Donnerstag, 5. März 2015

BERLINALE 2015 - "The Tiger Lillies" spielen auf zum "Varieté" der Lebensabschnittsgefährten am Trapez

"Lebensabschnittsgefährten" - in "Varieté" verwirrt die Trapezkünstlerin Berta-Marie (Lya de Putti) die Männerherzen, hier das von Huller (Emil Jannings). Leider verlief auch ihr reales Leben sehr tragisch. Film-Still © Deutsche Kinemathek

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Ein Höhepunkt der Berlinale 2015 war die Uraufführung der digital restaurierten Fassung des 1925 unter der Regie von Ewald André Dupont gedrehten Stummfilms "Varieté". Es ist die dritte Verfilmung der Tragödie des Artisten Huller (Emil Jannings) nach Motiven des Romans "Der Eid des Stephan Huller", den Felix Holländer 1912 veröffentlichte. Die phantasievolle Live-Vertonung der "Tiger Lillies" machte den in der Retrospektive unter der Sparte Berlinale Classics gefeierten Stummfilm auch zum Hörerlebnis.
Das Eifersuchtsdrama zählt zu den bedeutendsten Werken des Weimarer Kinos und wurde für Dupont zum Ticket nach Hollywood. Durch die berühmte "entfesselte Kamera" von Karl Freund genießt der Film Weltruf. Die aufwendig restaurierte Fassung mit der Neuvertonung durch "The Tiger Lillies" von Martyn Jacques belebt die Zirkus-Atmosphäre dieses Klassikers im Spannungsfeld menschlicher Zerreißproben in faszinierender Weise aufs Neue. Durch die "Tiger Lillies" gerät der Stummfilm zum Ohrwurm.

Der Film aus einer Zeit unbändiger Sensationslust ist voller Dynamik. Die subjektive Kamera pendelt am Trapez und Du bekommst das Gefühl in schwindelnder Höhe, selbst durch die Luft zu fliegen, unter Dir, das kreischende Publikum, in der Verzerrung der Geschwindigkeit. Du wirst selbst zum Fänger am Trapez. Das "motion picture" zeigt aber auch die innere Bewegung. Die im Stummfilm geforderte übertriebene Mimik spiegelt die von Eifersucht zerfressenen Gefühle.
Die ursprüngliche Vierecksgeschichte konzentriert sich nun auf das Dreieck der Trapezkünstler, dargestellt von den Stars Emil Jannings, Lya de Putti und Warwick Ward. Der unbekannteste der Darsteller hat die glaubhafteste Figur für einen Trapezkünstler. Bei Emil lässt der Sitz des Jacketts an Speck und Kohlrouladen denken. Auch der Vorname seiner Trapez-Partnerin BERTA weckt gewisse Wortspiel-Assoziationen...
Für Emil Jannings ist Varieté fünf Jahre vor dem "blauen Engel" schon die 52te Filmrolle. Er ist der erste Oscar-Preisträger überhaupt und der einzige Deutsche, der als bester Darsteller ausgezeichnet wurde. Den wollten sie haben, am Trapez.
Für die Weltsensation des dreifachen Saltomortale, der ja nicht aus Laune mortale heißt, standen die "Codonas" zur Verfügung, die einzige Truppe weltweit, die diesen Höhenflug damals beherrschte. Sie traten im Berliner Wintergarten auf. Dort spielt auch der Film.

In der Rolle der Trapezkünstlerin Berta-Marie verwirrt Lya de Putti die Männerherzen. Leider verlief auch ihr reales Leben sehr tragisch. Lya war die jüngste Tochter eines ungarischen Offiziers italienischer Abstammung. Sie wuchs auf dem elterlichen Landsitz in Rumänien auf. Mit 16 Jahren heiratete sie den Landrat Szepessy. Kurz nach der Geburt der zweiten Tochter verließ Lya ihre Familie und ging nach Budapest. Gefangen in den Traditionen der konservativen Landaristokratie inszenierte der Verlassene eine fiktive Beerdigung seiner Ehefrau. Schon sechs Jahre nach "Varieté" endete das Leben der Schauspielerin und Tänzerin im zarten Alter von 34 Jahren auf tragische Weise in New York. Lya verschluckte äußerst unglücklich einen Hühnerknochen, der durch eine Notoperation entfernt werden musste. Durch Komplikationen kam es zu einer Blutvergiftung, welche Putti, bereits geschwächt durch eine Lungenentzündung, nicht überlebte. Wenige Wochen nach dem Tod von Lya beging Szepessy Selbstmord. Tröstlich: Mit dem Film "Varieté" machte sich Lya de Putti unsterblich.

