Mittwoch, 24. Februar 2016

Berlinale 2016 - Wenn Spassmacher Ernst reden

George Clooney verlieh der Eröffung seinen Charme – am Tag danach sprach er mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Flüchtlingsproblematik


Zero-Days, ein weiterer Dokumentarfilm im Wettbewerb lehrt uns das Fürchten
von unseren Berlinale-Korrespondenten Peer Kling und Elisabeth Niggemann

Auch zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Eisernen Vorhangs hat sich die Berlinale das Wesensmerkmal, ein politisches Festival zu sein, erhalten. George Clooney, der in London lebende Hollywood-"Magnat" und Publikums-Magnet äußerte sich wie immer schlagfertig und diesmal auch selbstironisch zu seiner Rolle als Sandalenfilm-Held in HAIL CAESAR!. Dieser von den Coen-Brothers inszenierte Berlinale-Startschuss bietet gute Unterhaltung mit dem ganz normalen Wahnsinn des Hollywood der Fünfzigerjahre. Clooney, in der Hommage an das Goldene Zeitalter der Studio-Ära ganz die Lachnummer, kann auch anders. Dies bezeugen nicht nur die ernsten Rollen in den früheren Berlinale-Wettbewerbsfilmen THE GOOD GERMAN - IN DEN RUINEN VON BERLIN oder THE MONUMENTS MEN, dem zum Teil in Berlin gedrehten Film über den NS-Kunstraub, bei dem Clooney nicht nur eine Hauptrolle verkörperte sondern auch Regie führte. Sein aktuelles Engagement zeigte sich in dem Treffen mit Angela Merkel. Gemeinsam mit der Menschenrechtsanwältin Amal Alamuddin, die seit 2014 Clooney heißt, diskutierte er im Bundeskanzleramt über Flüchtlingspolitik.

Ausschnitt Tilda Swinton und George Clooney nach der Vorführung von Hail, Caesar!
unter der Regie der Coen Brothers zum Berlinale Auftakt 2016
Foto: Peer Kling


Der zweite Dokumentarfilm im Wettbewerb widmete sich thrillerartig dem heiklen Thema des Cyberkrieges. ZERO DAYS des Oscar-Preisträgers Alex Gibney geht dem Phänomen Stuxnet nach, einem sich selbst replizierenden Computervirus, der 2010 von internationalen IT-Experten entdeckt wurde. Die in Zusammenarbeit des israelischen Geheimdienstes mit entsprechenden Einrichtungen der Vereinigten Staaten unter großem Aufwand entwickelte Schadsoftware mit dem Decknamen "Olympic Games" zerstörte in einem beispiellosen Sabotageakt die in Natanz unterirdisch platzierten Zentrifugen zur Uran-Isotopentrennung im Iran. Ich muss unweigerlich an den Prüfungs-Kalauer im Chemiestudium denken. "Wie ist die Oxydationsstufe des Phosphors im Phosgen?" "Wie die vom Uran im Urin". Weder die Techniker im Iran, noch die Überwacher der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) konnten sich erklären, warum die Trennung so fatal "in die Hose" ging.

Stuxnet gilt aufgrund seiner Komplexität und des Ziels, Steuerungssysteme von Industrieanlagen zu sabotieren, als bisher einzigartig. Dem Film nach, hat es der israelische Geheimdienst zu verantworten, dass die Schadsoftware ungewollt nach außen drang und völlig unkontrolliert zu großen Schäden führte. Die Vorfälle in der Isotopentrennungsanlage stachelten die iranischen IT-Spezialisten zu Höchstleistungen an. Der Schuss geht nach hinten los. In Prozesssteuerungen eingeschleuste Schadsoftware, made in Iran könnte zur Explosion von Gas-Pipelines, zur Entgleisung oder Zusammenstößen von Zügen und ähnlichen Katastrophen führen. Die ausgefeilte Dramaturgie des Films ist faszinierend, das Wissen, das er transportiert und das Schreckensszenario, das er ausmalt sind erschreckend und "zum Fürchten".

Der Regisseur von Zero Days, Alex Gibney auf der Pressekonferenz in Berlin
Foto: Peer Kling

In Zero Days kommt auch der israelische Journalist Yossi Melman zu Wort. Er erregte 2009 Aufsehen, als er äußerte, dass wenn er Benjamin Netanjahus Sicherheitsberater wäre, ihm dazu raten würde, den Iran anzugreifen.
Foto: Peer Kling

Netanjahu war zur Zeit der Berlinale in Berlin zu Besuch. Die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen brachten stellenweise den Verkehr zum Erliegen, wie hier am Bahnhof Zoo.
Foto: Peer Kling