Weihnachtsfilmfestival 2018

Weihnachtsfilmfestival 2018

Bereits zum dritten Mal wirft das Weihnachtsfilmfestival - das internationale Festival der unkonventionellen Weihnachtsfilme einen weit schweifenden Blick auf die liebens- und fragwürdigen Seiten der winterlichen Feiertage. Beiträge aus über 25 Ländern bieten ein alternatives, einzigartiges Filmprogramm sowohl für Freunde der Weihnachtszeit als auch Weihnachtsmuffel.

7 Spielfilme und 78 Kurzfilme umfasst das diesjährige Weihnachtsfilmfestival im Moviemento Kino Berlin, darunter sind viele Premieren zu finden.
Eröffnet wird das Weihnachtsfilmfestival 2018 am 21.12., dem "Kurzfilmtag". Zu diesem besonderen Anlass beginnt das 3. internationale Festival der unkonventionellen Weihnachtsfilme mit 3 Kurzfilmprogrammen und zelebriert den Winter, das Leben und die dunkelste Nacht des Jahres.
Die weiteren Kurzfilmblöcke des Festivals befassen sich mit den Themen Religion und Glauben, Essen und Trinken, Familie, dem Umgang mit Schicksalen und der klassischen Weihnachtsgeschichte, neu interpretiert.

Die Spielfilme führen die Zuschauer zum einen nach Italien, wo Jesus leibhaftig wieder auf die irdische Welt zurück kehrt. In Südkorea möchte sich Mr. Mo seinen letzten Lebenstraum erfüllen und dreht mit seinem Sohn Stummfilme im Stile von Charlie Chaplin. Und in Kanada geraten wir in chaotischen Familientwist, wenn ein Waisenkind die Furys so richtig aufmischt.
Neben einem humorvollen Horrorfilm, in dem es eine gewiefte Babysitterin gleich mit drei wildgewordenen Hexen aufnimmt, wird mit die Mumins im Winterwunderland erstmalig auch ein Animationslangfilm präsentiert.
In den Dokumentarfilmen werden die Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes in Argentinien thematisiert und leidenschaftlich engagierte MitarbeiterInnen eines winterlichen Freizeitparks in den USA begleitet.

Alle Filme werden in Originalversion mit englischen Untertiteln gezeigt.

Mehr Infos auf der offiziellen Homepage.

19. Japan-Filmfest Hamburg

19. Japan-Filmfest Hamburg
Ende Mai ist es soweit. Vom 23. bis zum 27.05.2018 werden auf dem 19. Japan-Filmfest Hamburg (JFFH) erstmalig drei Filmpreise an außergewöhnliche japanische Filmschaffende und ihre Kinoproduktionen verliehen. Die Festivaljury wählt die Preisträger aus dem Kreis von über 90 in den Partnerkinos Metropolis Kino, 3001 Kino und im Studio-Kino laufenden Filmbeiträgen. Die feierliche Bekanntgabe und Überreichung der Preise erfolgt im Rahmen der jeweiligen Vorstellungen der Siegerfilme.

Als besonderen Ehrengast auf dem 19. JFFH wird die Schauspielerin, Martial-Arts-Künstlerin und Sängerin Rina Takeda (Reborn, Toxic Insects, Karate Girl, High Kick Girl) begrüßt. Sie präsentiert die internationale Premiere ihr neuestes Films Pumpkin Girl (2018).

Aktuelle Informationen zum Programm des 19. JFFH: www.jffh.de

Berlinale 2018 - Angst und Schrecken als Thema

Von unseren Berlinale Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Wir erinnern uns: Einer der größten Schocks, den Norwegen jemals in seiner Geschichte erleiden musste, war das Massaker vom 22.7.2011 durch einen als Polizist verkleideten rechtsextremistischen 32jährigen Amokläufer auf der kleinen Fjordinsel Utøya, 40 Kilometer westlich von Oslo. Bei einem Jugendlager der Arbeiterpartei vom damaligen Ministerpräsidenten und späteren NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg! 69 Menschen verloren dabei ihr Leben. Der gleiche Täter zündete bereits zwei Stunden zuvor eine Autobombe vor dem Bürogebäude des Ministerpräsidenten im Zentrum der norwegischen Hauptstadt. Bei dieser Explosion wurden acht Menschen getötet und weitere zehn Menschen verletzt.

Der norwegische Regisseur Erik Poppe stellte am Montag mit „Utøya 22. Juli“ einen Film gegen das Vergessen vor. Erst am Freitag um 3:00 Uhr morgens wurde sein Wettbewerbsbeitrag fertiggestellt. Es ist der Versuch, das Geschehen in einen Spielfilm zu fassen. Er beginnt mit dokumentarischen Aufnahmen von Überwachungskameras mit dem Bombenanschlag in Oslo, bedient sich dann aber eines besonderen Stilmittels, um die Geschehnisse auf der Insel nachvollziehbar zu machen. Die Kamera klebt ohne Schnitt 72 Minuten lang an Katja, einer fiktiven Teilnehmerin am Feriencamp. Ihr subjektives Empfinden geht in Fleisch und Blut des Zuschauers über. Dieses Stilmittel wurde auch in dem 2015 im Berlinale-Wettbewerb gezeigten Spielfilm „Victoria“ angewendet. Auch dieser Film besteht aus einer einzigen gar 140 Minuten langen Kameraeinstellung, für die der Kameramann Sturla Brandth Grøvlen, übrigens auch ein Norweger, den Silbernen Bären für die beste Kamera bekam.

