Berlinale 2020 - Einige Eindrücke aus dem Wettbewerb

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling & Elisabeth Niggemann

Unsere Berlinale-Korrespondenten Elisabeth Niggemann und Peer Kling am Ort des Geschehens: Im Hyatt finden die Pressekonferenzen mit den Regisseuren und den Schauspielern statt.
Foto: privat

Der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag trägt den Titel Undine. Undine ist mehr als nur ein Mädchen-Vornahme. Undine ist Programm. In der Sage ist Undine ein weiblicher Wassergeist aus der mythologischen Gattung der Nymphen, eine Nixe, eng verwandt mit den Sirenen und auch mit der Loreley. Es gibt eine Erzählung, ein Theaterstück und ein Ballett mit diesem Titel und mit dieser Berlinale nun auch den dritten Film. Berlinale-Dauergast Christian Petzold hat ihn zusammen mit seinem Stammpersonal gedreht. Die Idee spukte dem Team seit dem Dreh-Ende von Transit in den Köpfen herum.
Yella, Jerichow, Barbara, Transit - schon immer hatte Petzold einen Hang zur Mystik, der nun einen (vorläufigen?) Höhepunkt erreicht. Paula Beer spielt Undine. Sie ist Historikerin und erklärt einige Minuten, nachdem ihr Freund sie verlassen hat, an Hand von großen Modellen das Werden der Stadt Berlin, wobei sie besonders die ursprüngliche Sumpflandschaft betont, also ihr eigenes Element, das Wasser. In der Mythologie bringt Undine ihren treulosen Betrüger um und geht dann selbst zurück in die Fluten. Aber Petzolds Undine lässt zunächst Mythologie Mythologie sein und verliebt sich wenige Stunden später wie durch eine Initialzündung in einen Industrietaucher (Franz Rogowski). In der Unterwasserwelt entstehen wunderbare Momente von Zärtlichkeit und Stille, aber auch Momente großer Aufregung. Das märchenhafte Liebesdrama ist toll gespielt, führt so nebenbei in die Berliner Stadtentwicklung ein, visualisiert den aktuellen Stand der Bundesbahn (die Frischverliebten trennen viele Bahn-Kilometer) und erschließt eine Unterwasserwelt, in dem wir unter anderem einem riesigen Wels begegnen, den es wirklich geben soll, wenn auch der Film-Wels eine Computer-Geburt ist. Petzold selbst verehrt den Film 20 000 Meilen unter dem Meer.

Paula Beer in Undine von/by Christian Petzold

Auch in dem Film Siberia - Sibirien von dem 1951 in der Bronx, New York geborenen Abel Ferrara hat ein Fisch das letzte Wort. Auch dieser Film ist mystisch und Sagen-haft, auch wenn die Mythen und Sagen zwar keine Namen haben, aber mit isländischen Hackebeil-Film-Mythen auf Grund ihrer martialischen Brutalität durchaus mithalten können. Ferrara wurde bekannt mit Filmen wie King of New York und Bad Lieutenant. Der Schauspieler Willem Dafoe ist schon lange sein Weggefährte. Mit ihm drehte er kürzlich auch das Biopic Pasolini.
Sibirien steht laut Auskunft des Regisseurs hier lediglich als Metapher für Exil, Einsamkeit, Exotik, Magie und Kälte. Die Schlittenfahrten mit den Huskies sind wunderbar gelungen. Eine zusammenhängende Geschichte darf man nicht erwarten. Vielmehr geht es um die Visualisierung innerer Gedanken und von Träumen, die ja selten zusammenhängend logisch sind. Es geht um Erinnerungen, Visionen und um die Konfrontation mit dem Vater.

Siberia von/by Abel Ferrara

Film ist Geschmacksache
Bei der Berlinale liegt jeden Tag eine Hochglanz-Zeitschrift mit dem Namen Screen aus. Darin gibt es einen Bewertungsspiegel der Wettbewerbsfilme. Sieben internationale Kritiker geben ihr Votum ab. Sie können jeweils 0 bis 4 Punkte vergeben. Es fällt auf, dass die Meinungen sehr auseinander gehen. Bei vielen Filmen geben einige vier Punkte, die anderen nur einen. Mit einem Durchschnitt von 3,1 kommt Undine bislang am besten weg, Siberia mit 1,3 am schlechtesten. In der Pressekonferenz dagegen platzte unser Nachbar fast vor Begeisterung und ein Herausgeber eines eigenen Filmportals meinte, es sei der beste Film, den er jemals gesehen hat. Vielleicht heißt es ja gerade deshalb Film-KUNST. Denn über Kunst lässt sich trefflich streiten.

