

Donnerstag, 26. Mai 2016

JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN - die gelungene Verfilmung des letzten Fallada-Romans

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann


Hauptdarsteller und Regisseur der Fallada-Verfilmung Jeder stirbt für sich allein auf der BERLINALE-Pressekonferenz
Von links nach rechts: Brendan Gleeson und Emma Thompson als die Darsteller des Widerstands-Ehepaares Quangel, Regisseur Vincent Perez und Daniel Brühl, der im Film die Staatsgewalt verkörpert und dabei mit seinem Gewissen in Konflikt gerät.
Foto: Peer Kling

Die Fallada-Verfilmung Jeder stirbt für sich allein spielt 1940 und zeigt Berlin im Siegesrausch gegenüber Frankreich. Nur das Ehepaar Quangel, brilliant dargestellt von Emma Thompson und dem irischen Schauspieler Brendan Gleeson, ist ernüchtert. Der Verlust Ihres Sohnes an der Front läßt sie eine ganz eigene, stille Form des Widerstandes entwickeln.
Der Spielfilm wurde als aufwändige europäische Koproduktion mit internationaler Star-Besetzung im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale vorgestellt. Regie führte Vincent Perez. Dieser Schweizer Autor, Schauspieler, Produzent und Regisseur mit einer deutschstämmigen Mutter und einem spanischen Vater ist uns vor allem als Darsteller bekannt. Wir haben ihn schon 1990 in dem Film Cyrano von Bergerac in der Rolle des Christian de Neuvillette gesehen. 1992 wirkte er als Schauspieler und Drehbuchbeteiligter bei Indochine mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle mit. Insgesamt hat er über 50 Film- und Fernsehrollen verkörpert. Nun führte er selbst die internationalen Schauspieler, darunter Brendan Gleeson, Emma Thompson und Daniel Brühl durch ein Oevre, das großes, gut gespieltes und spannendes Kino verspricht.

Donnerstag, 31. März 2016

"Pelo Malo" von Mariana Rondón

Der Film Pelo Malo (Bad Hair, Schlechtes Haar) von Mariana Rondón aus Venezuela kommt hierzulande soeben in die Kinos

Von Karin Latour & Peer Kling



Im Kino haben sich ja längst unzählige Genres etabliert. Wir kennen Zugehörigkeiten zu Western, zur Schwarzen Serie, zu Komödien oder Krimis. Moviepilot hat zum Thema Haare im Film eine eigene Gattung eingerichtet. Darunter finden sich Filme wie: Rapunzel - Neu verföhnt oder Heute bin ich blond. Seltsamerweise fehlt Fell - ein imaginäres Portrait von (der berühmten Fotografin) Diane Arbus mit Nicole Kidman und Robert Downey Jr. in den Hauptrollen. "Haarige" Filme entspringen nicht selten dem Genre des Horrorfilms. Meist geht es dabei wie etwa in American Werewolf um ganzkörperbehaarte Wesen. Zu Urzeiten versprach dieses Merkmal einen Überlebensvorteil.

Pelo Malo (Bad Hair, Schlechtes Haar) von Mariana Rondón sticht als völlig neue Variante heraus aus dieser thematischen Klammer der langen Hornfäden, die im Wesentlichen aus Karotin strukturiertem Protein bestehen. Der neunjährige "Junior" lebt in einer Ghetto-Hochhaus-Landschaft und leidet unter seinen krausen Haaren, die in dieser Umgebung ein Alleinstellungsmerkmal bedeuten. Er wird gehänselt und damit zum Außenseiter. Er kann schlecht ein Kopftuch anziehen und es nutzt ihm herzlich wenig, dass seine Haarpracht zwischen dem jungen Michael Jackson und Jimmy Hendrix anzusiedeln ist. Er hat sie von seinem verstorbenen afrikanischstämmigen Vater geerbt. So ist der Film auch ein universelles Plädoyer für Toleranz.