Es ist interessant, dass der Zuschauer den ganzen Film über genauso wenig Möglichkeiten hat, irgendeiner Form irgendeine Art von Überblick oder Orientierung zu bekommen, was überhaupt los ist. Die Betroffenen denken zunächst an eine unangekündigte Übung. Die jungen Menschen rennen verzweifelt in den Wald. Die Salven der bedrohlich lauten Schüsse reißen nicht ab. Ihre Herkunftsrichtung ist nicht zu orten. Doch dann trifft Katja und damit der Zuschauer auf erste Opfer und die Angst wird eindeutig zur Überlebensangst. Neben der Nachvollziehbarkeit des subjektiven Erlebens macht der Film auch die überaus große Hilflosigkeit sichtbar. Niemand war auf etwas derartiges vorbereitet und den ganzen Film über sind die jungen Menschen dem Geschehen ohne jede Hilfe von außen wehrlos ausgeliefert. Den Täter und Töter sieht man nur einmal schemenhaft von weitem. Es könnten auch mehrere sein. Das Wasser ist zu kalt, um schwimmend zum Festland in Sicherheit zu gelangen. Die Situation scheint aussichtslos. Kitschig, reißerisch, geschmacklos urteilt der Rundfunk-Sender RBB. Ein Film gegen das Vergessen sagt wie der Regisseur das ZDF. „In Worten nicht fassbar“, meint das Nachrichtenmagazin FOCUS. Wann der Film hierzulande in die Kinos kommt und sie sich selbst ein Urteil bilden können, ist noch nicht klar.

Der norwegische Filmregisseur Erik Poppe begann seine Karriere als Pressefotograf. Nach dem Studium am Dramatiska Institutet in Stockholm war er als Kameramann an verschiedenen Spielfilmen beteiligt, bevor er mit „Schipaa“ sein Regiedebut vorlegte, das 1999 im Panorama innerhalb der Berlinale präsentiert wurde. Im vergangenen Jahr war Erik Poppe mit „The King's Choice“, einem Widerstandsdrama, das die Situation in Norwegen unmittelbar nach Einmarsch der Wehrmacht im April 1940 schildert, auf der Berlinale vertreten. Links im Bild Andrea Berntzen, die Hauptdarstellerin der fiktiven Person Katja.
Foto: Peer Kling

Auch für den Kameramann Martin Otterbeck war der Dreh eine Tour de Force. Er ist dem Geschehen mit seiner Handkamera 72 Minuten lang „hinterhergehechelt“. Der Film ist in einem Take entstanden ohne einen einzigen Schnitt. Diese Prozedur wurde an fünf Tagen jeweils einmal durchgehalten. Die beste Version wurde ausgewählt.
Foto: Peer Kling

Die Hauptdarstellerin Andrea Berntzen spielt das fiktive Schicksal von Katja. Sie hat physisch und psychisch eine Höchstleistung vollbracht. „Das Casting ist von entscheidender Bedeutung“, betont Regisseur Erik Poppe und ist stolz darauf, Andrea gefunden zu haben. Andrea hat zudem genau das Durchschnittsalter der Opfer. Sie ist heute 19 Jahre alt. Um alles durchzustehen, wurden die Schauspieler von Psychologen betreut. Um das Gefühl der Bedrohung den ganzen Dreh über aufrecht zu erhalten, waren über Lautsprecher andauernd die Schüsse zu hören. Die Geschichte von „Utøya 22. Juli“ wird aus dem Blickwinkel einer einzigen fiktiven Person erzählt.
Foto: Peer Kling

Eine Überlebende des Massakers von Utøya berichtet auf der Pressekonferenz zum Film von ihrem Er- und Überleben. Überlebende der Katastrophe wurden vor Erstellen des Drehbuchs eingehend befragt. Einige waren aber auch während des Drehs am Ort des Geschehens, um die Schauspieler/innen zu unterstützen.
Foto: Peer Kling

Berlinale 2018 - „Kleines großes Kino“ aus Paraguay, auch ohne eigene Produktions-Gelder

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Ganz besonders bei der Produktion von Filmen entfaltet der Spruch: „Ohne Moos nichts los“ unerbittlich seine volle Gültigkeit. Bei der Berlinale war dieses Jahr erstmalig ein Film aus Paraguay im Wettbewerb zu sehen. In keinem internationalen Wettbewerb wurde bislang ein Film aus diesem südamerikanischen Binnenstaat gezeigt. In Paraguay, von der Fläche her, so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen, gab und gibt es ganz einfach kein Budget für Filme noch nicht einmal für solche, die die gewünschte politische Richtung propagieren. Dennoch konnte mit Hilfe internationaler Gelder, genauer gesagt durch MEDIA, den Filmförderungstopf der EU „Las herederas“ als paraguayischer Film entstehen. „Die Erbinnen“, so die Übersetzung ins Deutsche, ist ein Film der zwischen den gesprochenen Zeilen und zwischen den gezeigten Bildern verstanden werden will. Vordergründig geht es in diesem verhaltenen Drama um Geld, genauer um die Schulden eines schon etwas älteren Paares, das in diesem Fall aus zwei ungleichen Frauen besteht, Chiquita und Chela. Das geerbte Inventar ihrer gemeinsamen Wohnung müssen sie verkaufen. Jedes einzelne Stück dieser antiken Kostbarkeiten ist mit persönlichen Erinnerungen verbunden. Dennoch kommt die extrovertierte Chiquita wegen Überschuldung ins Gefängnis. Das Bild der kolonial geprägten Bourgeoisie verblasst. Regisseur Marcelo Martinessi wollte, wie er auf der Pressekonferenz erklärt, die Übermacht der Banken verdeutlichen, die eine harmlose Frau einfach einsperren lassen können. In der Haft kann sich die Dame aus guter Gesellschaft den wirklich Kriminellen kaum entziehen. „Ich glaube, wir haben das korrupteste Justizsystem, das man sich nur vorstellen kann“, ergänzt er. Paraguay ist ein Land mit weiten Sumpflandschaften, eben auch im übertragenen Sinne.