Freitag, 27. Februar 2015

BERLINALE 2015 - "Als wir träumten"

Großes Medieninteresse nach der Vorstellung von: "Als wir träumten". V.l.n.r.: Frederic Haselon (Paul), Joel Basman (Mark), Julius Nitschkoff (Rico), Regisseur Andreas Dresen, Merlin Rose (Dani), Ruby O.Fee (Sternchen), Marcel Heuperman (Pitbull), Wolfgang Kohlhaase (Drehbuch). 
Foto: Peer Kling

Er hat sich alles ausgedacht. Romanautor Clemens Meyer auf der Pressekonferenz zu "Als wir träumten". Foto: Peer Kling



"Als wir träumten" von Andreas Dresen kam gerade schon in die Kinos

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Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann



Andreas Dresen hat die Begabung für das Drama in die Wiege gelegt bekommen. Seine Väter, der echte und der Ziehvater waren Theaterregisseure, die Mutter Schauspielerin. "Als wir träumten" ist ein Drama, ein Traum mit bösem Erwachen. Nur einige kommen mit einem blauen Auge davon. Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase formuliert es so: "Die Jungs fragen: "Was kostet die Welt?" Dann merken sie, dass die Welt schon verkauft ist."

Worum geht es? Der zugrundeliegende gleichnamige Erfolgsroman von Clemens Meyer wird angepriesen mit den Worten: "Nach den Kinderspielen kommen die Kämpfe: Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, zwischen Autoklau, Alkohol und Angst, zwischen Wut und Zerstörung. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie klauen, sie fahren ihr Leben gegen die Wand. Sie sind frei und dem Leben ausgeliefert. Mit direkter, wütender, sensibler und authentischer Stimme erzählt dieser Roman von dem Traum, dass irgendwo ein besseres Leben wartet."
Der Film zeigt die Träumer sozusagen vor (noch DDR) und nach (schon BRD) dem Stimmbruch. Bruch ist überhaupt das Stichwort, Stimmbruch, Umbruch, Einbruch, Zusammenbruch. Was in der DDR mit hoffnungsfrohen Augen der Kinder beginnt, hört in der BRD auf, hört auf zu träumen, hört auf zu leben. Die Gruppe zerbricht. Es bleibt ein fahler Geschmack von Enttäuschung und Leere. Für die Zeit dazwischen findet der Film harte Bilder, die ab und zu von etwas Zärtlichkeit kontrastiert werden.



In der Pressekonferenz gibt Andreas Dresen Auskunft. Der 1963 in Gera Geborene habe zwar eine DDR-Sozialisation als Kind erlebt, habe sich aber nicht in Kreisen bewegt, wie der Film sie beschreibt. Auch sei er eher der Gitarren-Typ, aber er habe die Techno-Szene ja hautnah miterlebt. Um die "Super-Energie" der zu den fliegenden Fäusten passenden Hammer-Musik zu nutzen, mussten die Rechte von 36 Tracks geklärt werden. "Erst waren die Preise zu hoch, aber beim Verhandeln haben wir alles bekommen, was wir wollten," erklärt Produzent Peter Rommel, der übrigens auch "Feuchtgebiete" produziert hat. Eine Journalistin beklagt die Männerlastigkeit. "Geben Sie mir das tolle Buch und ich mache gerne den nächsten Film über das Heranwachsen von Frauen." So das freundliche Angebot von Andreas Dresen, dem auch nicht so wichtig war, "dass jede Türklinke stimmt. Der Film sollte den Geist dieser Zeit atmen, in der Atmosphäre der Gefahr."

Dienstag, 24. Februar 2015

BERLINALE 2015 - Silberne Bären

Bei der Vergabe der Silbernen Berliner Bären fällt die starke Präsenz Südamerikas und Osteuropas auf. Bleibt zu wünschen, dass die Auszeichnungen einen Kinostart auch hierzulande erleichtern und der frische Wind der ausgezeichneten Filme landesweit zu sehen ist. Zu den leer ausgegangenen Kandidaten zählen wohlbekannte Namen. Allerdinges stehen hier die Starttermine für die Lichtspielhäuser schon großenteils fest.