BERLINALE 2020 - eine Schlankheitskur zum Geburtstag?

Das drittwichtigste Filmfestival der Welt wird 70 - Die neue Leitung setzt neue Maßstäbe

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann


Berlinale-Plakat 2020 gestaltet von State - Agentur für Design, Berlin

Karl Lagerfeld hat wie eine Diva geflunkert, was sein Geburtsjahr angeht. Bei Filmfesten ist das anders. Da ist man stolz auf eine möglichst langjährige Tradition. Aber offensichtlich gilt auch hier: „Nur, was sich ändert, bleibt.“ Nach Dieter Kosslick tritt nun eine Doppelspitze das Erbe an, Carlo Chatrian als künstlerischer Direktor und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin.

Wikipedia definiert ein Filmfestival als eine periodisch stattfindende kulturwirtschaftliche Veranstaltung. Kultur und Geld, sind die nicht ein bisschen wie Feuer und Wasser? Jedenfalls haben jetzt mit der neuen Doppelspitze beide Pole, also die Film-Kunst und die wirtschaftliche Seite ihre jeweilige Fachkraft am Ruder des in die Jahre gekommenen Riesen-Kahns BERLINALE. Wir sind auf die künftige Richtung des Festival-Schiffes gespannt. Der passionierte Cineast und frühere Locarno-Chef, Chatrian verspricht dem Festival ein charakteristisch klares Profil. Er hat ein Faible für nonkonforme Filmkunst. Es gilt den sportlichen Spagat zwischen avancierten Filmexperimenten und dem weltgrößten Publikumsfestival zu meistern. Nicht dass auf passioniert, bald pensioniert folgt! Mit 48 ist der Carlo dafür zu jung. Mit Forum, Panorama, Berlinale-Series und Berlinale Shorts stehen zum 70ten vier Sektionen unter neuer Leitung. Dieters Liebhaberprojekt, das Kulinarische Kino gibt's nicht mehr. (Film-) Sternchen gucken, geht noch, aber „Sterne essen“ musst du woanders. Die 2013 gestartete Reihe NATIVe gibt's auch nicht mehr. Die Werke indigener Filmschaffender sollen künftig jenseits einer festen Sektion präsentiert werden. Da wo Wettbewerb draufsteht, ist jetzt auch wirklich nur noch Wettbewerb drin. Die „außer Konkurrenz“-Rosinen entfallen. Dieters besonderes Verdienst war es, als Publikumsfest zu expandieren, man kann schon sagen, zu explodieren. Die „Rosinen“-Filme hatten Zugkraft, auch wenn sie nicht immer süß waren. Die Starlets im Schlepp aber schon.

Der Beginn der Berlinale ist zwei Wochen nach hinten gerückt. Die Konsequenz: Bislang fand die Oscar-Preisverleihung immer nach der Berlinale statt. Jetzt ist es umgekehrt. Es gab früher eine Art Win-Win-Situation. Berlin hat den nominierten Hollywoodfilmen – und ihren Stars – vorab eine glanzvolle Bühne geboten. Im Gegenzug brachte diese „Hollywood-Schaukel“ Glanz in die Hütte. OK, Hochglanz-sauber ist die Berlinale trotzdem. Neue Besen kehren gut. Wurde denn nur konzertant gestrichen und gefegt oder gibt's auch 'was Neues?
Ja, schon. Neu ist die Wettbewerbs-Sektion "Encounters" für ästhetisch und formal ungewöhnliche Werke unabhängiger Filmschaffender. Klingt ziemlich nach Forum. Mehr Bonbon als Bombe? Wir werden sehen und berichten. Maximal 15 Spiel- und Dokumentarfilme ab einer Laufzeit von 60 Minuten sollen eingeladen werden. Drei Preise werden ausgelobt. Damit hat "Encounters" einen ähnlich experimentellen Fokus wie die Sektionen "Un certain Regard" in Cannes und "Orrizonti" in Venedig.
Mit nun 13, anstatt vorher 14, hat die Berlinale immer noch doppelt so viele Sektionen wie die Festivals von Cannes oder Venedig. Auch wenn das kulinarische Kino geplatzt ist, wurde die Berlinale nicht wirklich schlanker.