Das Leben der introvertierten und passiven Chela ändert sich schlagartig, denn nun ist sie gezwungen, ihre Staffelei und das Haus zu verlassen. Sie muss ab jetzt ihr Leben alleine organisieren. Dabei entdeckt sie für sich völlig neue Möglichkeiten. Der Weg in die Emanzipation ist frei. Die Begegnung mit der jungen und aktiv lebensfrohen Angy (Ana Ivanova) lockt sie aus der Reserve. Chela entdeckt ihre eigenen Sehnsüchte neu. Es sind schon sensible Antennen erforderlich, um als Nichtkenner des Landes die miserablen Zustände nach dem parlamentarischen Staatsstreich im Jahre 2012 als das eigentliche Film-Thema zu erkennen. Die dunklen Farben der Interieurs sind ein Hinweis. Nach der Vorführung schildert eine Journalistin ihr Heimatland dem internationalen Pressepublikum so: „Wir leben in einer Hölle.“

Gefühlt fehlt diesem Filmbeitrag zwar das Zeug zum Kassenschlager und in der Liste der deutschen Filmstarts 2018 fehlt dieser Titel bislang. Das ist schade, denn das stille Drama ist eigentlich voller Hoffnung. Chela bricht aus ihrer melancholisch-depressiven Lethargie aus, durchbricht die Kette, wird frei. Die Darstellerin der Chela, Ana Brun hat keine Schauspielkarriere hinter sich, aber sie sieht in ihrer ersten Filmrolle deutlich Parallelen zu ihrer Wirklichkeit: „Der Film spiegelt mein Leben wider.“ Margarita Irún, die Darstellerin des Gegenparts Chiquita hat fast ein halbes Jahrhundert Schauspielerfahrung, „kaum einen Charakter, den ich noch nicht gespielt habe, aber ich habe vor 40 Jahren aufgehört zu rauchen und fragte mich nun, WIE soll ich für diesen Film die Zigarette halten, wie Kaffee trinken und was wie sagen?“ gesteht sie auf dem Podium.

Foto: Peer Kling

Foto: Peer Kling

Foto: Peer Kling

Morgen startet die 68. BERLINALE

Die Filmfestspiele Berlin werden erstmalig mit einem Trickfilm eröffnet

Von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Zum ersten Mal in der Geschichte der Berliner Filmfestspiele eröffnet mit Wes Andersons „Isle of Dogs“ ein Animationsfilm die Berlinale. Das Publikum scheint sehr gespannt auf die Berliner Weltpremiere, denn allein schon der Trailer fand bereits an die zwölf Millionen Zuschauer und hat über 7000 Personen zu Kommentaren veranlasst. In den USA kommt der Film am 23. März in die Kinos. Die deutschen Kinofans müssen sich bis zum 10. Mai gedulden. Der deutsche Verleihtitel wird „Isle of Dogs – Ataris Reise“ sein. In dem Stop-Motion-Animationsfilm sucht der japanische Junge Atari auf einer Insel evakuierter Hunde nach seinem geliebten verlorenen Haustier.
Die Handlung beginnt in Japan 20 Jahre in der Zukunft. Dem zwölfjährigen Atari Kobayashi kommt sein Hund abhanden. Daraufhin macht sich das junge Herrchen auf die Suche nach seinem heiß geliebten Vierbeiner. Es wird eine Reise voller Abenteuer und Gefahren, denn um seinen verlorenen Freund zu finden, begibt sich der Junge per Flugzeug auf jene verseuchte Quarantäne-Insel, auf die alle Hunde nach einer Plage und anschließenden Hundegrippe ausgesetzt wurden.

Zum Glück erhält Atari bei seiner Suchaktion auf der Insel der Hunde Unterstützung von Rex (Edward Norton), Duke (Jeff Goldblum), Boss (Bill Murray) und Chief (Bryan Cranston). Die in Klammern gesetzten Schauspieler sprechen die Figuren der amerikanischen Filmversion. Außer Bryan Cranston haben sie bereits alle in anderen Wes Anderson-Filmen mitgewirkt.
Der am 1. Mai 1969 in Houston geborene Wes Anderson zeichnet sich durch eine Kombination von formaler Strenge und erzählerischer Leichtigkeit gepaart mit einer von skurrilen Gestalten verkörperten unbändigen Fantasie aus. Mit „Grand Budapest Hotel“ hat er 2014 schon einmal eine Berlinale eröffnet. 2001 war sein „Die Royal Tenenbaums“ erschienen. In seinem Film „Der fantastische Mr. Fox“ trat er bereits 2009 mit einem Stop-Motion-Trickfilm in Erscheinung. Anderson ließ sich für „Isle of Dogs“ vom japanischen Kino und speziell von Yasujiro Ozu, zu dessen glühenden Verehrern auch Wim Wenders zählt, inspirieren. In Andersons bisherigen Filmen hatten Hunde schlechte Karten. Bei den „Royal Tenenbaums“ wird ein Welpe überfahren und in „Moonrise Kingdom“ beendet ein Pfeil das Leben eines Hundes. Aber das wird sich ja nun ändern. Zu den beliebtesten Stop-Motion-Filmen gehören bisher die Wallace & Gromit Abenteuer. Wie lange wird es wohl dauern bis Isle of Dogs ihnen den Rang abläuft?