Donnerstag, 25. Februar 2016

436 Filme bei der 66. Berlinale

Der Zoo-Palast, renommiert und renoviert
Foto: Peer Kling

Wie mannigfaltig das Berlinale-Programm über die zwei in den vorangegangenen Berichten angesprochenen Beispiele hinaus auch dieses Jahr wieder war, zeigen sowohl die nackten Zahlen als auch die Vielzahl der bunten Kataloge:

Die 66. Berlinale in Zahlen
Es liefen 436 Filme, davon 18 in der Königsdisziplin, dem Wettbewerb. 150 der gezeigten Filme sind unter deutscher Beteiligung entstanden. Der rote Teppich am Berlinale-Palast war 36 Meter lang, Platz genug für die Stars. Das Jahresbudget der Festspiele liegt bei 23 Millionen Euro. Letztes Jahr wurden 336 000 Tickets verkauft. Dieses Jahr wurden rund 100 000 Besucher zu den Filmfestspielen erwartet. Hinzu kommen 20 000 Fachbesucher, darunter 3700 Journalisten.

Kataloge
Erstmals gab es keinen großen Katalog mehr, dafür für jede Sparte eine recht ausführliche Programm-Broschüre im Din-A5-Format: Wettbewerb mit Berlinale Special, Panorama, Forum, Generation Kplus mit Filmen für Kinder, Generation 14plus mit Filmen für Jugendliche, Berlinale Shorts mit Kurzfilmen, Perspektive Deutsches Kino, Retrospektive Deutschland 1966 – filmische Perspektiven in ost und west, Michael Ballhaus – Hommage, Kulinarisches Kino, NATIVe – A Journey into Indigenous Cinema, Berlinale Open House – Publikumsveranstaltungen in der Audi-Berlinale-Lounge. Diese Programm-Broschüren stehen allesamt online zur Verfügung: https://www.berlinale.de/de/programm/programmbroschueren/index.html
Hinzu kommt noch ein Telefonbuch dicker "Schinken", der alle Personen und das Angebot des Filmmarktes vorstellt.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Berlinale 2016 - Wenn Spassmacher Ernst reden

George Clooney verlieh der Eröffung seinen Charme – am Tag danach sprach er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Flüchtlingsproblematik


Zero-Days, ein weiterer Dokumentarfilm im Wettbewerb lehrt uns das Fürchten
von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Auch zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Eisernen Vorhangs hat sich die Berlinale das Wesensmerkmal, ein politisches Festival zu sein, erhalten. George Clooney, der in London lebende Hollywood-"Magnat" und Publikums-Magnet äußerte sich wie immer schlagfertig und diesmal auch selbstironisch zu seiner Rolle als Sandalenfilm-Held in HAIL CAESAR!. Dieser von den Coen-Brothers inszenierte Berlinale-Startschuss bietet gute Unterhaltung mit dem ganz normalen Wahnsinn des Hollywood der Fünfzigerjahre. Clooney, in der Hommage an das Goldene Zeitalter der Studio-Ära ganz die Lachnummer, kann auch anders. Dies bezeugen nicht nur die ernsten Rollen in den früheren Berlinale-Wettbewerbsfilmen THE GOOD GERMAN - IN DEN RUINEN VON BERLIN oder THE MONUMENTS MEN, dem zum Teil in Berlin gedrehten Film über den NS-Kunstraub, bei dem Clooney nicht nur eine Hauptrolle verkörperte sondern auch Regie führte. Sein aktuelles Engagement zeigte sich in dem Treffen mit Angela Merkel. Gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin Amal Alamuddin, die seit 2014 Clooney heißt, diskutierte er im Bundeskanzleramt über Flüchtlingspolitik.