Eröffnung der 70. Berlinale mit der Weltpremiere von "My Salinger Year"

D O N N E R s t a g, 2020-02-20 - das ist doch mal ein schönes Datum für die Eröffnung der Jubiläums-Berlinale. Der Regisseur des Eröffnungsfilms, Philippe Falardeaus freut sich: „Es ist großartig, dass "My Salinger Year" die Berlinale 2020 eröffnen wird. Wir hätten uns keinen besseren Anlass für die Weltpremiere vorstellen können."

Er selbst, die mehrfach oscarnominierte Sigourney Weaver und Margaret Qualley werden den roten Teppich beschreiten und die Aufführung begleiten.

Ab Donnerstag gilt wieder: Der Weg zur Location im Mittelpunkt, dem Berlinale Palast führt für die Stars über den roten Teppich.
Foto: Richard Hübner, Berlinale

Die kanadisch-irische Produktion basiert auf dem gleichnamigen Roman der US-Schriftstellerin Joanna Rakoff. "My Salinger Year" porträtiert die ambitionierte junge Schriftstellerin Joana (Margaret Qualley), die in den 90ern als Assistentin der Literaturagentin Margaret (Sigourney Weaver) arbeitet. Ihr Job ist es, die Fanpost von J.D. Salinger zu beantworten. Der Autor des Kultromans "Der Fänger im Roggen" ist der Stolz der Agentur.

Regisseur Philippe Falardeau präsentierte bereits 2009 seinen Film "C'est pas moi, je le jure!" (Ich schwör's, ich war's nicht!) in der Berlinale-Sektion Generation, wo er sowohl mit dem Großen Preis der Internationalen Jury von Generation Kplus für den Besten Film als auch mit dem Gläsernen Bären für den Besten Film ausgezeichnet wurde.

Lass uns kurz den Hintergrund in Erinnerung rufen, der 2010 verstorbene US-amerikanische Schriftsteller J.D. Salinger hat in seinen 91 Lebensjahren genau einen Roman veröffentlicht. Diese Coming of Age - Geschichte mit dem auf ein Gedicht zurückgehenden Titel "Der Fänger im Roggen" verhalf ihm zu Weltruhm. In dem Roman beschreibt der 16-jährige Holden seine Erlebnisse in New York City, nachdem er aus dem Internat geworfen wurde. Holden und die Erwachsenenwelt haben ein Problem miteinander.

Die auffällige Sprache des Ich-Erzählers führte neben Begeisterung auch zu Kritik. Das Buch wurde in einigen Ländern verboten. Die Originalausgabe enthält 255 Mal den Ausdruck goddamn und 44 Mal das Wort fuck. Darüber, ob Salinger in den fünf Jahrzehnten zwischen seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit und seinem Tod noch weitere Werke verfasste, gab es immer wieder Spekulationen. Sein Sohn Matt gab dem Guardian im Januar 2019 ein seltenes Interview, in dem er angab, dass es umfangreiche, noch unpublizierte Werke seines Vaters gibt. Die Veröffentlichung könne sich allerdings noch bis etwa 2030 hinziehen.

Genau da steigt der Film "My Salinger Year" ein, der auf den gleichnamigen 2014 von Joanna Rakoff veröffentlichten Roman zurückgeht.

Eröffnet wird das diesjährige Jubiläums-Festival mit der Weltpremiere von "My Salinger Year" des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeaus.
Foto: Berlinale

"My Salinger Year" hat einen realen Hintergrund. Es geht rund zehn Jahre vor Salingers Tod um den Umgang mit den starken Lebensgefühlen, die sein Roman in den Leserinnen und Lesern auslöst. Salinger wird mit Fanpost wie ein Guru angehimmelt, hat sich aber total aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Die Leiterin seiner Agentur, dargestellt durch Sigourney Weaver, links im Bild stellt Joanna Rakoff zum Beantworten der Briefe ein, die ihre Erfahrungen zu dem Roman "My Salinger Year" verdichtet. Im Film wird sie von Margaret Qualley dargestellt, rechts im Bild. Sigourney Weaver, die echte und die gespielte Rakoff werden zusammen mit dem kanadischen Regisseur Philippe Falardeau in Berlin erwartet.

Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Weihnachtsfilmfestival 2019

Weihnachtsfilmfestival 2019

Das 4. Weihnachtsfilmfestival - Internationales Festival der unkonventionellen Weihnachtsfilme nimmt sich dieses Jahr dem Fokus "Menschlichkeit" an. Was zeichnet uns aus? Was macht den Menschen zum Mensch? 5 Spielfilme und 55 Kurzfilme aus über 20 Ländern kreisen um Mut, Widerstand, Angst, Vorurteile, Empathie, Hilfsbereitschaft, Selbstreflexion, Einsamkeit, Zusammenleben und dem Erinnern - natürlich immer mit Bezug zu Weihnachten.

Das Festival eröffnet mit Eia jõulud Tondikakul / Phantom Owl Forest (Anu Aun, Estland 2019). Weil Eias Eltern an Weihnachten arbeiten müssen, wird die Zehnjährige zu ihrer buckligen Verwandtschaft in die ländliche Einöde geschickt. Das Stadtmädchen muss ihrer Vorurteile überwinden und lernt die liebenswerten Seiten der Farmbewohner kennen. Ein Abendteuer inmitten der malerischen Landschaften Südestlands zur Winterzeit beginnt, in dem Eia einen ganzen Wald retten muss.

Wintergast (Andy Herzog & Matthias Günter, Schweiz 2015) begleitet den erfolglosen Filmautor Stefan, der aus Geldnot einen Job als Jugendherbergstester annimmt. Die Stimmung kurz vor Weihnachten ist ganz sonderbar, so dass er auf genauso sonderbare Gestalten trifft. In den leergefegten Jugendherbergen bleibt viel Zeit für ihn, sich selbst kennenzulernen.

Endlich Winterferien: Ура! Каникулы / Hoorah! It’s a Holiday (Maxim Demchenko, Russland 2016). Auf zum Ski fahren. Pavel will eigentlich nur eine entspannte Zeit mit seiner Familie in den Bergen verbringen. Doch als er durch Zufall eine wertvolle Halskette findet, sind ihm gewiefte Räuber auf den Fersen. Als hätte der Sechstklässler nicht schon genug Ärger, kreuzt ihm seine erste große Liebe den Weg. Es gilt Mut zu beweisen. Ein Film für die ganze Familie.

Weihnachten und Erzgebirge gehören in Deutschland zusammen wie Pech und Schwefel. Der Dokumentarfilm Winter und harter Winter (Johannes Kürschner & Paul Stephani, Deutschland 2018) dokumentiert beobachtend und unterhaltsam die Sitten und Bräuche der Kleinstadtbewohner Olbernhau zur Vorweihnachtszeit. Rau geht es zu - Nussknacker, Räuchermännchen, Volksmusik und Hausschlachtung dürfen nicht fehlen.

Im "Schnee von gestern" Spezial wird der abgefahrenen Klassiker Le père Noël est une ordure / Santa Claus is a Stinker (Jean-Marie Poiré, Frankreich 1982) vorgestellt. Als die Mitarbeiter eines Sorgentelefons an Weihnachten eine Ausnahme machen und einen bedürftigen Menschen zu sich einladen, beginnt eine turbulente Nacht, in der ein jähzorniger Weihnachtsmann keine Geschenke bringt, sondern nur Probleme.

Ob Menschen in entlegenen Regionen, Senioren im Altenheim, Haustiere aus der Kindheit oder verstorbene Freunde: die "Almost Forgotten" Shorts fordern zum Erinnern auf. Dass der Mensch gern aus der Reihe tanzt, beweisen die kuriosen Kurzfilme der "Crazy Christmas" Shorts. Oder einfach mal den Ängsten stellen mit den "Bloody Presents" Horror Shorts. Um alle Facetten der menschlichen Züge geht es im Kurzfilm-Triptychon Underdogs, Rebels und Humans. Geschichten von Außenseitern, Veränderung und Zuwendung.

Filmschaffende aus Russland, Rumänien, England, Frankreich und Deutschland sind für Gesprächsrunden nach den Programmen anwesend. Das Publikum wählt den besten Kurzfilm. Alle Filme werden in Originalversion mit englischen Untertiteln präsentiert.

19. - 22.12.2019 | Moviemento Kino, Kottbusser Damm 22, 10967 Berlin
Programm: http://weihnachtsfilmfestival.de/

7. Favourites Film Festival Bremen

Favourites Film Festival Bremen

Vom 3. bis zum 7. April 2019 findet das Favourites Film Festival zum siebten Mal in Bremen statt. Im Cinema im Ostertor werden Filme aus aller Welt gezeigt, die bereits einen Publikumspreis gewonnen haben.

