Freitag, 21. Dezember 2012

54. Nordische Filmtage Lübeck 2012


Die Filmtage finden seit 1956 alljährlich in der ersten Novemberwoche in Lübeck statt. Sie werden von der Hansestadt zusammen mit den Filminstituten der nordischen und baltischen Länder veranstaltet. Auch Norddeutschland ist mit im Boot. Alljährlich werden hier aktuelle, aber auch historische Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme vorgestellt. Die Nordischen Filmtage Lübeck sind mit rund 24.000 Besuchern ein großes Publikumsfestival und ein wichtiger Treffpunkt für die Filmbranche aus Deutschland sowie Nord- und Nordosteuropa.

"Bester Film"
Der bedeutendste von den insgesamt neun vergebenen Filmpreisen des Festivals dient gut als Indikator für Filme, die Du selbst vielleicht auch einmal sehen möchtest. Es ist der von den Lübecker Nachrichten vergebene Publikumspreis. Er beruht auf dem Abstimmergebnis aller Besucher. Und die Wahrscheinlichkeit, dass solche Filme auch hierzulande bald in die Kinos kommen, ist sehr groß. "The winner is": "Die Jagd" des dänischen Regisseurs Thomas Vinterberg.

Der 43jährige Thomas Vinterberg lebt mit seiner Familie in seiner Geburtsstadt Kopenhagen, in der er 1993 die Danske Filmskole mit "Sidste omgang" abschloss, wofür er eine Oscar-Nominierung erhielt. Nur zwei Jahre später begründete er zusammen mit Lars von Trier und anderen die Dogma-95-Bewegung. Sein "Fest", der erste Dogma-Film überhaupt, erregte in Cannes größte Aufmerksamkeit. Der bis dahin als Überflieger aufgefallene Vinterberg setzte sich damit selbst eine extrem hohe Messlatte, an die er mit "It's all about Love" und "Dear Wendy" nicht mehr heran reichte. Aber nach "Wendy" kam die Wende. Mit "Submarino" war er 2010 im Berlinale Wettbewerb vertreten. Und mit "Die Jagd", die 2012 im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes lief, ist er wieder ganz in seinem Element, dem hoffnungsvollen Humanismus, dargeboten in "thrillernder" Hitchcock-Qualität. Lübeck hat es ihm gedankt.

Mehr Preise als Hände: Thomas Vinterberg erhielt für "Die Jagd" den Baltischen Filmpreis, den NDR-Spielfilmpreis, die er beide in seiner Rechten hält. Mit links schwenkt er den Publikumspreis der Lübecker Nachrichten. Die gläsernen Trophäen symbolisieren insgesamt 17.500 Euro, wobei der Baltische Filmpreis vor allem Ehre transportiert.
Foto: W.D. Turné, Nordische Filmtage Lübeck

Die Jagd als Rahmenhandlung und Sinnbild eines gemeinschaftlichen Rituals der Männer richtet sich bei Bekanntwerden des vermeintlichen Kindesmissbrauches durch den Kindergärtner Lucas (Mads Mikkelsen) krass gegen seine Person. Der Sympathieträger bündelt den vereinten Hass auf sich und wird zum Target.



Mit der beliebteste Schauspieler Dänemarks: Mads Mikkelsen als Kindergärtner Lucas in "Die Jagd".
Lucas war Teil der verschworenen Dorfgemeinschaft. Jetzt richtet sie sich unheilvoll GEGEN ihn. Eine Hetzkampagne nach dem Motto "Haut den Lucas" führt den vermeintlichen Täter in dunkle Welten realer Alpträume wie etwa in Filmen von David Lynch oder der gleichnamigen Justiz.

Foto: Dänisches Filminstitut
 
Mads Mikkelsen's bekannteste Rollen:
Leibarzt Johann Friedrich Struensee in "Die Königin und ihr Leibarzt";
Rochefort in "Die drei Musektiere";
Bösewicht Le Chiffre in "James Bond 007 – Casino Royale"


Angeblich missbraucht. Annika Wedderkopp als die süße vierjährige Klara. Sie und Lucas sind ein Herz und eine Seele, doch dann nickt Klara an der falschen Stelle und das Unheil nimmt seinen Lauf. Erst reimt sie sich etwas zartes Hartes an Gerücht zusammen, dann prügelt blinder Hass den Lucas windelweich. Auch für den wissenden Zuschauer eine Qual. Spannend wie der Film das Problem angeht. 

"Die Jagd" ist die gekonnte Umsetzung des Drehbuchs von Tobias Lindholm, der übrigens auch schon für "Submarino" verantwortlich zeichnete. In diesem Paradebeispiel wird ein kleiner idyllischer Mikrokosmos als Geburtsstätte der Gewalt entlarvt und seziert, wobei der Mechanismus der unter der Oberfläche stattfindenden Kettenreaktion filmisch umgesetzt und offengelegt wird. Es ist wie beim Krebs, aus gutem Gewebe wird in diesem Fall bösartiges Gerede mit zumindest beabsichtigt letalen Folgen. Wie ein Film im Film bohrt das Gefühl der Verunsicherung bei Klaras Vater Theo (dargestellt von Thomas Bo Larsen, ebenfalls aus dem Stammpersonal), dessen Sicht für die Täter-Opfer-Relation zunächst Adrenalin bedingt völlig verstellt ist. Ein Lehrstück authentischen Kinos. Im Zusammenhang mit dem so emotional durchtränkten wie heiklen Thema Kindesmissbrauch wird person diesen Film als Beitrag zur Sonderabteilung des Selbstjustiz-Irrtums noch oft als Standardwerk zitieren.