Ausschnitt Tilda Swinton und George Clooney nach der Vorführung von Hail, Caesar!
unter der Regie der Coen Brothers zum Berlinale Auftakt 2016
Foto: Peer Kling

Dienstag, 23. Februar 2016

Berlinale 2016 - FUOCOAMMARE (FIRE AT SEA) erhält den Goldenen Bären als bester Film

Höchste Auszeichnung bei der 66. Berlinale für einen Dokumentarfilm

von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann



Das diesjährige "Zehntagerennen" der Berlinale, dem drittgrößten Filmfestival Europas stand unter dem Motto: "Das Recht auf Glück". Die Präsenz von Dokumentarfilmen war erfreulich stark. Sogar am Wettbewerb nahmen zwei Vertreter dieser nicht selten stiefmütterlich behandelten Gattung teil. Die Pressevorführung des ersten, FUOCOAMMARE (FIRE AT SEA) lief schon am dritten Festivaltag morgens um neun Uhr im Berlinale-Palast, der größten Spielstätte Berlins. Am Ende der voll besetzten Vorführung war uns klar, wir sind soeben dem Gewinner des Goldenen Bären für den besten Film begegnet. Der nicht abreißende Beifall zu Beginn der Pressekonferenz gleich nach der Projektion nährte verstärkend diesen Eindruck. Und so geschah es denn auch. Sieben Tage später nahm der Regisseur, Drehbuchautor, Kameramann, Tonaufzeichner und Mitproduzent des Films Gianfranco Rosi die höchste Auszeichnung des Festivals entgegen.

Das Einmann-Team Gianfranco Rosi, hier auf dem Podium der Pressekonferenz, zeichnet verantwortlich für den Gewinnerfilm Fuocoammare
Foto: Peer Kling
Was ist das für ein Dokument? Vordergründig ist es ein Film über Lampedusa, die 20 Quadratkilometer kleine und doch größte der Pelagischen Inseln im Mittelmeer, rund 205 Kilometer südlich von Sizilien und etwa 130 Kilometer östlich von Zentral-Tunesien gelegen. Der 12jährige Samuele ist eine Art mediterraner Tom Sawyer. Er drückt sich vor der Schule und geht lieber auf Streifzüge entlang des Strandes, klettert auf Bäume, übt zielen mit seiner Schleuder und genießt es, Spaghetti mit Tomatensoße mit lautem Geräusch in sich hinein zu saugen. Trotz seines Augenfehlers kann er aus vollen Zügen sein jugendliches Leben genießen. Sein eigentlich doch eher bescheidenes Glück ist das große Kontrastprogramm zu dem hintergründigen Thema des Films. Es geht um das von Menschen verursachte Unglück für Tausende von Menschen. Wir sehen die völlig entkräfteten und die bereits gestorbenen Opfer. Wir sehen die Aufopferung der Helfer, die übermenschliches leisten. Und wir fühlen den Ballast der Millionen, die dieses Leid einfach geschehen lassen. Ein Artikel zum Film ist überschrieben mit Mare Monstrum, aber die eigentliche Ursache für das Unheil sind doch wir Menschen, nicht das Meer. Es geht um die unzähligen Toten im Flüchtlingsstrom von Afrika nach Italien.

Wenn man die Buchstaben von Lampedusa ein wenig schüttelt bis sie umsortiert und einige von ihnen verloren gegangen sind, dann steht man vor dem Floß der Medusa, dem Synonym für Schiffbruch und menschliche Grausamkeit. Genau darum geht es.

Sonntag, 21. Februar 2016

John Carpenter ist Ehrengast des 16. NIFFF



Im Rahmen seiner 16. Ausgabe empfängt das Neuchâtel International Fantastic Film Festival Horrorfilm-Legende John Carpenter.
Am Mittwoch 6. Juli 2016 wird der legendäre Genrefilm-Regisseur und Komponist einige seiner mythischen Soundtrack-Motive sowie neuere Kompositionen live auf der Bühne performen. Das Konzert ist schweizweit exklusiv.
Das Festivalprogramm wird ergänzt um eine Retrospektive der wichtigsten Werke des Meisters und erstreckt sich über die neun Festivaltage.
Mehr Infos unter: www.nifff.ch