Im Zentrum des internationalen Programms steht in diesem Jahr das Thema Familie. Die Filme erzählen von Familiengeheimnissen und Familienbanden, von zerbrochenen Familien, vom Lossagen von der Familie und vom Ankommen in einer Ersatzfamilie, vom Kampf für und gegen die Macht der Familie, von der Einsamkeit innerhalb der Familie und von der lebensrettenden Kraft familiärer Liebe.
Auch wenn die Figuren der einzelnen Filme mit sehr unterschiedlichen Herausforderungen konfrontiert sind, laden ihre Geschichten zur Reflexion über den Einfluss gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen auf das Individuum und zugleich über die Verantwortung des Einzelnen für das große Ganze ein.

Como Nossos Pais/Just Like Our Parents erzählt von Rosa, Ende 30, Mutter von zwei Mädchen, Ehefrau, Geliebte und Tochter geschiedener Eltern. Bei einem Familienessen verkündet ihre Mutter unerwartet, dass Rosas Vater nicht ihr leiblicher Vater ist und so ihr Leben wird auf den Kopf gestellt. Aufgerieben zwischen verstrickten Familienstrukturen und vielseitigen Erwartungen, versucht sie den eigenen Ansprüchen als selbstbestimmte Frau gerecht zu werden. Laís Bodanzkys aus dem Leben gegriffenes Porträt dreier Generationen in São Paulo ist eine lebhafte Reflexion von Rollenbildern ohne moralisierenden Zeigefinger.

Mit den Sorgen eines werdenden Vaters sieht sich der Pfarrer Ernst Toller in First Reformed, dem packenden Thriller von Taxi-Driver-Autor Paul Schrader, konfrontiert. Ethan Hawke (Before Sunrise, Boyhood) brilliert in der Rolle des zweifelnden Geistlichen - ein Wrack, zermartert von körperlichen Leiden, Alkohol und traumatischen Erinnerungen. Als die schwangere Mary (Amanda Seyfried, Mamma Mia!) in ihrer Garage eine Sprengstoffweste findet, wird dies für Toller zur existentiellen Glaubensprüfung. Trotz Oscar-Nominierung und seiner soghaften erzählerischen Kraft ist dieses Meisterwerk bisher nicht im deutschen Kino zu sehen.

In Nos battailles/Our Struggles engagiert sich ein junger Vater, gespielt von Romain Duris (L'auberge Espagnol, Der wilde Schlag meines Herzens) im Betriebsrat des großen Online-Versandhändlers, für den er täglich Pakete sortiert. Als seine Frau, die Mutter seiner beiden Kinder, unerwartet verschwindet, muss er sein Leben neu sortieren. Der belgische Regisseur Guillaume Senez, der bereits 2016 mit seinem gefeiertem Debüt Keeper im Programm des Favourites Film Festival vertreten war, stellt einmal mehr die Rolle des Vaters in den Fokus seiner Erzählung. In Our Struggles verbindet er gekonnt die Qualitäten des belgischen und des französischen Kinos und schafft so einen zugleich einfühlsamen und sozialkritischen Film mit hoffnungsvollem Tenor.

Das komplette Programm gibt es auf der Festivalwebsite.

