Mittwoch, 27. Februar 2013

Juliane Köhler und Liv Ullmann in dem Thriller 
"Zwei Leben" des Aachener Regisseurs Georg Maas



"Zwei Leben" läuft schon seit Oktober 2012 in norwegischen Kinos. Der Aachener Regisseur Georg Maas hat zehn Jahre Arbeit in dieses ehrgeizige Filmprojekt gesteckt und stellte das mit Spannung erwartete Ergebnis bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck im November 2012 selbst vor.

Der an tatsächlichen Begebenheiten orientierte Thriller geht dem Schicksal eines in Norwegen zur Welt gekommenen Lebensborn-Mädchens nach, das in der DDR aufwuchs und dort von der Stasi ausgebildet und als Spionin zurück in "die Kälte" nach Norwegen geschickt wurde.



Diese Geschichte ist einfach unglaublich und doch in der Essenz wahr. So fragten wir, erschlagen durch eine Mischung aus Bedrückung und Faszination nach der Vorführung den Regisseur: "Wann ist mit dem Kinostart in Deutschland zu rechnen?" "Spätsommer 2013", meinte Georg Maas. Inzwischen ist klar: 19. September 2013.




Hintergrund:

Die Gründung des "Lebensborn e. V." wurde bereits im Dezember 1935 von "Reichsführer SS" Heinrich Himmler veranlasst. Das Ziel des von der SS getragenen und staatlich geförderten Vereins war die Erhöhung der Geburtenrate auf der Grundlage der nationalsozialistischen "Rassenhygiene und Gesundheitsideologie". Für die "Züchtung" "arischer" Kinder waren auch außereheliche Beziehungen genehm, sowie Kinder aus anderen Ländern, speziell aus Norwegen, das als besonders geeignete Quelle oder Brunnen, so die Bedeutung des Wortes Born, für Arier galt. Das von den Nazis unter dem Motto, nennen wir es: "Born to be arisch" durchgeführte Programm stellt "1984" und "Schöne Neue Welt" in den Schatten.

Frauen, die in von Nazi-Deutschland besetzten Ländern Liebesbeziehungen mit deutschen Soldaten hatten, wurden von der einheimischen Bevölkerung ausgegrenzt und diskriminiert. In den Heimen des Lebensborn wurde Schwangeren daher eine anonyme Entbindung zugesichert. So kamen in Norwegen knapp die Hälfte der 12.000 Kinder von deutschen Soldaten und norwegischen Frauen in Lebensbornheimen zur Welt. Einige Hundert von ihnen wuchsen in Kinderheimen der späteren DDR auf. Als diese dann Ende der 60er Jahre Ausreiseanträge stellen wollten, um zu ihren Müttern in Norwegen zurückzukehren, kam die Stasi auf eine unglaubliche und äußerst zynische Idee...



Der 1960 in Aachen geborene Georg Maas, der in Berlin an der DFFB und anschließend bei Istvàn Szabo und Krzystof Kieslowski studiert hat, füllte den größten zur Verfügung stehenden Saal in Lübeck mit seinem Film "Zwei Leben", in dem es auch um das in Spionagekreisen nicht unübliche Ableben, vor allem aber um eine sehr spezielle Variation von Doppel-Leben geht.

Die heikle Thematik mit so vielen wahren Hintergründen und den daraus resultierenden Identitätsproblemen geht zurück auf den unveröffentlichten Roman "Eiszeiten" von Hannelore Hippe.



Der daraus resultierende Film jongliert mit Zeitebenen, mit gelebten und ungel(i)ebten Vergangen- und sonstigen Unwahrheiten und dem gesamten politischen Spektrum zwischen Nazi und Stasi. Die Thematik war und ist extrem Recherche-intensiv. Neun Jahre hat es gedauert bis zur ersten Klappe. Die Mühe hat sich gelohnt.



Der norwegische Titel von "Zwei Leben" lautet wörtlich übersetzt: "To Liv". Das klingt aber auch wie eine englischsprachige Hommage an Liv Ullmann. Sie spielt die Mutter eines Lebensborn-Kindes. Die Mitwirkung von Liv Ullmann war recht folgenreich. Für sie musste nämlich die jüngste Zeit-Ebene des Films um ein bis zwei Jahrzehnte der eigentlichen Planung vorgezogen werden, denn Liv Ullmann wollte in ihrer Rolle nicht älter sein als sie wirklich ist. Das hat zur Folge, dass die jüngste Zeitschiene des Films kurz vor der Wiedervereinigung also zu Beginn der Stasi-Auflösung liegt und nicht wie ursprünglich beabsichtigt in der wiedergewonnenen Ein-Deutschland-Zeit. Das macht das Verständnis zuweilen schwierig. Du überlegst: Ist dieser Mensch jetzt noch überzeugter Stasi-Mitarbeiter oder will er seine Stasi-Vergangenheit schon vertuschen?


Liv Ullmann als Mutter eines Lebensborn-Kindes in dem Thriller "Zwei Leben" von Georg Maas. 
(Foto: Farbfilm Verleih GmbH)



Liv Ullmanns Filmtochter Katrine wird von Juliane Köhler gespielt, wandelbar wie ein Chamäleon. Andere Perücke, andere Person. So einfach erscheint das Hin-und-her-Switchen im Doppelleben. In den wenigen Minuten zwischen "besetzt" und "frei" der Umkleide entsteht äußerlich eine andere Identität. Aber das ist nur die technische Seite einer vermeintlichen Wandlung, darinnen steckt der gleiche Mensch. Wie kann diese Frau das aushalten? So viele Lügen und so viel Schweigen! Wie passt alles zusammen, Familie, Gegenwart und Vergangenheit? Wer hat wen um was betrogen? Um dem bedrohlichen Spiel: "Wer weiß von wem wieviel?" nicht vorzugreifen sei auch hier der Mantel der Verschwiegenheit ausgebreitet.



Im Film versucht ein junger Anwalt (dargestellt durch Ken Duken) Licht ins Dunkel zu bringen. Er will die Verschleppung von Katrine nach Deutschland vor den europäischen Gerichtshof bringen...

Dieser verschachtelte Thriller veranschaulicht die überaus komplexe Kombination von Menschenverachtung in erschreckender Potenzierung des Unrechts erst durch die Nazis, dann durch die Stasi. Die Opfer des Nazi-Rassenwahns werden ein zweites Mal ausgebeutet und rücksichtslos für die Scheindemokratie instrumentalisiert.
Peer Kling & Silke Möller-Wenghoffer