Der Animationsfilm „ISLE OF DOGS“ von Wes Anderson eröffnet die 68. Berlinale
Foto: Berlinale, © 2017 Twentieth Century Fox

Der Regisseur von „ISLE OF DOGS“ Wes Anderson
Foto: Berlinale

In diesem Jahr gehen 19 Filme in das Rennen um den Goldenen Bären. Unter den Wettbewerbsfilmen befinden sich auch vier Produktionen aus Deutschland, die wir einmal näher betrachten wollen.

Zu den deutschen Kandidaten gehört auch wieder Christian Petzold. Als 2012 die Mechanik des Terrors den Wettbewerb als zentrales Thema dominierte, leistete er mit "Barbara" einen Beitrag über Angst und Überwachung. Nun geht er mit dem Flüchtlingsdrama "Transit" an den Start. Sein achter Kinofilm, mit Franz Rogowski und Paula Beer in den Hauptrollen, orientiert sich frei an dem gleichnamigen Weltkriegs-Roman von Anna Seghers. Regisseur Petzold verlegt die Geschichte ins heutige Frankreich. Der politische Flüchtling Georg entgeht in Paris seiner Verhaftung und gelangt in den Besitz der Ausweispapiere des toten Schriftstellers Weidel, dessen Identität er annimmt. Nach Marseille geflüchtet, hofft er mit politischen Gesinnungsgenossen zusammenzutreffen. Stattdessen begegnet ihm Marie, die Witwe des toten Schriftstellers. Sie ist unwissend über das Schicksal ihres Ehemanns und wartet schon seit Wochen auf diesen, um gemeinsam nach Südamerika auszuwandern. Georg verheimlicht Marie die Wahrheit und beide beginnen eine leidenschaftliche Affäre...
Wir sind gespannt auf diesen Film, insbesondere ob er Parallelen zu dem von uns sehr geschätzten Film „Frantz“ von François Ozon haben wird.
„Transit“ war das gemeinsame Lieblingsbuch von Petzold und seinem Filmemacher-Freund Harun Farocki. Beide haben den autobiografischen Seghers-Roman jedes Jahr aufs Neue gelesen. Petzold erkennt in dem „In-die-Welt-Geworfensein“ seine eigene Geschichte wieder. Er und der 2014 verstorbene Farocki entwarfen zunächst eine gemeinsame Drehbuchfassung, die sich stilistisch eher an dem französischen Nouvelle-Vague-Film „Außer Atem“ (1960) von Jean-Luc Godard orientierte. Später ließ Petzold diesen Gedanken fallen und schrieb ein eigenes Drehbuch, wonach der Film von Mai bis Juli 2017 an Originalschauplätzen in Marseille gedreht wurde. Petzold begreift die Hafenstadt als „Tür“ zur Welt, aber auch als ein „Gefängnis“ für die Flüchtenden in seinem Film.
Der deutsche Kinostart ist für den 5. April 2018 geplant.


Paula Beer und Franz Rogowski übernehmen die Hauptrollen in dem Film „TRANSIT“ von Christian Petzold
Foto: Berlinale, © Schramm Film / Marco Krüger


Christian Petzold, der Regisseur von „TRANSIT"
Foto: Berlinale, © Schramm Film / Marco Krüger
Franz Rogowski spielt noch eine Hauptrolle in einem weiteren Wettbewerbsfilm: Regisseur Thomas Stuber erzählt in dem Liebesdrama „In den Gängen“ von einer Beziehung zwischen zwei Menschen, die auf der Verliererseite stehen. An der Seite von Rogowski agiert Sandra Hüller, eine der wandlungsfähigsten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Theater und Film („Requiem“ (2006), „Der Architekt“ (2008), „Über uns das All“ (2011), „Toni Erdmann“ (2016)).

In den Gängen“ eines Großmarktes, so auch der Filmtitel, verliebt sich der zurückhaltende Gabelstapler-Fahrer Christian (Franz Rogowski) in seine Süßwaren-Kollegin Marion (Sandra Hüller).
Foto: Berlinale-Filmplakat

Der Film basiert auf der gleichnamigen Erzählung von Clemens Meyer. Das Drehbuch entstand gemeinsam mit seinem Freund Thomas Stuber und wurde während der Berlinale 2015 mit dem Deutschen Drehbuchpreis ausgezeichnet. Die beiden Leipziger haben bereits mehrfach zusammengearbeitet, unter anderem bei dem Überraschungserfolg „Herbert“. Clemens Meyer wurde bekannt mit dem Wenderoman „Als wir träumten“, dessen Verfilmung unter der Regie von Andreas Dresen 2015 im Berlinale-Wettbewerb zu sehen war.