Berlinale - Die Jury „hat fertig“

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Gold

Der Goldene Bär für den besten Film, der Hauptpreis der Berlinale also, geht an die Produzenten von „Synonymes“ unter der Regie von Nadav Lapid. „Synonymes“ ist der fünfte Spielfilm des 1975 in Tel Aviv geborenen Regisseurs. Yoav (Tom Mercier), die Hauptfigur des Films, ist uneins mit der Politik seines Heimatlandes Israel und versucht einen Neustart in Paris. Ein gefühltes Fünftel der 123 Film-Minuten ist er nackt und bloß. Zu Beginn des, sagen wir 'mal Dramas, ist er gerade aus Israel in Paris eingeflogen, for good, wie die Amerikaner sagen würden, also für immer. Eine vollkommen leere Wohnung ist sein erstes Quartier. Als er aus der Dusche kommt, ist alles weg, auch seine Kleider. Kein guter Start. Später verdingt er sich als Model und nimmt eine Reihe von entwürdigenden Posen ein. Die Fortsetzung des Elends? Worum geht es hier denn eigentlich? Hören wir, was der Regisseur nach der Filmvorführung in freier Übersetzung gesagt hat. „Als ich vor fast 20 Jahren meinen dreieinhalbjährigen Militärdienst in Israel beendet habe, bin ich zurück nach Tel Aviv, wo ich aufgewachsen bin und habe Philosophie studiert. Nach einem Jahr folgte ich meiner inneren Stimme. Ich hatte das Bedürfnis zu fliehen und niemals zurückzukommen. Ich empfand die politische Situation in meinem Land als inakzeptabel und war nicht länger bereit zu gehorchen und mich mit diesem Staatsprogramm zu identifizieren. Ich bedauere, dass die Geschichte meines Landes eine Phase durchläuft, die von großer Feindseligkeit und Brutalität geprägt ist. Als ich am Flughafen Charles de Gaulle ankam, waren meine Zukunftspläne völlig offen, aber ich hatte den klaren Wunsch, in Paris zu leben und eines Tages auf dem Friedhof Père Lachaise begraben zu werden.“ Stellvertretend geht die Filmfigur Yoav soweit, dass sie nicht mehr hebräisch denken und sprechen möchte, weil damit zu viele schlechte Erinnerung einhergehen. Beim „Random Walk“ durch Paris hält er meist ein Büchlein in den Händen und wiederholt, einem Repetiergewehr ähnlich, Synonyme der französischen Sprache. Daher der Titel. Der Schauspieler Tom Mercier studierte am Yoram Levinstein Acting Studio in Tel Aviv. Die Hauptrolle, die er für „Synonyms“ im wahrsten Sinne des Wortes VERKÖRPERT, ist sein Filmdebut. Und dann gleich GOLD, Glückwunsch, besser kann es nicht laufen. Im wirklichen Leben hat auch er sich wie seine Filmfigur gegen Israel und für Paris entschieden. Dagegen ist der Regisseur Nadav Lapid bereits vor vielen Jahren wieder heimgekehrt und setzt sich mit den Geschicken seines Landes im Brennpunkt selbst auseinander. Wie wir den Film fanden? Wir bewundern vor allem den Mut und die Entschlusskraft wie sich ein Insider mit den Problemen seines Landes Israel auseinandersetzt.

Die Körperhaltung steht für „no future“ - Tom Mercier als Yoav in „Synonymes“ unter der Regie von Nadav Lapid
© Guy Ferrandis / SBS Films d

Eine mit Silber belohnte „Ozon Therapie“ für oder gegen die Katholische Kirche in Frankreich

