Montag, 12. Juni 2017

Faire les marches? Yes, we CAN NES!

Ein etwas peersönlicher Bericht vom größten Filmfestival der Welt, das gerade seinen 70ten Geburtstag feierte – „Le cinéma, c´est comme l´amour...“


Die Berlinale habe ich schon über 30 mal erlebt, aber noch nie das Festival in Cannes. Es ist das größte der Welt, wie ich dazu gelernt habe. Dachte bislang, irgend eines in den USA sei bigger & better. Nein, la grand nation ist überlegen. Fronk-raich, Fronk-raich! Ich gönne es den Franzosen und mir. Einmal im Jahr trifft sich die ganze Welt des Films in Cannes. Es wimmelt tatsächlich nur so von Filmgrößen, wenn auch nicht „zum Anfassen“. Die Prachtstraße Le Boulevard de la Croisette (Kreuzchen), kurz die Croisette parallel zum (angekarrten) Sandstrand gehört für zwölf Tage ganz dem Kino. Die Stadt, mit 73 750 Einwohnern eigentlich nur gut doppelt so groß wie Jülich, wird dafür komplett auf den Kopf gestellt, auch die Straßenführung samt der Buslinien. Die Häuserfassaden verschwinden hinter Filmplakaten, deren Größe als Segel ausreichte, um die Welt zu segeln. Aber wozu? Die Musik spielt doch hier! Am Strand wird ein Riesenkino aufgebaut. Die Millionen-Yachten der Filmproduzenten liegen frisch poliert dem Festival-Palais buchstäblich zu Füßen. Die Einwohner fliehen vor dem Rummel und vermieten ihre Wohnungen. Das Who-is-Who des internationalen Films fliegt ein und hat diesmal den 70ten Geburtstag des Festivals gebührend gefeiert mit lauter kleinen und großen Liebeserklärungen an das Kino. „Le cinéma, c'est comme l'amour, quand c'est bien, c'est formidable, quand c'est pas bien, c'est pas mal quand même.“ (George Cukor, 1899-1983, 1965 Oscar: Beste Regie für My Fair Lady) Also: „Das Kino ist wie die Liebe. Wenn es gut ist, ist es umwerfend. Wenn es nicht so gut ist, ist es dennoch nicht schlecht.“ Cukor gilt als der Filmregisseur, der Frauen zu schauspielerischen Höchstleistungen animieren konnte. Wie auch immer.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Aki Kaurismäki macht Hoffnung

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

In Aki Kaurismäkis neuem Meisterwerk „Die andere Seite der Hoffnung“ finden nach 40 Minuten zwei Geschichten zusammen um dann zu einer zu verschmelzen. Khaled (Sherwan Haji) ist die Inkarnation des Flüchtlingselends schlechthin. Angeschmiert, verraten, mishandelt, beinahe ermordet und der Abschiebung entflohen trifft er im „Asphalt-Djungel“ von Helsinki auf die in Wikström (Sakari Kuosmanen) versteckte Menschlichkeit. Khaleds Überlebenstraining gewinnt an Qualität.

Aki Kaurismäkis Filme sind sofort als unverwechselbares Markenzeichen zu erkennen. Sein Alleinstellungsmerkmal besteht aus einer lakonischen Kombination von staubtrockenem Humor, großen Problemen schräger Figuren aus der Welt der Underdogs, Wenigverdiener und sonstigen Verlierern der Gesellschaft, gepaart mit einem oft so minimalistischen wie schrillen Set, das wie eine Theaterbühne wirkt. Eine statische Kamera fängt die feinen Bewegungen der Figuren mit ihren knappen Dialogen ein. Dass sich die Stoffe des berühmtesten finnischen Regisseurs für's Theater eignen, hat das Aachener Stadttheater im April 2013 bewiesen. In der Inszenierung „Lichter ziehen vorüber“ von Christina Rast kamen Motive aus den Filmklassikern „Lichter der Vorstadt“ und „Wolken ziehen vorüber“ zur Geltung. „Kaurismäkis Figuren sind für sich einsam, auf der Suche nach einem anderen einsamen Menschen, um dann gemeinsam einsam zu sein“, sagte Regisseurin Christina Rast vor knapp vier Jahren. In dem neuen Film „Die andere Seite der Hoffnung“ nun, finden die Schicksalsgemeinschaften jedoch zu echter Freundschaft. Aber Kaurismäki ist sich, seinem Stil, seinen Figuren und seiner Thematik über Jahrzehnte treu geblieben, auch wenn er mit „Le Havre“ internationaler wurde und sich nun als Weltenbürger engagiert dem weltweiten Thema der Flüchtlingsproblematik und des Fremdenhasses zuwendet. Auf der Pressekonferenz zu seinem Film fand er deutliche Worte, um die miserablen Zustände in der Welt und auch in Finnland anzuprangern.