In dem in Schwarz-Weiß gedrehten Porträt „3 Tage in Quiberon“ zeichnet Filmemacherin Emily Atef das L(i)ebensdrama von Romy Schneider nach. Die Titelrolle übernimmt die 1969 in Düsseldorf als Architektentochter geborene Marie Bäumer, die seit ihrem Durchbruch mit Detlev Bucks „Männerpension“ (1995) mit rund 50 TV- und Kinoproduktionen ihr Publikum erfreute. Sie lebt schon lange nicht mehr an der Düssel, sondern in einem Dorf in der Provence nicht weit von Avignon. Neben ihrer Muttersprache Deutsch spricht sie fließend Französisch, Englisch und Italienisch. Mit von der Partie sind: Birgit Minichmayr und Charly Hübner. Kinostart: 12.4.2018


Marie Bäumer in dem Romy-Schneider-Biopic „3 Tage in Quiberon“ in der Regie von Emily Atef
Foto: Berlinale / © Rohfilm Factory / Prokino / Peter Hartwig

Als vierter deutscher Kandidat geht das Familiendrama „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ von Philip Gröning ins Rennen, der bei seinem sechsten Langfilm auch für´s Drehbuch und die Produktion verantwortlich zeichnet. Im Mittelpunkt der Handlung stehen 48 Stunden im Leben eines jugendlichen Zwillingspaares. Die 19-jährige Elena, gespielt von Julia Zange, bereitet sich auf ihre mündliche Abiturprüfung im Fach Philosophie vor. Ihr Zwillingsbruder Robert, gespielt von Josef Mattes unterstützt sie. Als Lernort dient die ländliche Tankstelle, in der beide viel Zeit verbracht haben. Die Geschwister verbindet eine Hassliebe miteinander. Elena ist intelligent und beherrschend und bezeichnet ihren Bruder als dumm. Robert sehnt sich danach, die Provinz zu verlassen. Das Verhältnis der beiden wird noch durch Roberts Liebe zu Elenas bester Freundin Cecilia verkompliziert. Rituale, Zwillingsspiele, Wetten, Ausbrüche von Hass und zärtlicher Nähe sowie ein philosophischer Diskurs, speziell zu den Thesen aus Martin Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“ wechseln sich ab. Sowohl Elena als auch Robert ist bewusst, dass der bisherige Lebensabschnitt bald enden wird und sich ihre Wege trennen werden.
Wir erwarten diesen Film mit Spannung. „Sein und Zeit“ habe ich, Peer, gelesen, aber nie verstanden, zwar jedes Wort, aber die Sätze im Zusammenhang nicht, weil die Bedeutung der Wörter bei Heidegger eine ganz andere ist als im alltäglichen Sprachgebrauch. Vielleicht gibt mir der Film ja eine zweite Chance. Sehr beeindruckt hat mich Grönings Dokumentarfilm aus dem Jahre 2005 über ein Schweigekloster, den ich beim größten niederländischen Filmfestival der Niederlande in Rotterdam in einem fast leeren Kino sah: „Die große Stille“, belohnt mit dem Europäischen Filmpreis. Bei dem fast dreistündigen Film ohne Pause bekam ich fast das Gefühl, als sei ich selbst dem Schweigekloster beigetreten.


„Die Zwei von der Tankstelle“ verlieren in „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ als Zwillinge den Draht zueinander und werden künftig getrennte Wege gehen.
Foto: Berlinale / © 2017 Philip Gröning

Den Vorsitz der international besetzten Jury übernimmt dieses Jahr der deutsche Regisseur, Drehbuchautor, Filmkomponist und Produzent Tom Tykwer. Er vermisst, wie er dem Nachrichtenmagazin „Focus“ anvertraute „wilde und sperrige Filme“. Als Grund dafür sieht er „eine Verschiebung zum Spektakel und ein Primat der Wirtschaftsförderung sowie eine Tendenz mancher Filmschulen zur Hochglanzkultur, Technikversessenheit und Veredelungsästhetik, die mit Filmemachen eigentlich nichts zu tun hat.“ Einen Heimvorteil möchte er den deutschen Beiträgen nicht einräumen.

Zehn Tage lang ist Berlin der supraleitende Magnet für Filmleute aus aller Welt. Die Leute der „Branche“ sind ohnehin schon vor Ort. Also macht es Sinn, neben der Berlinale selbst auch Parallelveranstaltungen auf- und anzubieten. So lädt der Verband der deutschen Filmkritik am Aschermittwoch also einen Tag vor Beginn der Filmfestspiele zur Auftaktkonferenz der „Woche der Kritik 2018“. Hinter dem so einfallsreichen wie vielleicht auch etwas irreführenden Titel: „MALEN NACH ZAHLEN?“ wollen die Veranstalter der Frage nachgehen: Wie denken Filmemacher, Filmförderer und Kinobetreiber über das Publikum? Bei den „Zahlen“ geht es zum einen um´s Geld, worum auch sonst? Es geht also um Fördergelder und um Produktionskosten. Dagegen gerechnet werden zum anderen immer die Besucherzahlen oder anders ausgedrückt die Einspielergebnisse. In der Filmkunst wie überhaupt im Kulturbetrieb sind Rangeleien um das liebe Geld ein steter Begleiter des Schaffensprozesses der Kreativen. Projekte scheitern, weil sie niemand bezahlen kann oder will. Die einen regen sich auf, weil der Geldhahn zugedreht bleibt und ihr Kreativitätspotenzial nicht zur Entfaltung kommt. Die anderen reden von Verschwendung, wenn großzügig Fördergelder für ein in ihren Augen überflüssiges Vorhaben fließen.
Jüngst hat die Filmförderungsanstalt (FFA) beschlossen, fast nur noch Filme zu finanzieren, die von mindestens 250.000 Zuschauer/inne/n im Kino gesehen werden – als vorausgeschickte Erwartung. Eine gute Gelegenheit, einmal offen danach zu fragen, wie in Deutschland und international über das Publikum nachgedacht wird. Immerhin nennt sich auch die Berlinale immer wieder Publikumsfestival. Welche Auswirkungen kann es im Positiven wie Negativen haben, Besucherzahlen als Erfolgskriterium für künstlerische Arbeiten zu setzen? Und wie lässt sich Publikum überhaupt für Kino begeistern? Mit dabei sind: Christian Bräuer, Geschäftsführer der Berliner Yorck Kinos und Mitinitiator der neuen Leitlinien der FFA; Anna de Paoli, Filmproduzentin („Der Samurai“, „Dr. Ketel“) und Leitende Dozentin im Studiengang „Produktion“ an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin; die ehemalige Produzentin Maria Köpf, jetzt Geschäftsführerin der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein; Stephan Wagner, Regisseur („Die Akte General“, „Der Stich des Skorpion“) und Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Regie.