Sein letzter Film „Frantz“ hat uns tief berührt und bewegt. Die eigenen Worte zu seinem Werk sind bei Wikipedia elektronisch in Stein gemeißelt: „Ich wollte davon erzählen, wie Lügen und Geheimnisse in dramatischen Zeiten wie des Krieges und der Krise den Menschen beim Überleben helfen können. Die Lüge ist eine Metapher für unser Bedürfnis und unsere Sehnsucht nach Fiktion – und daher auch nach Filmen.“ In gewisser Weise passen diese Worte auch auf seinen neuesten Film. Es geht um Verdrängung, um das Nicht-wahr-haben-wollen und um Vertuschung. Krieg mit der katholischen Kirche. Auf die Fehltritte folgt eine Welle wie nie zuvor: Austritte. Mit dem Silbernen Berliner Bären für „Grâce à Dieu“ („Gelobt sei Gott“) belohnt der große Preis der Jury die filmische Auseinandersetzung von Regisseur François Ozon um den noch in der Schwebe befindlichen Krieg, ehm, Prozess im Zusammenhang mit dem sexuellen Missbrauch in mehr als 70 Fällen an minderjährigen Schutz befohlenen Jungen innerhalb der Katholischen Kirche Frankreichs. „Eigentlich wollte ich einen Dokumentarfilm drehen,“ sagt François Ozon in Berlin, „… aber dann“ sinngemäß „haben wir bemerkt, dass es für die Opfer unerträglich heftig würde.“ Hauptschauplatz ist Lyon, aber da dort Politik und Kirche eng miteinander verwoben sind, wurden die Drehs prekärer Szenen lieber gleich an neutrale Orte verlegt, statt zu versuchen, in Lyon die Drehgenehmigungen einzuholen. Außerdem drängte die Zeit, denn Anfang März soll das Urteil gesprochen werden. Kardinal Barbarin und sechs weitere Angeklagte stehen derzeit in Lyon vor Gericht, wegen Nichtanzeige also wegen unterlassener Hilfeleistung. Die Übergriffe durch Pater Bernard Preynat (Darsteller, auch in den Rückblenden (?): Bernard Verley) fanden von 1986 bis 1991 statt. Der Pädophile, eigentlich sollte es heißen, der Kinderseelen-Zerstörer, war den Vorgesetzten als solcher bekannt. Sie stoppten ihn aber nicht wirksam. Immer wieder ist von Verjährung die Rede, „Grâce à Dieu (Gott sei Dank)“ bedankt sich der damalige Vorgesetzte Kardinal Barbarin, heute Erzbischof von Lyon öffentlich beim lieben Gott in einer Pressekonferenz. Gott dafür zu danken, dass die Vergehen nicht mehr geahndet werden können, klingt infam und blasphemisch. „Grâce à Dieu“ wurde zum ironisch sarkastischen Film-Titel, für den auch „Das Schweigen“ gepasst hätte. Der ist aber längst auf anderer Ebene vergeben und hat bereits den Stempel bedeutungsschwanger. Barbarin erregte Aufsehen, als er 1998 das Zölibat in Frage stellte. Das klang fortschrittlich. Reaktionär dagegen 2012 seine Abwehr-Haltung im Hinblick auf die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Als mögliche Folgen nannte er die Aufhebung des Verbots von Polygamie oder Inzest. Das nur als Hintergrund. Der Film ist den Opfern gewidmet, nicht Barbarin. Viele Leben wurden stark negativ beeinträchtigt oder gänzlich zerstört. Die den Film tragende Figur ist zunächst das Opfer Alexandre (als Erwachsener dargestellt von: Melvil Poupaud). Erst viele Jahre nach den Vorfällen ist er in der Lage, den Stein ins Rollen zu bringen. Die erste Hälfte des Films ist durch ihm bestimmt, dann reicht er die Fackel weiter an François (Darsteller als Erwachsener: Denis Ménochet). Der französische Anwalt und Verteidiger des Priesters Reynat, Frédéric Doyez, versucht den für den 20. Februar geplanten Filmstart in Frankreich mit einer einstweiligen Verfügung zu untersagen. Es sei nicht hinzunehmen, dass ein Film zur Vorverurteilung seines Mandanten führe, der sich demnächst für pädophile Übergriffe in der Vergangenheit zu rechtfertigen hat. Viele Taten sind verjährt, aber ein neues Gesetz, „la Loi Schiappa“, hat die Verjährungsfristen für sexuell motivierte Straftaten verlängert.

Der atmosphärisch dichte, spannende und sehr sehenswerte Film trifft in die Mitte unserer Herzen und die Katholische Kirche voll auf die Zwölf.

Opfertreffen im Film „Grâce à Dieu“ mit Denis Ménochet, Eric Caravaca, Swann Arlaud, Melvil Poupaud.
Regie: François Ozon © Jean-Claude Moireau

BERLINALE 2019 - aufgeschnappte Eindrücke der ersten vier Tage des Wettbewerbs

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Im Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ der Dänin Lone Scherfig verflechten sich nach und nach die Schicksale einzelner Verlierertypen an sowohl tristen wie auch sehr fotogenen Schauplätzen von New York. Ausgangspunkt ist die Flucht einer jungen Mutter, dargestellt von Zoe Kazan mit ihren beiden Söhnen in kindlichem Alter vor der häuslichen Gewalt des Polizisten-Ehemannes. In diesem Ensemblefilm verteidigen etwa zehn gleichbedeutende Hauptrollen ihre Lebensgrundlage und menschliche Würde gegen eine feindselige Welt. Die damit verbundene Liebeserklärung an New York und an die Heilsarmee-Mentalität der Amerikaner putzt der Spiegel als Sozialschmonzette runter. Von der Struktur her ähnelt der Film dem 2001 mit dem silbernen Bären ausgezeichneten "Italienisch für Anfänger", womit die Regisseurin Lone international bekannt wurde. Die Begegnungen in dem auf Russisch gebürsteten Restaurant „Winterpalais“ als Dreh- und Angelpunkt der Suchenden haben einen absurd märchenhaften Charme. Der Darsteller des Eigners Bill Nighy macht im Film und auf dem Podium der Pressekonferenz eine gute Figur. Das Bedürfnis anderen zu helfen bezeichnet er als „basic human instinct“: https://www.youtube.com/watch?v=8tyGMA-L8JI

