Donnerstag, 24. Januar 2013

Filmtipp: "Die Männer der Emden"


"Die Männer der Emden
"
Filmbesprechung von Peer Kling und Elisabeth Niggemann

(Kinostart in Deutschland: 31. Januar 2013)





Der kleine Kreuzer "SMS Emden" der kaiserlich deutschen Marine wurde im November 1914 nahe den Kokosinseln im Indischen Ozean von dem australischen Kreuzer HMAS Sydney versenkt. „Die Männer der Emden“ bezieht sich auf dieses Stückchen Weltgeschichte und zwar genauer auf eine Gruppe von 52 Mann, die zum Zeitpunkt des Untergangs nicht auf dem Schiff, sondern mit einem Sabotageakt an Land beschäftigt  war und sich nun auf die abenteuerliche Reise nach Hause begibt. Darauf konzentriert sich der Film, verknüpft mit einer Liebesgeschichte, zwangsläufig eine echte Fernbeziehung. In einem zweiten Handlungsstrang verfolgen wir das Hoffen und Bangen der sehnsüchtigen Maria (Felicitas Woll) im Kreise ihrer wohlhabenden Familie. Sie wird durch eine Parallel-Odyssee ebenso sehr in Atem gehalten, wenn auch wesentlich komfortabler.

Orientiert an wahren Begebenheiten, sehen wir in der Regie von Berengar Pfahl ein zweieinhalbstündiges Road-Movie, das jedoch weite Strecken ohne jegliche Road auskommen muss und auch ohne Räder. Alles hätte so einfach sein können. Der Teil der Besatzung hätte sich in Arrest nehmen lassen und in Ruhe den Krieg bei angenehmen Temperaturen abwarten können. Aber das sind ja Männer,  die den Patriotismus durch ihre Erziehung wie einen Schwamm aufgesogen haben. Es liegt nahe, dass sie später den Nazis als gehorsame Vorbilder dienen, die nie aufgeben.  Und so tauschen sie zwangsläufig ihr Schiff zunächst gegen einen Klapperkahn, geraten vom Indischen Ozean über Sumatra durch die Wüsten Arabiens und der Türkei bis in die Heimat nach Deutschland. Das ist eine 13 000 km lange beschwerliche Reise und der Umstieg vom Schiff aufs Wüstenschiff stand nicht auf dem Lehrplan der Marine. Die letzte Etappe in der orientalischen Eisenbahn entbehrt nicht der Romantik des Dampflok-Zeitalters. Lorenz von Arabien klingt auch an als Feind und Beduinenführer.
Die opulenten Wüstenbilder kamen im Kölner Residenzkino sehr gut zur Geltung. Das knapp vor einem Jahr zum Luxuskino der Astor-Gruppe umgebaute Lichtspielhaus sorgt mit Garderobe, Ledersesseln mit Fußhockern und Champus-Kühlern für Behaglichkeit. Also nehmen wir noch einen Schluck von dem Tomatensaft und sind froh, dass der Film die Kämpfe und den Tomaten-Blut-Verbrauch auf ein Minimum beschränkt. Die Binnensicht der Charaktere ist viel interessanter. Mit fortschreitendem Erleben der Teststrecke des Wahnsinns gerät der Kadavergehorsam auf den Prüfstand und kippt. Der Film illustriert nachvollziehbar die Veränderung der inneren Einstellungen. So können aus den gleichen geschichtlichen Fakten Nazivorbilder gebürstet oder auch Antikriegsinhalte gebastelt werden.




Drehorte

Das Museumsschiff "Averof" aus dem Jahre 1914, im Hafen von Piräus in Griechenland gelegen, diente als Kulisse für enggefasste Szenen auf der "Emden". 
Sri Lanka stand Pate für den Indischen Ozean, die Kokosinseln, Padang auf Sumatra, den Strand vom Jemen und für das tiefe Blau des Wassers.
 Ein riesiger Wassertank mit einer Grundfläche von mehreren Fußballfeldern auf Malta, bot die Möglichkeit einen Tropensturm mit Wellen und Regen auf einem 1:1 Schiffsmodell zu inszenieren.
Tunesien bot historische Architektur und Wüste aber leider auch massive Probleme wegen der Revolution.

Als Ersatz für das zerstörte Hohenzollern-Schloss in Berlin diente die zeitgemäß renovierte Wuppertaler Stadthalle aus dem Jahre 1896.