Bei der Woche der Kritik geht es vor allem um die Kino-Zuschauer, die sich, wie hier im Bild zu sehen, besser ein blechernes Kleid als Rüstung zulegen sollten.
Foto: Veranstalter, Bildquelle: HAZ-Hauschild-Archiv, Historisches Museum Hannover

Die „LA LA LAND in Concert“-Welttournee macht Station in Deutschland

(c) La La Land © 2017 Summit Entertainment, LLC. All Rights Reserved.

Der globale Kinohit LA LA LAND brachte weltweit mehr als 430 Millionen US-Dollar ein und gewann 6 Oscars®. Unter anderem erhielt die weibliche Hauptdarstellerin Emma Stone den Oscar in der Kategorie "Beste Schauspielerin". Sie brilliert an der Seite von Ryan Gosling (bei den Oscars® nominiert in der Kategorie "Bester Schauspieler") und John Legend, dessen Musikaufnahmen ein wichtiger Bestandteil dieser Veranstaltung sind. LA LA LAND entführt die Zuschauer in die Welt der aufstrebenden Schauspielerin Mia und des Jazzmusikers Sebastian, die versuchen, sich in einer Stadt voller zerplatzter Träume und gebrochener Herzen durchzuschlagen. Der originelle Musical-Film spielt im heutigen Los Angeles und handelt vom alltäglichen Streben nach Glück und herben Rückschlägen beim Verfolgen von Träumen.

Ein Besuch der Show LA LA LAND in Concert ist ein einzigartiges und unvergessliches Erlebnis. Ein mehr als 100-köpfiges Symphonieorchester und ein Chor sorgen live für die musikalische Untermalung des mit dem Oscar® ausgezeichneten Films.

Die Weltpremiere von LA LA LAND in Concert fand am 26. und 27. Mai 2017 auf der spektakulären Freilichtbühne Hollywood Bowl in Los Angeles vor ausverkauftem Haus statt – eine einzigartige Kombination aus Kinofilm und Livemusik von ein Orchester.

In Deutschland macht LA LA LAND in Concert in folgenden Städten halt:
07. Januar 2018 – Regensburg, Donau-Arena
08. Januar 2018 – Berlin, Tempodrom
09. Januar 2018 – Leipzig, Arena
10. Januar 2018 – Stuttgart, Liederhalle, Beethoven-Saal
11. Januar 2018 – Hamburg, Mehr! Theater

WEITERE INFOS: www.lalalandinconcert.de

Faire les marches? Yes, we CAN NES!

Ein etwas peersönlicher Bericht vom größten Filmfestival der Welt, das gerade seinen 70ten Geburtstag feierte – „Le cinéma, c´est comme l´amour...“


Die Berlinale habe ich schon über 30 mal erlebt, aber noch nie das Festival in Cannes. Es ist das größte der Welt, wie ich dazu gelernt habe. Dachte bislang, irgend eines in den USA sei bigger & better. Nein, la grand nation ist überlegen. Fronk-raich, Fronk-raich! Ich gönne es den Franzosen und mir. Einmal im Jahr trifft sich die ganze Welt des Films in Cannes. Es wimmelt tatsächlich nur so von Filmgrößen, wenn auch nicht „zum Anfassen“. Die Prachtstraße Le Boulevard de la Croisette (Kreuzchen), kurz die Croisette parallel zum (angekarrten) Sandstrand gehört für zwölf Tage ganz dem Kino. Die Stadt, mit 73 750 Einwohnern eigentlich nur gut doppelt so groß wie Jülich, wird dafür komplett auf den Kopf gestellt, auch die Straßenführung samt der Buslinien. Die Häuserfassaden verschwinden hinter Filmplakaten, deren Größe als Segel ausreichte, um die Welt zu segeln. Aber wozu? Die Musik spielt doch hier! Am Strand wird ein Riesenkino aufgebaut. Die Millionen-Yachten der Filmproduzenten liegen frisch poliert dem Festival-Palais buchstäblich zu Füßen. Die Einwohner fliehen vor dem Rummel und vermieten ihre Wohnungen. Das Who-is-Who des internationalen Films fliegt ein und hat diesmal den 70ten Geburtstag des Festivals gebührend gefeiert mit lauter kleinen und großen Liebeserklärungen an das Kino. „Le cinéma, c'est comme l'amour, quand c'est bien, c'est formidable, quand c'est pas bien, c'est pas mal quand même.“ (George Cukor, 1899-1983, 1965 Oscar: Beste Regie für My Fair Lady) Also: „Das Kino ist wie die Liebe. Wenn es gut ist, ist es umwerfend. Wenn es nicht so gut ist, ist es dennoch nicht schlecht.“ Cukor gilt als der Filmregisseur, der Frauen zu schauspielerischen Höchstleistungen animieren konnte. Wie auch immer.