Systemsprenger“ heißt der erste Langfilm der 36jährigen Nora Fingscheidt. Sie habe schon immer die Geschichte eines „wilden, wütenden Mädchens“ erzählen wollen, erklärt die Filmemacherin nach der Vorstellung. Es sollte ein junges Mädchen sein und keine Jugendliche, denn nach der Pubertät potenzieren sich die Probleme. Systemsprenger ist der inoffizielle Begriff für Problemfälle, bei denen eigentlich gar nichts mehr geht und alle Institutionen im Umfeld hilflos abwinken. Die fast zehnjährige Benni steht im Mittelpunkt eines Steuergelder verbrennenden Teams von hilflos ohnmächtigen Fürsorgerinnen, Heimpädagogen, Lehrerinnen, Psychologen, Krankenhausärzten, Schulbegleitern und Anti-Gewalttrainern. Die überforderte Mutter ist die Zentrale im „scheiternden Systemprozess“. Als Darstellerin des eigentlich auf den Namen Bernadette getauften zerstörerischen Energie-Bündels und Kraftausdruck-Lexikons, das im Film für sich einzig den Jungennamen Benni akzeptiert, hat sich als Nummer Vier beim Casting Helena Zengel vorgestellt. A perfect match und gleich jung. Dieses Sofortglück wollte das Team zunächst gar nicht glauben und hat weitergesucht. Nach der Filmpräsentation kein Enfant Terrible auf dem Podium, sondern eine intelligent charmante und selbstbewusste junge Persönlichkeit. Bravo!

Erst Schwanz, dann Fuchsschwanz
Dem psychopathischen Serienmörder aus den USA, den vergangenes Jahr Lars von Trier in Cannes in den Wettbewerb schickte, stellt Fatih Akin nun Fritz Honka mit seinem Film „Der Goldene Handschuh“ an die Seite. Wer sehen möchte, welcher Kraft und Anstrengung es bedarf, um mit dem Fuchsschwanz einen Kopf abzutrennen und wie man verhindert, dass bei den Nachbarn darunter das Blut durchtropft, kann das ab dem 21. Februar im Kino studieren, in Farbe. Der Horror in Tüten von der Reeperbahn verspricht stimmige Interieurs der 70er Jahre, eine aufwendige Maske und gute Schauspieler/innen. Vor 15 Jahren gewann Fatih Akin mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären. Mal sehen, was jetzt passiert.

Beim Warten auf Mario Adorf, also auf den Film über ihn: „Es hätte schlimmer kommen können“, schwärmen wir unseren Nachbarinnen von dem Film „Mr. Jones“ vor. (Titelrolle: James Norton, Regie: Agnieszka Holland nach dem Drehbuch von Andrea Chalupas, die persönliche Überlieferungen ihres Großvaters einfließen lässt). Dieser Journalist berichtete 1933 in Großbritannien exklusiv über die NSDAP-Regierungsübernahme in Deutschland. Am 23. Februar konnte er Hitler in einer Junkers Ju 52/3m, dem damals schnellsten und modernsten Flugzeug der Welt, von Berlin nach Frankfurt am Main begleiten und interviewen. „Wenn das Flugzeug abstürzt, würde sich die ganze Geschichte Europas anders entwickeln,“ soll er gesagt haben. Der 141 minütige Film folgt dem so naiv gutgläubigen wie couragierten Journalisten mit dem Blick für die Zusammenhänge der Weltpolitik nach Moskau und weiter in die Ukraine. Er will über Stalins Misswirtschaft berichten, die Millionen von Hungertoten bis hin zu Kannibalismus verursacht. Das trachten die Russen zu verhindern und auch sein Landsmann und Pulitzer-Preisträger Walter Duranty (Peter Sarsgaard), der in seinen Berichten in der New York Times für Stalin Wesentliches verheimlicht oder beschönigt. „Zu pathetisch“, grätscht das wandelnde Filmlexikon mit dem grauen Dirigenten-Wuschel vor uns in die Unterhaltung. „Großes Kino“, meinen wir. Ein Film voller Bewegung. Beispiele sind die volle Fahrt voraus dahin dampfenden Lokomotiven oder Mr. Jones selbst einmal bei der Flucht durch den Schnee oder auf dem Fahrrad hin zur Wahrheitsverkündung gegenüber dem Zeitungs-Magnaten Hearst. Leider wurde Mr. Jones nur 30 Jahre alt, erschossen in der Mongolei. Er wusste zu viel.