Die Schauspieler und der Regisseur


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Sebastian Blomberg als Kapitänleutnant ("Kaleu") Hellmuth von Mücke
ist der Anführer der "Reisetruppe", in der Soldatensprache also der Kommandant des Landungszuges. Er ergänzt die Film-Dialoge als Ich-Erzähler mit seinem charakteristischen rrrrollendem Rrrrrr. Weite Teile des Drehbuches gehen auf das historische Tagebuch von Mückes zurück, das allerdings lückenhaft war und zudem "für die Öffentlichkeit redigiert" wurde. Von Mücke ist die einzige Figur im Film, der nicht fiktionale Namen und Charaktere zugeordnet wurden. Das relativiert die am Ende des Films berichteten Schicksale oder Werdegänge der Überlebenden, die von der Nazi-Karriere über Gegner der Wiederbewaffnung nach dem 2. Weltkrieg bis hin zum Deserteur reichen. Die einen haben aus der Geschichte gelernt, die anderen nicht. Um die verschiedenen geistigen politischen Einstellungen und  Entwicklungen, ausgehend vom kaiserlichen Hurra-Patriotismus zu illustrieren, setzt der Film seinen Schwerpunkt eher auf exemplarische Schicksale und Geschichten, denn auf im Detail belegte Geschichte.



Ken Duken ("Das Adlon. Eine Familiensaga") als Karl Overbeck, Identifikationsfigur, treuer Liebhaber und eigentlicher (Anti-)Held des Films.



Sibel Kekilli ("Gegen die Wand") spielt in einer dankbaren Nebenrolle Salima Bey, eine Türkin mit deutschen Vorfahren. Sie zieht mit durch die Wüste und findet dabei Aufgaben als Übersetzerin, Flintenweib und Sanitäterin.










Jan Henrik Stahlberg als Friedrich von Schulau
muss in seiner Rolle mehrmals an die Autorität seines Dienstgrades erinnern, um die fehlende natürliche Autorität und seine Misserfolge als Weiberheld auszugleichen.



Oliver Korrittke als Ullrich Kluthe
sorgt als Berliner Kodderschnauze mit Herz auf See und in der Wüste für Lokalkolorit.



Felicitas Woll als Maria von Plettenberg - 
nicht mit auf dem Plakat, im Film dagegen von drei Männern begehrt, verleiht dem Film als Gegenpol zur Schroffheit der Marine-Männer eine weibliche Note.



Regisseur Berengar Pfahl, hier ein Bild aus der WZ ist 1946 in Mülheim an der Ruhr geboren und begann nach Studien in Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften 1973 mit Kurzfilmen für "Die Sendung mit der Maus". Nach über 80 TV-Movies, Serien, Dokumentationen und auch Kinofilmen präsentiert er nun "Die Männer der Emden" als neueste Regiearbeit. Er ist geschäftsführender Gesellschafter der seit 1974 existierenden Berengar Pfahl Film GmbH, die "Die Männer der Emden" zum Teil unter den sehr schwierigen Bedingungen zur Zeit der Revolution in Tunesien produziert hat. Berengar Pfahl setzt bei all seinen Produktionen auf glaubwürdige Hauptfiguren und lebensnahe Geschichten. Die Epoche zu Beginn des 1. Weltkrieges interessiert ihn als Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, einhergehend mit der Industrialisierung, verbunden mit weitreichenden Erfindungen, begleitet von einem geisteswissenschaftlichen Aufbruch. Seine politische Einstellung belegt der Regisseur, indem er Filmemacher auf Sri Lanka und im Senegal finanziell und durch persönlichen Einsatz unterstützt.





Netter Zufall

Klar, dass für die SMS Emden die gleichnamige Stadt Pate stand. Und diese wiederum ist sozusagen auch der Heimathafen für einen international bekannten Sohn dieser Stadt. Es ist der Filmregisseur von "Das Boot", Wolfgang Petersen. Der Kreis schließt sich, die Welt der Ozeane ist klein.
Die Überlebenden des letzten Gefechts des nach dieser Stadt benannten Kleinen Kreuzers SMS Emden erhielten übrigens das Recht, den vererbbaren Namenszusatz "-Emden" anzunehmen.



Verschiedene Filmversionen

Der in der Pressevorführung gezeigte Directorscut war 147 Minuten lang. Es gibt auch eine 110 Minuten Kino Version. Der TV-Zweiteiler setzt sich aus zwei mal 90 Minuten zusammen.



Die Besetzung: http://www.die-maenner-der-emden.de/besetzung.html
Trailer: http://www.die-maenner-der-emden.de/
Bildergalerie mit 30 Bildern: http://www.die-maenner-der-emden.de/galerie.html


Die Emden



Je 361 Mann Besatzung zählte die 1908 in Danzig vom Stapel gelaufene SMS Emden, die noch mit einer Kolbenmaschine ausgestattet war im Gegensatz zu ihrem Schwesternschiff Dresden mit Turbinenantrieb.

(Seitenriss aus Köhlers Flottenkalender von 1910 / Wikipedia)


Und wenn Ihr schon immer wissen wolltet wofür "SMS" eigentlich steht. 
Es ist die Abkürzung für "Seiner Majestät Schiff". :-)