„Côte d’Azur, vell zu dür“, witzelte meine Chor-Mitsängerin Antje vor meiner Abreise auf Kölsch. Zugegeben, ich hatte immer Angst vor Cannes. Dass ich nicht in die Filme komme, dass es zu teuer ist, dass ich da irgendwie verloren und untergehe. Ich habe abermals dazugelernt. Das Team vom Filmstudio an der RWTH Aachen, namentlich Dr. Markus a Campo, seines Zeichens Cannes-Kenner, hat mich adoptiert und ich fiel ins gemachte Nest. Drei Männer, ein Auto, zwölf Stunden Fahrt. Yes, we Can nes! Etwa alle drei Stunden Fahrerwechsel. Mit zeitweise sieben Leuten, haben wir eine Ferienwohnung 20-Busminuten außerhalb gemietet. Ich schlafe in der Küche auf einem Bettsofa, mal allein, mal geteilt mit Markus und zuweilen liegt vor mir auf dem Fußboden noch eine Medizinstudentin, die ich noch nie gesehen habe. Mir unverständlich, aber sie brauche es so für ihren Rücken. In dem eng geschnittenen Apartment klappt die einzige Toilettentür nur auf und zu, wenn einige Randbedingungen erfüllt sind. Schranktür im Flur gegenüber ZU, Zimmertür ZU, Badezimmertür, entweder ganz AUF oder auch ZU. Die sieben Personen haben einen Badezimmer-Zeitplan und spielen sozusagen TETRIS oder Magic Cube, um nach einigen Verschiebereien ihr Ziel zu erreichen. Cannes perfekt, aber ohne Übermaß an Luxus. Wie hieß doch gleich der Film mit Joachim Król? „Wir können auch anders.“ Aber das Essen, wie Gott in Frankreich! Ein gigantischer Supermarkt als Konglomerat von Feinkostabteilungen. Die Kette heißt denn auch Géant. Wir kochen selbst oder gehen essen. In´s Bier schütten wir einen Schuss Picon Bière. Das haben wir aus einem Film mit Michel Piccoli gelernt. Diesen appetitlichen Verstoß gegen das Reinheitsgebot gibt es nur in Frankreich und ab jetzt in Dürboslar. Eine Melodie meiner Kindheit kommt mir in den Sinn: „Erst mal entspannen, erst mal ...“

Wir sind also angekommen und „wohnen auch schon“. Und zudem auch schön mit Pünktchen auf dem Oh, denn wir frühstücken auf einer Terrasse mit Blick auf das Mittelmeer. In Pausen tauchen wir kurz im Meer unter. Ziel erreicht? Ne, noch nicht ganz. Wir wollen doch „DIE TREPPE MACHEN“ also „faire les marches“. Die Cannes Erfahrenen haben es mir schon vorher eingebläut. „Peer, Du brauchst eine spezielle Ausrüstung, einen Smoking, US-englisch Tuxedo, kurz „tux“, englisches Englisch: A Dinner Jacket, kurz DJ. Dazu schwarze Schuhe und eine Fliege. Bloß keinen Schlips! Das wäre der Griff zum Rausschmeißen. Damit würden sie Dich aus der Menge zerren und abschieben.“ „Hm, kein Problem. Hab´ ich alles. Habe ich früher mal gebraucht und sieben mal leihen ist so teuer wie einmal kaufen. Ich habe damals investiert, jetzt wird endlich amortisiert. Ich hatte das Teil bislang nur zweimal an, aber es passt mir noch immer, na, ja, ehrlich gesagt, wieder.“ Im Angebot sind nun über 1000 meist neue Langfilme, verteilt auf Kinos in ganz Cannes und noch einmal mindestens ebenso viele Kurzfilme. Diese können wir auch an rund 30 PC-Plätzen in der Filmmesse schauen. Beim 70ten blickt man natürlich auch zurück, eine Retrospektive voller Perlen macht die Auswahl nicht leichter, und auswählen muss man, „einmal alles“ geht nicht. Die Lizenz zum Gucken manifestiert sich im sogenannten Badge, ein Kreditkarten großes Stück Plastik mit unserem Konterfei, das alle um den Hals hängen haben. Durch die Akkreditierung über das Filmstudio hatten wir die Möglichkeit für jeweils 300 Euro ein Market Badge zu kaufen und können damit im Prinzip alle zur Vorführung gelangenden Filme sehen. Bloß für die offiziellen Vorführungen im Palais benötigen wir zusätzlich namentlich ausgestellte Papierkarten, die wir über eine Art Glücksspielautomaten beantragen können. Am Tag darauf sagt dieser uns dann, ob hip oder hop. Die größte Chance zu gewinnen, besteht bei dem 8:30 Termin morgens. Wir bemühen mehrmals das Fassbinder-Zitat: „Schlafen kann ich, wenn ich tot bin.“ Immerhin habe ich morgens in neun von zehn Fällen die Ferienwohnung MIT Frühstück verlassen. Markus ist da härter im Nehmen. In seiner Routine trinkt er morgens noch nicht einmal einen Kaffee. Dann auf dem Weg zum Kino ein Croissant und am Obststand ein paar Mandarinen. Gegessen wird im Stehen oder Gehen, jedenfalls VOR dem Eintritt ins Kino, denn da habe ich schon mein Baguettebrötchen abgenommen bekommen und auch die Halbliterflasche Wasser. Nach dem Terroranschlag im 33 km entfernten Nizza am Nationalfeiertag des letzten Jahres mit 86 Todesopfern aus 20 Nationen und mehr als 400 zum Teil schwer Verletzten ist die Panik vor einem Sprengstoff-Baguette groß und die Sicherheitsvorkehrungen sind immens.