Interessant und bewundernswert ist, dass er es auf fast magische Weise versteht, eine derart depremierende Thematik so zu gestalten, dass wir Tränen lachen mußten. In seinen Kaskaden der Komik setzt der „Lakomiker“ eben immer noch eine verblüffende Idee, einen Witz oder ein Überraschungsmoment oben drauf.

Und wie so oft bei Aki Kaurismäki spielt auch in diesem Film die Musik eine wesentliche Rolle bei der Lenkung der Zuschauer-Emotionen. Die Musikstücke im Film werden von Tuomari Nurmio, Ismo Haavisto, der Band „Marko Haavisto ja Poutakaukat“ sowie von Harri Marstio und Antero Jakoila gespielt. In der Pressekonferenz steht Sakari Kuosmanen auf und singt ein finnisches Lied a cappella. Der Applaus ist ihm sicher. „Es ist die Musik, die die melancholischen Seelen ohne Heimat verbindet,“ schreibt Kerstin Decker im Tagesspiegel.

Der Film kommt am Donnerstag, dem 30. März in die Kinos.

Dienstag, 7. Februar 2017

BERLINALE 2017

399 Filme – da kann man schon mal den Überblick verlieren

Einen Vorgeschmack geben: Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Am Donnerstag, den 9. Februar beginnt das "Zehntagerennen" um die silbernen und goldenen Bären. Am Abend geht erstmalig der vom Blitzlichtgewitter aufgeheizte rote Teppich wieder in Betrieb, wenn die Honoratioren und Stars zur Eröffnungsgala schreiten.

Doch das Festival-Fieber hat längst begonnen. Der Vorverkauf ist angelaufen. Die Preise für die Karten liegen zwischen vier Euro für das Kinderprogramm und 14 Euro für die Filme im Wettbewerb um die Bären-Trophäen. Die Eintrittskarten sind also erschwinglich, aber zu ergattern, was man gerne sehen möchte, erfordert spezielle Strategien. Frühaufsteher sind klar im Vorteil. Die beliebten Tickets für den Wettbewerb sind im Nu vergriffen. Um einem Schwarzmarkt vorzubeugen und um der Gerechtigkeit Willen haben die Berlinale-Organisatoren Spielregeln entwickelt. Karten für den Wettbewerb gibt es nur drei Tage im Voraus und in "haushaltsüblichen Mengen".

Als Eröffnungsfilm wurde "Django" ausgewählt. Es ist das Regiedebüt von Etienne Comar, das auch am internationalen Wettbewerb teilnehmen wird. Der Film erzählt die Lebensgeschichte des berühmten Gitarristen und Komponisten Jean "Django" Reinhardt, der als einer der Mitbegründer des europäischen Jazz gilt.

Reinhardt wurde 1910 in Belgien geboren, lebte aber die meiste Zeit in Frankreich. Als Sinti wurden er und seine Familie von den Nazis verfolgt und schikaniert.

"Django Reinhardt war einer der schillerndsten Vorreiter des europäischen Jazz und Begründer des Gypsy-Swing. Der Film 'Django' zeigt auf packende Weise ein Kapitel seines bewegten Lebens und ist eine ergreifende Überlebensgeschichte", sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

Regisseur Etienne Comar hat zuvor vor allem als Drehbuchautor und Produzent gearbeitet. Für "Django" verfasste er zusammen mit Alexis Salatko auch das Drehbuch. Die Titelrolle konnte er mit Reda Kateb besetzen, einem der derzeit interessantesten französischen Schauspieler. Nach kleineren Auftritten unter anderem in "Zero Dark Thirty" und "Den Menschen so fern" wird Kateb demnächst in "Die schönen Tage von Aranjuez" von Wim Wenders (Start: 26. Januar) erstmalig in einer Hauptrolle in den deutschen Kinos zu sehen sein.