Von unseren Berlinale Korrespondenten Peer Kling & Elisabeth Niggemann




Silberner Bär (Großer Preis der Jury)
 für "El Club" von Pablo Larrain aus Chile



Eine Gruppe von Priestern lebt gemeinsam mit der Ordensschwester Mónica in einem Haus an der chilenischen Küste. Alle haben sie Dreck am Stecken, offensichtlich das Auswahlkriterium für die Obrigkeit besonders die fehlgeleiteten "mit-GLIED-er" von „El Club“ in ein Gott vergessenes Kaff zu beordern und somit aus dem Verkehr zu ziehen. Was zunächst wie eine den Hunderennen verschriebene Wohngemeinschaft von Windhund-Züchtern anmutet, gerät bald zum Spannungsfeld zwischen Aufklärung diverser Spielarten von Kindsmissbrauch und deren perfider Vertuschung. Die Vergehen sind die eine Seite, davon haben wir gehört. Doch der Film setzt noch eins oben drauf. Ein Kirchengesandter kommt unter dem Fähnchen der Aufhellung, doch seine gnadenlose auch von brutaler Gewalt nicht zurückschreckende Mission gilt einzig der Verdunkelung. Rund um den mit schockierenden Elementen angereicherten Film entflammten sich gleich nach der Vorführung heiße Diskussionen, nicht nur in der Pressekonferenz.


Der chilenische Regisseur Pablo Larrain zwischen den Polen der Darsteller. Roberto Farías, links spielte die Rolle eines Missbrauchsopfers, das Jahrzehnte später Genugtuung von den Priestern fordert. Alfredo Castro, rechts spielte einen von ihnen. Foto: Peer Kling

Sonntag, 22. Februar 2015

Goldener Bär für die Freiheit

Auszeichnung für Jafar Panahi und seinen Film Taxi
 
Szene aus "Taxi" von Jafar Panahi (Foto: Berlinale)

Viele sehenswerte Filme sind auf den Filmfestspielen in Berlin zu sehen, jetzt kommen sie auch in unsere Kinos. Von der Berlinale berichten unsere Korrespondenten Dr. Elisabeth Niggemann und Peer Kling.

Eine 82minütige Taxifahrt kann teuer werden, auch oder besonders in Irans Hauptstadt Teheran. Jafar Panahi Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller in seinem Film Taxi bricht lähmende Verbote in einer Person: Berufs- und Ausreiseverbot. Sein Film besteht aus einer Taxifahrt durch die Metropole der Verbote. Als Fahrer führt er subtile Dialoge mit sehr unterschiedlichen Fahrgästen, die allesamt ihre Finger auf die Wunden der Unfreiheit im Iran legen. Die Berlinale ist sehr befreundet mit Madame Liberté, und die politische Entscheidung Taxi mit der höchst möglichen Auszeichnung, dem Goldenen Berliner Bären auszustatten, bedeutet für den so engagierten wie mutigen Regisseur neben der Anerkennung auch eine gewisse Sicherheit vor erneuter Strafverfolgung.

Mit seinem Kredo in Analogie zu Martin Luther, mag man formulieren: "Hier fahre (filme) ich, ich kann nicht anders, wer auch immer, helfe mir" durchbricht er seine Isolation auf ideen- und geistreiche Weise, wobei er in schwieriger Lage auch einem versöhnlichen Humor Raum gibt. Das Hauptmotiv des außer Konkurrenz gezeigten Cinderella passt auch auf Taxi: Das Wichtigste im Leben sei Mut und Freundlichkeit. Es ist kurzweilig, Panahis Gesprächen voller Überraschungsmomente zu folgen. Hanah Sahedi, die Nichte des Regisseurs, war der jüngste Fahrgast im Film. Sie nahm bei der Preisverleihung im Berlinale Palast stellvertretend den Goldenen Bären entgegen. Ein rührender Moment des Innehaltens, begleitet von tosendem Applaus.

Sonntag, 7. Dezember 2014

Nordische Filmtage Lübeck 2014

Bei den 56. Nordischen Filmtagen 2014 in Lübeck gelangten an fünf wunderbaren Spätherbst-Tagen rund 170 Filme aus Skandinavien, dem Baltikum und aus Norddeutschland zur Aufführung.