Eigentlich möchte ich vor allem Filme sehen, aber zuweilen ist ja der Weg das Ziel. Die Stufen (les marches) zum Kino im Palais überwinden so einige Höhenmeter bis in den Film-Himmel. Das baut Kalorien ab und macht Durst. In Cannes zählt das „FAIRE LES MARCHES“ zum Non-plus-Ultra. Was heißt das eigentlich? Wörtlich: „Die Stufen oder halt die Treppe machen“. Es gibt Filmtitel, die so heißen. „Halbe Treppe“ von Andreas Drehsen, 2002. Und es meint keinesfalls „auf die Treppe machen“. Wenn meine Mutter gefragt wurde, ob sie die Treppe gemacht hätte, wollte der Vermieter wissen, ob sie geputzt ist. Anders in Cannes. Da sind die Treppen natürlich längst tipptopp und zudem mit einem roten Teppich ausgelegt und das nicht nur aus Anti-Rutsch-Gründen. Das Zeremoniell ist speziell und sprichwörtlich: Den Teppich abschreiten, die Stufen empor klimmen. Es geht aufwärts. Zuerst kommt das Fußvolk, also ich. Aber auch das ist bereits ein Privileg, denn manch andere werden an der Treppe vorbei durch einen Bypass hineingeleitet in das 2300 Sitzplätze fassende Palais des Festival et des Congrès oder kommen halt gar nicht hinein. Zum Vergleich: In den Berlinale Palast passen 1754 Personen. Mein Dorf Dürboslar hatte vor einem Jahr 656 Einwohner. Zum Schluss kommen die A-Promis. Das Spektakel wird auf Filmleinwände draußen und im Kino übertragen und verkürzt das Warten. Solch ein Kino zu füllen ist eine logistische Aufgabe, die in etwa der viermaligen Evakuierung Dürboslars entspricht.

„Sag´ mal, möchtest Du nicht etwas über die Filme erzählen?“ „Wozu denn, die kommen ja doch alle irgendwann im Kino.“ Das stimmt natürlich nicht so ganz. Das gilt wie bei der Berlinale vielleicht für die Hälfte der Wettbewerbsfilme. Und aus den anderen Programmen verschwindet Gutes im Nirvana. Gut, so viel: Allein schon „Wonderstruck“ von Todd Haynes war für mich die Reise wert. Ich hatte weder Taschentuch noch Sonnenbrille. Aus mir quollen Rotz und Wasser. Das habe ich nicht ahnen können. Es hat mich kalt erwischt. Ein Brillentuch, das ich zufällig auf dem Fußboden fand, war meine Rettung. In dem Film suchen zwei Jugendliche zeitversetzt nach dem verlorenen Familienglück. Filmisch grandios gelöst mit Stummfilmeinlagen in schwarz weiß. Die Figuren entwickeln sich parallel und finden schließlich als des Rätsels Lösung zueinander. Emotionale Achterbahn für einen, der mit neun seinen Vater verloren hat. Peer Kling

Treppenfoto, fast hätte ich gesagt: Treppenwitz
Foto: Anonymer auf der Treppe postierter Profifotograf – Herzlichen Dank!

„J´ai fait les marches“ und das zur Verleihung der PALME d´OR. Das ist für normal sterbliche Cineasten nur noch durch das Erlebnis einer Oscarverleihung zu toppen. Eigentlich hatte ich gar keine Karte. Aber Jens hat mir seine geschenkt. Und eigentlich sind sie namentlich ausgestellt. Da muss man halt ein bisschen zittern, innerlich und vor allem mit der Hand. Der Name ist sehr klein gedruckt. Hintergrund: Er kam nicht mehr in seinen Smoking hinein, „schu dick“. Sein begnadeter Appetit ist mein Glück. Danke, Jens!



Foto: Aram HEKIMIAN

Ich bin in Cannes, und mein Patenkind in München hat Konfirmation. Was tun? „Buch ´n „Fluch“!“ ruft mir meine Frau aus Deutschland zu. „Himmelzackra, schon wieder: Yes, we Cannes“. Dank Jet-Set-Einlage konnte der Familienfrieden gerettet werden. („Dös hot´s in unserer Familije noch nie gehm, doss n Pa-té nöt do is!“) Als Bon-Bon saß ich mit Mario Adorf im gleichen Flieger.


Foto: Peer Kling

72 Croisette: Croisette reimt sich auf Corvette, aber eine Corvette zu lenken, wäre zu prollig. Es sollte schon ein Ferrari, Lamborghini oder Bentley sein. Den bewegt der gestylte Herr dann langsam von Ost nach West und umgekehrt. Am besten, Du setzt Dich draußen in die Brasserie 72 Croisette und schaust zu. Die Lebensaufgabe der Gäste von Cannes ist: „Sehen und gesehen werden.“ Cannes ist ein Festival der Darsteller und Selbstdarsteller. Typische Handy-, ehm Handbewegung: Jemand hält sein Smartphone so weit es geht vor sich und lächelt. Die schicken Autos fahren rauf und fahren runter; rauf, runter. Ja, auch das musste ich erst lernen: Ins Kino kommen die nämlich gar nicht. Die Kinokarten kann man nicht kaufen. Das Stichwort heißt INVITATION. Damen und Herren in schickster Abendkleidung halten gestreckt Din A 4 große flehentliche Bitten auf Papier in den Himmel.