Der französische Schauspieler Reda Kateb in der Titelrolle "Django"
Copyright: Berlinale / Roger Arpajou


Freitag, 11. November 2016

Einmal Berlinale und zurück

Regisseur Sebastian Hilger präsentierte seinen Film "Wir sind die Flut" bei der Vorpremiere im Erkelenzer Gloria Filmpalast


Von Peer Kling

Regisseur Sebastian Hilger (ganz rechts) mit seinem Produzenten Egar Derzian (in schwarz), seinem Kameramann Simon Vu (ganz links) und mit Olav Dennhoven, dem Darsteller des Soldaten André nach der Vorpremiere von
"Wir sind die Flut" im Gloria Filmpalast in Erkelenz
Foto: Peer Kling


Nur eine kleine Auslese von Filmen erhält die Auszeichnung, in die alljährliche Berlinale-Filmreihe "Perspektive Deutsches Kino" aufgenommen und somit einem internationalen Publikum vorgestellt zu werden. "Wir sind die Flut" war dieses Jahr mit dabei. Der Science-Fiction-Mystery-Film kam nun vor dem offiziellen Kinostart am 10. November in einer Vorpremiere im Erkelenzer Gloria Filmpalast zur Vorführung. Regisseur Sebastian Hilger, Produzent Edgar Derzian, Kameramann Simon Vu und der Schauspieler Olav Dennhoven stellten sich anschließend dem Publikum zu einer anregenden Diskussion.

Worum geht es?
Vor dem fiktiven Dorf Windholm an der Nordsee ist vor 15 Jahren spontan die Flut ausgeblieben. Das Meer kam nicht mehr zurück, hat aber offensichtlich beim Gehen alle Kinder des kleinen Ortes mitgenommen. Jedenfalls sind sie zeitgleich verschwunden. Seitdem wird das "Geisterdorf" hermetisch vom Militär abgeriegelt. Die Nachwuchsphysiker Micha (Max Mauff) und Jana (Lana Cooper), auch im Leben ein Paar, wagen sich mit Messgeräten unerlaubt und ohne Unterstützung durch die verknöcherte Lehrstuhlpolitik in den Ort der beklemmenden Ruhe. Auch ihre Messungen können zwar die Ursache für die Anomalie nicht klären, aber in ihrem Verständnis füreinander als Paar erreichen sie im Scheitern an dieser Aufgabe einen Quantensprung.

Kopfkino
In der Physik gibt es Beugungserscheinungen. In diesem Film wird die Physik gebeugt. Für Angehörige des Forschungszentrums Jülich erscheinen die vorgegaukelten Phänomene sicherlich abstrus. Das stört aber nicht. Man muss sie als anregendes Denkmodell zulassen. Die vordergründige Handlung katalysiert vor allem das, was in unseren Zuschauerköpfen vorgeht. Und die bombastische Filmmusik des Babelsberger Filmorchesters begleitet in erster Linie unser Kopf-Kino. Es ist wie in einem Traum. In Träumen geht es auch nicht logisch zu und doch können sie ihre heilende Kraft entfalten. Wie in berühmten Vertretern des Sciencefiction-Genre-Films, ich denke etwa an Solaris von Tarkowvski, 1972 bzw. von Soderbergh, 2002 oder an Melancholia von Lars von Trier, kommt es auch in diesem Film, bedingt durch eine äußere Bedrohung zu einer gravierenden Veränderung in der Geisteshaltung der Menschen hin zu einer höheren Stufe. Das ist das eigentliche Thema. Wim Wenders hat einmal sinngemäß gesagt, ein Film ist gut, wenn die Menschen darin zu Einsichten und Veränderungen fähig sind.

Sonntag, 9. Oktober 2016

10. ClipAward Kurzfilmfestival Mannheim

ClipAward Kurzfilmfestival

Seit der ersten Ausgabe im Jahr 2006 hat sich der ClipAward von einem eintägigen Event zu einem internationalen Kurzfilmfestival und einer wichtigen Plattform für die unabhängige Filmszene entwickelt. Hauptsache kurz und billig! Getreu diesem Motto ist alles erlaubt, was eine Länge von 15 Minuten nicht überschreitet und mit einem maximalen Budget von 500 € pro Spielminute realisiert wurde. Außerdem dürfen die Kurzfilme nicht im Rahmen eines Hochschulstudiums realisiert worden sein.

An dem Festivalwochenende vom 4. bis 6. November stehen die raffiniertesten und abgefahrensten Kurzfilmperlen, Dokus und Musikvideos aus aller Welt auf dem Programm, das von einem breiten Kulturangebot und vielseitigen Workshops abgerundet wird.

Weitere Informationen unter: www.clipaward.org

Montag, 18. Juli 2016

Baguette, Jeanette, cigarette und vor allem du rouge auf der Berlinale – O-la-la!