Das Baltikum

Das Baltikum wird durch die Filmtage zunehmend transparenter, das Schaufenster in diese Ländergruppe immer größer. Als die Nordischen Filmtage 1956 zum ersten Mal in der Hansestadt Lübeck veranstaltet wurden, galt der eiserne Vorhang als unüberwindlich und einher ging ein stetes Bangen um den Weltfrieden, das im Oktober 1962, also kurz vor den "verflixten" siebenten Filmtagen einen dramatischen Höhepunkt fand. Die Nordischen Filmtage beschränkten sich zwangsläufig auf Skandinavien. Filmvorstellungen aus dem Baltikum waren nicht denkbar und den baltischen Film gab es auch überhaupt nicht. Denn über Estland, Lettland und Litauen herrschte das Sowjetregime mit strenger Hand. Die jeweils eigene Sprache und eigene Kultur wurden strickt unterdrückt. Das Baltikum gehört zu den Regionen Europas, die in kurzem Abstand von diametralen Diktaturen überrollt wurden, wie beispielsweise das Okkupationsmuseum in Tallinn in seiner Ausstellung beklemmend veranschaulicht. Nazitum und Stalinismus haben in wenigen Jahrzehnten so viel Leid volle Geschichte über die drei Länder gebracht, dass zur Aufarbeitung noch zahllose Filmbeiträge notwendig sind. Einzel- und Kollektivschicksale haben das Recht nicht vergessen zu werden. Der Film ist das geeignete Medium diesem Recht Geltung zu verleihen. Die Suche nach der eigenen Identität, die Rückbesinnung, wie das alles überhaupt hat geschehen können, das Verlangen nach Gleichgewicht und Sicherheit sind willkommene Filmthemen.

Durch die Hanse ist Lübeck, der Standort der Nordischen Filmtage in seiner Geschichte stark verwoben mit Riga und Reval (heute Tallinn), die ebenfalls beide Hansestädte waren. Aber schon damals war die Länderzugehörigkeit wechselnd und das Gezerre zwischen dem Königreich Schweden oder dem von Dänemark, zwischen Ordensstaat oder Fürstentum Livland oder der Republik Polen-Litauen bietet nach wie vor reichlich Filmstoff. Die Grenzen waren Zeit abhängig fließend, die Begriffe unscharf. In der Zwischenkriegszeit, also zwischen dem ersten und zweiten Weltkrieg zählte gar Finnland zu den Baltischen Staaten, aber immerhin ist die finnische der estnischen Sprache sehr ähnlich.

Aus Estland und Lettland wurden dieses Jahr je sechs, aus Litauen drei Filme gezeigt. Man muss sich dabei vor Augen halten, dass die Bevölkerung dieser Länder mit zusammen nur knapp über sechs Millionen Menschen in der Größenordnung von einem Drittel der Bevölkerung von NRW liegt. Von der Fläche her ist allein schon Litauen fast doppelt so groß wie Nordrheinwestfalen.

Der Weg zur baltischen Freiheit veranschaulichte als Abend füllender Dokumentationsfilm aus Lettland die Unabhängigkeitsbewegung in den baltischen Ländern Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre. Die Kombination aus Interviews von Augenzeugen mit Doku-Szenen aus seltenem Archivmaterial lässt ein so interessantes wie detailliertes Gesamtbild der Verhältnisse während der "Singenden Revolution" entstehen, in der Anstimmen der verbotenen baltischen Hymnen zu einem Akt des Widerstands gegen die Zentralregierung in Moskau wurde. Als in den 1980er Jahren unter Gorbatschows Politik der Perestroika in den baltischen Teilrepubliken der Sowjetunion der Nationalgedanke erwachte, wurde 1988 die lettische Volksfront mit dem Ziel der staatlichen Unabhängigkeit gegründet. Regisseur Askolds Saulitis lenkt den Blick auch auf weniger bekannte Aspekte, wie auf die Versuche der Geheimdienste und der Kommunistischen Partei, die Massenbewegung unter ihre Kontrolle zu bringen.

Aus dem Film: Der Weg zur baltischen Freiheit


Dienstag, 30. September 2014

"Inherent Vice": Poster und Trailer

Inherent Vice Poster
"Inherent Vice"



Paul Thomas Andersons Adaption des Romans "Inherent Vice" von Thomas Pynchon mit Joaquin Phoenix und Josh Brolin kommt 2015 in die hiesigen Kinos.

Sonntag, 25. Mai 2014

"Mood Indigo"-Poster von Jay Shaw


Wunderschönes Filmposter von Jay Shaw zum US-Release von Michel Gondrys "Mood Indigo" ("Der Schaum der Tage") mit Audrey Tautou und Romain Duris.