Diese Maske ist uns allen bekannt als annähernd Format füllendes Symbol auf dem Kon-Tiki-Segel.
Der Film wurde von einer umfangreichen Plakat-Ausstellung flankiert. Eine Führung des Marketing-Managers vom Kon-Tiki Museum in Oslo, Halfdan Tangen, Jr. war die perfekte Vorbereitung zur Film-Vorstellung.
Foto: Repro des Ausstellungsplakats (Ausschnitt) Peer Kling

"Kon-Tiki" als Eröffnungsfilm

Hintergrund
Mit dem in Oslo zu besichtigenden Balsaholz-Floß Kon-Tiki segelte der Norweger Thor Heyerdahl mit seiner Crew 1947 über den Pazifik. Mit der 3770 Seemeilen (6980 km) langen und 101 Tage dauernden Expeditionsreise konnte er beweisen, dass die Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus möglich war. Sein gleichnamiger Dokumentarfilm über die Expedition gewann im Jahr 1951 den Oscar. Der Name Kon-Tiki leitet sich von dem Schöpfergott in der Mythologie der Inka ab. Dieser kam der Legende nach aus dem Osten und gründete als Kulturbringer Kon-Tiki, die Zivilisation der Inka.

Kontrastprogramm
Auch der historische Dokumentarfilm war in Lübeck zu sehen und diente sehr gut als Gradmesser für das Maß für den Wahrheitsgehalt des 2012 vornehmlich auf Malta gedrehten Spielfilms in der Regie von Joachim Rønning und Espen Sandberg. Bereits 850 000 Norweger (jede/r fünfte) haben die mit 12 Millionen Euro teuerste norwegische Filmproduktion aller Zeiten schon gesehen. Das "Kreuzverhör" der beiden eigentlich ja nichts vergleichbaren Filme geht zu Gunsten der Wahrheit aus. Die Fische kamen wirklich fast in den Kochtopf geflogen, die Haie wollten wirklich die Besatzung fressen, beim Papageien-Maskottchen war dann auch tatsächlich Staatstrauer angesagt. Na ja, die perfekte digitale Technik hat den "Floß-Huckepack" des Wals dramatisiert, aber auch ihn gab es wirklich.

Eigentlich könnte Norwegen nun zum zweiten Mal mit "Kon-Tiki" in der Schlange zum Oscar anstehen, aber nicht wenige Norweger wollen lieber einen anderen Film ins Rennen um den besten Nicht-Amerikaner, der übrigens auch fast wieder einer geworden wäre, schicken. Jedenfals hat der Film jetzt schon dem Kon-Tiki Museum aus den roten Zahlen verholfen.

Spiegel als Spielverderber
"Der Spiegel" attestierte der Floßfahrt (Ich darf mal "despek-TIER-lich" ergänzen: "Nein, mit Papagei, nicht mit Huhn") von Heyerdahl schon in seiner Ausgabe vom 26. Juni 1957 Sinnlosigkeit. Zitat: "Die Schrift der Osterinsel und die untergegangene Kultur, so berichtete Barthel dem Ethnologen-Kongreß, sind eng mit anderen, westlich liegenden Inselkulturen verwandt. Es ist demnach anzunehmen, dass Heyerdahl unrecht hat und dass seine waghalsige Floßfahrt wissenschaftlich belanglos war. Die Auffassung der klassischen Ethnologie, dass die Ureinwohner Polynesiens aus Asien stammen, wurde durch Barthels Forschungsergebnisse bestätigt."

Wie auch immer, die waghalsige Seefahrt der im Film sehr überzeugend gespielten sechs bärtigen Gestalten von Peru nach Polynesien ist und bleibt eines der größten Abenteuer des 20. Jahrhunderts. Heyerdahls Buch "Kon-Tiki: Ein Floß treibt über den Pazifik" - wurde nicht vergeblich Weltbestseller: Bereits bis 1957 erschien es in 22 Sprachen und in rund drei Millionen Exemplaren.
Und das Team hat nun einmal bewiesen, dass es dank der Passatwinde und vor allem dank der Meeresströmungen auch mit primitiven Mitteln seefahrerisch möglich gewesen wäre, dass Südamerikaner von Peru aus Polynesien besiedeln.

Ob Ihr nun das Filmabenteuer sehen wollt oder nicht, hängt davon ab, ob Ihr begeisterungsfähig seid für einen Sturkopf, der sein Lebensziel unbeirrt an allen Autoritäten vorbei und unter der Aufopferung seiner Ehe zielführend in den Wind hält und durchsetzt.
Uns hat der Film jedenfalls Spaß, Spannung und auch Wissen gebracht und Norwegen wäre ohne diese "THOR-heit" nicht Norwegen. Ja, der Film zeigt einen törichten Geniestreich, denn Thor konnte ja noch nicht einmal schwimmen und auf dem Floß, das nach der Reise wegen des Wasser aufsaugenden Balsas fast doppelt so schwer war als zu Beginn, kursierte die Frage: "Wo ist denn eigentlich Steuerbord?"
 
Peer Kling und Silke Möller-Wenghoffer