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling & Elisabeth Niggemann


SAINT AMOUR Filmplakat
Foto: Verleih


Gérard Depardieu war gar in zwei Berlinale-Filmen vertreten. Im Forum lief THE END von Guillaume Nicloux. Darin verkörpert die massige Physis des beliebten französischen Schauspielers in grünem Jäger-Outfit und in Begleitung eines Jagdhundes den Mittelpunkt einer seltsamen Erzählung zwischen Mysterium und Märchen, die ihre Rätsel im französischen Wald aufgibt, worin sich die Hauptfigur verläuft. Als Zuschauer bedarf es der Phantaise, um nicht ebenfalls die Orientierung zu verlieren. Mit dem Schwinden der Insignien der Zivilisation, sprich Jagdgewehr und Handy kommt immer mehr sein kreatürliches Antlitz zum Vorschein. Mehr wird nicht verraten.

In SAINT AMOUR, der außer Konkurrenz im Wettbewerb gezeigt wurde, spielt Depardieu den Vater Jean, der zusammen mit seinem Sohn Bruno (Benoît Poelvoorde) als Höhepunkt des Jahres die Landwirtschaftsausstellung in Paris besucht. Der Film nutzt diesen ländlichen Hintergrund, um einer Vater-Sohn-Beziehung näher auf den Grund zu gehen. Im Film spricht der Vater immer wieder auf den Anrufbeantworter seiner Frau. Es dauert eine Weile, bis wir als Zuschauer merken, dass dies der Trauerbewältigung geschuldet ist. Sie ist gar nicht mehr am Leben. Der Film untersucht die Träume und Hoffnungen der beiden ungleichen Männner. Konfliktpotential gäbe es genug. Die Ziele sind eher diametral. Der Vater hat nur eines im Sinn. Er setzt alles daran, dass sein Zuchtbulle mit dem seltsamen Namen Nabuchodonosor den ersten Preis gewinnt. Hoch sind auch die Erwartungen an seinen Sohn, der sich allerdings viel lieber darauf konzentriert, keinen einzigen Stand auszulassen bei den Weinproben seiner imaginären Frankreichtour auf der Messe. Für seinen Zustand, "complètement bourré" (total blau), hätten ihn andere Väter enterbt, doch der massige Jean hat auch ein großes Herz und so wendet sich der Film zum Roadmovie. Aus der imaginären Tour wird eine echte. Vater und Sohn lassen sich im Taxi durch Frankreich kutschieren. Dabei kommt es zu vielen netten Begegnungen mit ebenso schrulligen Personen.

Donnerstag, 26. Mai 2016

JEDER STIRBT FÜR SICH ALLEIN - die gelungene Verfilmung des letzten Fallada-Romans

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann


Hauptdarsteller und Regisseur der Fallada-Verfilmung Jeder stirbt für sich allein auf der BERLINALE-Pressekonferenz
Von links nach rechts: Brendan Gleeson und Emma Thompson als die Darsteller des Widerstands-Ehepaares Quangel, Regisseur Vincent Perez und Daniel Brühl, der im Film die Staatsgewalt verkörpert und dabei mit seinem Gewissen in Konflikt gerät.
Foto: Peer Kling

Die Fallada-Verfilmung Jeder stirbt für sich allein spielt 1940 und zeigt Berlin im Siegesrausch gegenüber Frankreich. Nur das Ehepaar Quangel, brilliant dargestellt von Emma Thompson und dem irischen Schauspieler Brendan Gleeson, ist ernüchtert. Der Verlust Ihres Sohnes an der Front läßt sie eine ganz eigene, stille Form des Widerstandes entwickeln.
Der Spielfilm wurde als aufwändige europäische Koproduktion mit internationaler Star-Besetzung im diesjährigen Wettbewerb der Berlinale vorgestellt. Regie führte Vincent Perez. Dieser Schweizer Autor, Schauspieler, Produzent und Regisseur mit einer deutschstämmigen Mutter und einem spanischen Vater ist uns vor allem als Darsteller bekannt. Wir haben ihn schon 1990 in dem Film Cyrano von Bergerac in der Rolle des Christian de Neuvillette gesehen. 1992 wirkte er als Schauspieler und Drehbuchbeteiligter bei Indochine mit Catherine Deneuve in der Hauptrolle mit. Insgesamt hat er über 50 Film- und Fernsehrollen verkörpert. Nun führte er selbst die internationalen Schauspieler, darunter Brendan Gleeson, Emma Thompson und Daniel Brühl durch ein Oevre, das großes, gut gespieltes und spannendes Kino verspricht.